«Godzilla»-Freundin muss ins Gefängnis

Das Obergericht hat eine 37-jährige Schweizerin wegen vorsätzlicher Tötung zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Sie hat ihren brasilianischen Freund in einem Notwehrexzess erschossen.

April 2016: Das Obergericht Zürich hat sich bereits vor zwei Jahren mit dem Fall befasst. Zeichnung: Robert Honegger

April 2016: Das Obergericht Zürich hat sich bereits vor zwei Jahren mit dem Fall befasst. Zeichnung: Robert Honegger

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Am Abend des 17. November 2012 eskalierte in einer Wohnung an der Wehntalerstrasse in Zürich-Affoltern ein Streit. Fünf Schüsse fielen, kurz darauf fand die alarmierte Polizei einen 34-jährigen Brasilianer vor. Es war das blutige Ende eines langjährigen Beziehungskonflikts zwischen einer damals 31-jährigen Schweizerin und dem Brasilianer. Die Frau liess sich widerstandslos verhaften und sass bis August 2013 in Untersuchungshaft. Seitdem ist sie auf freiem Fuss. Gestern stand sie vor dem Obergericht – auf Geheiss des höchsten Gerichtes in Lausanne.

Bereits drei Gerichte haben sich mit dem Fall befasst. Im März 2015 verurteilte das Bezirksgericht Zürich die Schweizerin wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Die Frau und der Staatsanwalt, welcher damals 13 Jahre gefordert hatte, zogen beide den Fall ans Obergericht, welches ein Jahr später zu einem überraschenden Freispruch kam: Die Beschuldigte habe die Tat in einem entschuldbaren Notwehrexzess verübt. Der Staatsanwalt gelangte in der Folge ans Bundesgericht in Lausanne, welches im Oktober 2017 das Urteil aufhob und den Fall ans Obergericht zurückwies. Das Obergericht sei von einer Notwehrsituation ausgegangen, ohne zu überprüfen, ob eine solche überhaupt vorgelegen habe.

Das 190 Zentimeter grosse und 130 Kilogramm schwere Opfer hatte Kampfsport auf höchstem Niveau betrieben und trat unter dem Spitznamen Godzilla auf. Beruflich war er im Sicherheitsbereich tätig. Zwischen dem Mann und der Frau herrschte eine mehrjährige On-off-Beziehung. Er hatte immer wieder Frauengeschichten. Streit, Schläge und Drohungen gehörten zum Alltag in der Beziehung des Paares. An jenem verhängnisvollen Abend des 17. November 2012 war der Brasilianer sehr aggressiv gewesen, stand unter Kokain und bezichtigte seine Freundin fremdzugehen. Der Streit eskalierte. Er wollte sie angreifen, warf ein Sofa um und kam auf sie zu. Dabei schoss die Frau in Todesangst fünfmal auf ihn.

Frau war in Opfer verliebt

Am Prozess vor dem Obergericht vom Donnerstag sagte die kleine, zierliche Frau aus dem Zürcher Oberland, dass sie im Fitness- und Sicherheitsbereich arbeite und seit vier Jahren verlobt sei. Die lange Zeit des Verfahrens ist für sie sehr belastend und sie ist in psychologischer Behandlung. Sie sei in den Mann verliebt gewesen, sie hätten Kinder haben wollen. «Aus heutiger Sicht ist es nicht nachvollziehbar, warum ich so lange mit ihm zusammen sein konnte», sagte die Frau. Er sei sehr eifersüchtig gewesen, habe aber gar keinen Grund gehabt. Im Gegenteil, er war ihr oft untreu gewesen, was sie aber erst in der Untersuchung erfahren habe.

Warum sie dann an jenem Abend zu ihrem Freund, einem eigentlichen «Pulverfass», gegangen sei, wollte der Vorsitzende Richter Rolf Naef wissen. «Ich weiss es auch nicht, es war eine grosse Dummheit.» Weiter fragte der Richter, warum sie eine Pistole samt Munition mitgenommen habe, obwohl sie die letzten zwei Jahre die Waffe nicht benutzt habe. «Die Pistole gab mir ein Gefühl der Sicherheit, aber es war der grösste Fehler des Lebens», meinte die Beschuldigte rückblickend.

