Goldküsten-Gymi: Mit Pioniergeist an den Start

Jürg Berthold und Martin Zimmermann legen los im ersten neuen Gymi im Kanton Zürich seit 40 Jahren. Das sind ihre Pläne.

Prorektor Jürg Berthold (l.) und Rektor Martin Zimmermann wollen bis Weihnachten alle Schüler mit Namen kennen. Bild: Doris Fanconi

Prorektor Jürg Berthold (l.) und Rektor Martin Zimmermann wollen bis Weihnachten alle Schüler mit Namen kennen. Bild: Doris Fanconi

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In Uetikon wird im August die 22. öffentliche Mittelschule im Kanton Zürich eröffnet. Die Schulleiter gehen mit Pioniergeist an die Arbeit. Das schürt bei der Konkurrenz Unbehagen.

Uetikon, das unscheinbare Dorf in den Rebbergen über dem Zürichsee, ist derzeit im Ferien­modus. Etwas abseits jedoch, zwischen Sonnenblumenfeld und Post, ist von Sommerschlaf nichts zu spüren. Hier wird gerade Schulgeschichte geschrieben: Zum ersten Mal seit über 40 Jahren wird im Kanton wieder ein neues Gymnasium gebaut.

Die Situation ist ähnlich wie 1973: Die Mittelschulen im Kanton Zürich sind ausgelastet, die Schülerzahlen steigen, und ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen. Erziehungsdirektor Alfred Gilgen (LdU) hatte damals in Urdorf eine Filiale der Kantonsschule Zürich eingeweiht, die 1977 zur Kantonsschule Limmattal wurde. Vergangenen November war es Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP), die in Ueti­kon den Spatenstich für die neue Kantonsschule vornahm.

Die grossen Maschinen sind vom Schulareal abgezogen, mit jedem Tag wird die Baustelle kleiner, nähert sich das Schulhaus der Vollendung. Über den Schulhausplatz eilen bereits die ersten Lehrer, die Kisten in ihre Zimmer tragen, und natürlich Rektor Martin Zimmermann sowie Prorektor Jürg Berthold: die zwei Schlüsselfiguren an der KUE, der Kantonsschule Uetikon. Obwohl Philosoph Berthold und Germanist Zimmermann über 30 Jahre Mittelschulerfahrung mitbringen und schon etliche Jahre bei der Schulentwicklung an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon zusammenarbeiten, ist Uetikon für sie ein Abenteuer. «Die Herausforderung ist, wendig zu sein, um dieses Projekt zum Laufen zu bringen», sagt Zimmermann.

Immerhin ist ihm der Umgang mit Neuem nicht fremd. In Wetzikon hat er eine der meistbeachteten Innovationen an den Zürcher Mittelschulen der vergangenen Jahre durchgeführt: das Selbstlernsemester. Am Anfang war es vor allem eine Sparmassnahme, weil für diese Art des Lernens ein halbes Jahr kein klassischer Unterricht mehr nötig war. Inzwischen gilt das selbst organisierte Lernen auch an anderen Schulen als ideale Vorbereitung auf die Universität.

Pädagogischer Rütlirapport

Innovation wollen Zimmermann und Berthold auch in Uetikon grossschreiben. Die Voraussetzungen sind ideal: Es gibt noch keine eingefahrenen Gewohnheiten, und die Schule ist klein, im Vergleich mit den anderen Kantonsschulen sogar winzig. Sie startet Mitte August mit rund 50 Schülerinnen und Schülern im Langgymnasium und 50 im Kurzgymi. «Schulen von der Grösse der KZO sind schwerfällige Tanker. Im Vergleich dazu ist Uetikon ein Schnellboot», sagt Berthold.

Zwei Stunden Latein werden durch
Lektionen in Technik sowie Robotik ersetzt.

Er hat sich mit Zimmermann schon viele Stunden darüber unterhalten, wie sie diese Wendigkeit ausnützen sollen. Sichtbar wird das nun in der vom Kanton vorgegebenen Stundentafel: Im Langgymnasium werden zwei Lektionen weniger Latein angeboten als üblich, dafür neu Robotik und Technik. In anderen Mittelschulen herrscht bereits Unbehagen, dass diese Neuerung Schule machen und zu einem Abbau bei den sprachlichen Fächern führen könnte. «Die Angst ist unbegründet», sagt Zimmermann. Man wolle zwar das pa­pierlose Arbeiten forcieren, die Digitalisierung werde aber nicht einfach übernommen, sondern auch hinterfragt.

Der Pioniergeist, der in Uetikon kurz vor der Eröffnung zu spüren ist, soll so lange wie möglich zur KUE gehören. «Wir wollen eine Schule sein, mit der sich Lehrer und Schüler identifizieren.» Darum waren Berthold und Zimmermann vergangene Woche zur Erkundung im Entlebuch und im Emmental. Auf die gleiche Bergwanderung wollen sie im Oktober mit Sekretärinnen, Hauswart und Schülern, damit die einzelnen Akteure zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. Ein pädagogischer Rütlirapport in Kemmeriboden Bad. Zimmermann und Berthold haben sich zudem vorgenommen, bis Weihnachten nicht nur alle Angestellten mit Namen zu kennen, sondern auch alle Schülerinnen und Schüler, was in Wetzikon aussichtslos war.