«Es war ein Irrtum, der aber innerhalb von ein, zwei Sekunden nicht vermeidbar war.»Karen Schobloch, Verteidigerin der Frau

Karen Schobloch, die Verteidigerin der Frau, verlangte erneut einen Freispruch. Das Bundesgericht habe einen Freispruch nicht explizit ausgeschlossen. Ihre Mandantin habe in Notwehr gehandelt. Sie sei in Panik und Angst gewesen. Ihre Wahrnehmung sei verzerrt gewesen, sie habe in einer Fehleinschätzung auch noch dann auf den Mann zwei Kugeln abgefeuert, als dieser schon am Boden lag. «Es war ein Irrtum, der aber innerhalb von ein, zwei Sekunden nicht vermeidbar war», sagte Schobloch.

Staatsanwalt Matthias Stammbach verlangte wegen vorsätzlicher Tötung eine Strafe von elf Jahren. Bei den ersten drei Schüssen auf den Oberkörper habe es sich um einen nicht entschuldbaren Notwehrexzess gehandelt. Ein Warnschuss oder Schüsse in die Arme oder Beine wären möglich gewesen. Bei den beiden weiteren Kugeln auf das wehrlose Opfer habe keine Notwehrsituation mehr bestanden, deshalb der Vorwurf der vorsätzlichen Tötung. Die Frau habe die Waffe mitgenommen, weil sie Übergriffe des Opfers befürchtete.

Der Beschuldigten wurde übel

Für das Obergericht war nach dem Entscheid des Bundesgerichts der Spielraum klein, wie der Vorsitzende Rolf Naef sagte. Es verurteilte die Frau wegen vorsätzlicher Tötung, begangen im entschuldbaren Notwehrexzess, zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Die Frau habe den Tod ihres Freundes nicht gewollt oder geplant, aber bei fünf Schüssen in den Oberkörper handle es sich ganz klar um vorsätzliche Tötung. Das Gericht ging im Gegensatz zum Staatsanwalt davon aus, dass bei allen fünf Schüssen eine Notwehrlage bestanden habe. Mit der Mitnahme der Pistole zum Freund, einem eigentlichen «Pulverfass», habe die Frau voraussehen können, dass es zu einem Waffeneinsatz kommen könnte. Die Beschuldigte habe damit die Notwehrlage mitverursacht. «Sie haben mit der Pistole eine hochriskante Gefahrensituation geschaffen», sagte Oberrichter Rolf Naef in der Urteilsbegründung.

Die Beschuldigte, hatte zu diesem Zeitpunkt den Gerichtssaal bereits verlassen. Es war ihr nach der Urteilsverlesung schlecht geworden. Auf Bitte ihrer Anwältin durfte sie hinaus zu ihren Angehörigen gehen. Ob die Verteidi­gerin oder der Staatsanwalt das Urteil akzeptieren oder erneut an Bundesgericht gelangen, was möglich ist, liessen beide noch offen.

Erstellt: 28.06.2018, 21:13 Uhr

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Entschuldbare Notwehr

Obligatorische Strafmilderung

Das Schweizer Strafgesetzbuch kennt zwei Arten von Notwehr:

Rechtfertigende Notwehr: Wer ohne Recht angegriffen wird, darf sich verteidigen. Das gilt auch dann, wenn der Angriff erst unmittelbar bevorsteht. Der oder die Angegriffene ist nicht verpflichtet, zu fliehen. Allerdings ist die angegriffene Person verpflichtet, «den Angriff in einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren». Das bedeutet, dass der Angriff nicht mit andern, weniger gefährlichen Mitteln hätte abgewendet werden können. Das kann je nach Art des Angriffs sogar die Tötung des Angreifers erlauben.

Entschuldbare Notwehr: Wird der Angriff nicht in einer den Umständen angemessenen Weise abgewehrt, überschreitet der oder die Angegriffene also die Grenze der erlaubten Notwehr, berücksichtigt das Gericht diesen Aspekt bei der Festsetzung der Strafe. Der sogenannte Notwehrexzess ist ein obligatorischer Strafmilderungsgrund. Wer die Grenze der erlaubten Notwehr «in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff» überschreitet, handelt sogar nicht schuldhaft und muss freigesprochen werden. Dabei prüft das Gericht, ob auch ein rechtlich gesinnter Mensch durch den Angriff in Aufregung und Bestürzung geraten wäre. Entschuldbar wäre beispielsweise eine nachvollziehbare Todesangst. Wer den Angriff auf sich selber verschuldet hat, kann sich aber nicht auf Bestürzung berufen. (thas.)

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