Ergänzung statt Überlappung

Die Kantonsschule Uetikon ist die 22. öffentliche Mittelschule im Kanton Zürich. In der Bevölkerung an der Goldküste und bei den künftigen Schülerinnen und Schülern scheint sie sich bereits etabliert zu haben – mithilfe von Projektleiter Urs Bamert und seinem Team. Im Frühling hat Bamert die Aufnahmeprüfung durchgeführt und ist von Interessenten fast überrannt worden. Auch im Dorf hat er Goodwill gespürt: «Wir wurden sehr freundlich aufgenommen, und die Behörden haben uns unkompliziert das Dorfschulhaus für die Prüfung zur Verfügung gestellt.»

Inzwischen ist klar, woher die Schülerinnen und Schüler in die KUE kommen werden: fast ausschliesslich aus Stäfa, Männedorf, Uetikon und Meilen. Bisher sind zahlreiche Schüler aus diesen Gemeinden nach Küsnacht gefahren. In der dortigen Kantonsschule hatte man anfänglich besorgt auf die Konkurrenz in Uetikon reagiert, wie Prorek­torin Sandra Pitel bestätigt. Allerdings hat sich das Unbehagen inzwischen verflüchtigt, weil auch in Küsnacht die geplanten Klassen gefüllt werden konnten – selbst wenn etwas weniger Schüler aus den oberen Seegemeinden kommen. Beruhigt hat Pitel auch, dass Uetikon vor allem auf die Naturwissenschaften setzt, während Küsnacht das musische Matur-Profil weiter allein anbieten kann. «Die Angebote unserer Schulen überlappen sich wenig, sie ergänzen sich.»

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Für 2020, wenn in Wädenswil ein weiteres Gymnasium öffnet, ist die Prorektorin aus Küsnacht ebenfalls zuversichtlich, weil das musische Profil auch dort nicht vorgesehen ist. Mittelfristig erwartet sie wegen der steigenden Schülerzahlen ohnehin keine Schwierigkeiten.

Die Aula fehlt

In Uetikon freuen sich Rektor Zimmermann und Prorektor Berthold, dass es am 20. August endlich losgeht. Alle 28 Lehrerinnen und Lehrer sind eingestellt, die Lehrpläne geschrieben, und das Schulhaus, das bis in fünf Jahren 500 Schülerinnen und Schüler aufnehmen wird, steht bereit. Einen Schönheitsfehler hat der 18-Millionen-Franken teure Modulbau indes: Es ist nur eine Lösung auf Zeit, denn am Ende soll die Kantonsschule Ueti­kon unten am See auf dem Areal der Chemiefabrik stehen. Bis dort das Land von den Alt­lasten befreit und die definitive Schule mit 1500 Plätzen gebaut ist, dauert es mindestens zehn Jahre. So lange wird die KUE mit dem Provisorium im Dorf vorliebnehmen müssen.

Das Wort Provisorium hört Zimmermann allerdings nicht gern, denn in seinem Schulhaus fehlt es an fast nichts: helle Zimmer, neue Möbel, modernste Ausrüstung. Das Einzige, was er vermisst, ist eine grosse Aula. Ber­thold weiss, wie dieses Manko zu überbrücken wäre: mit der Holzpasserelle, welche die beiden Unterrichtstrakte verbindet. Sie gäbe eine schöne Freilichtbühne ab, und auf dem Pausenplatz hätte es Platz für ein grosses Publikum.

Und dann gibt es noch einen letzten Schönheitsfehler: Zimmermann und Berthold werden die Schule nicht mehr hinunter an den See führen – bis dann sind sie im Ruhestand. Rektor Zimmermann nimmt das gelassen und erinnert an Moses: «Er hat das Gelobte Land auch nur aus der Ferne gesehen. Die Israeliten wurden von seinem Nachfolger nach Galiläa geführt.»

Erstellt: 24.07.2018, 23:11 Uhr

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Mit dem Neubau der Kantonsschule Uetikon und auch mit der geplanten Kantonsschule für das linke Seeufer in Wädenswil versuchen die Zürcher Behörden, das Schülerwachstum der nächsten knapp 15 Jahre aufzufangen. Gemäss den Prognosen der Bildungsdirektion wird die Zahl der Gymnasiasten im Kanton Zürich bis 2032 von 16 400 auf 21 200 ansteigen. Das entspricht einem Zuwachs von 29 Prozent. Diese Prognose ist ziemlich genau, da fast alle Kinder, die bis 2032 eine Mittelschule besuchen werden, bereits geboren sind.Mit Abstand am grössten ist der erwartete Zuwachs in Zürich. So sollen die zwei neuen Schulen am Zürichsee in erster Linie die städtischen Gymnasien entlasten. Bereits heute pendeln von den beiden Seeufern je 1500 Mittelschüler nach Zürich. Allerdings wird auch in den anderen Regionen über den Ausbau der Kapa­zitäten diskutiert, etwa in Urdorf, Uster, Wetzikon und Winterthur.

Besonders heikel ist die Situation in Uster: Dort ist die Schule seit Jahren in Provisorien unter­gebracht. Der Umzug in die definitiven Schul­räume im neuen Bildungszentrum war für kom­menden Frühling vorgesehen. Daraus wird allerdings nichts: Gemäss der NZZ braucht die Berufsschule mehr Platz als vorgesehen, weshalb die Kantonsschule noch länger in den Containern bleiben muss. (sch)

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