Goldrausch im Zürcher Oberland

In manchen Zürcher Bächen werden Goldwäscher fündig. Und das Gold ist hochkarätig.

Manfred Wiedmer, Vizepräsident der Schweizerischen Goldwäschervereinigung, wäscht Gold im Bach. (Video: Lea Blum und Hélène Arnet)

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Das Wasser schwappt mir von oben in die Gummistiefel, und in der Schaufel, die so schwer schien, liegt nicht der kleinste Kieselstein. Auch beim Goldwaschen macht die Übung den Meister.

Dieser Meister trägt beinlange Watstiefel wie ein Fischer, heisst Manfred Wiedmer und ist Vizepräsident der Schweizerischen Goldwäschervereinigung. Und er lacht über mein verdutztes Gesicht beim Anblick der leeren Schaufel.

Im Sommer hat die Zürcher Fischerei- und Jagdverwaltung auf der Website des Kantons ein Infoblatt aufgeschaltet, in dem sie das Goldwaschen im Kanton Zürich regelt. Dabei geht es etwa um Schonzeiten, damit der Laich oder die frisch geschlüpften Brütlinge der Forellen nicht beeinträchtigt werden, oder um den Einsatz von Geräten. In Naturschutzgebieten ist das Goldwaschen generell verboten.

Die besten Plätze sind geheim

Goldwaschen in Zürich? Im Napfgebiet, ja, das ist bekannt. Doch regelt der Kanton wohl nicht etwas, was gar nicht oder kaum vorkommt. Ein Eldorado sei das Züribiet nicht gerade für Goldwäscher, sagt Wiedmer. Doch gebe es im Ober- und Unterland einige recht gute Goldbäche. Geht es etwas genauer? Ginge schon, doch sind da die Goldwäscher wie die Pilzsammler: Die besten Plätze behalten sie für sich.

«Bei der Wahl des Baches helfen auch Geologiekenntnisse», sagt der Meteorologe. Der Rhein- und der Linthgletscher brachten goldhaltiges Geröll aus den Alpen in die Ostschweiz, das durch die Erosion der Moränen in unsere Flüsse und Bäche gelangte und sich in der Sohle absetzte.

So ist es zum Beispiel geschehen im Zürcher Oberland in der Töss und ihren Zuflüssen sowie im Zürcher Unterland rund um die Glatt. Das bekannteste Zürcher Goldgebiet ist das Kemptnertobel. War das Kemptnertobel. Unterdessen ist es ziemlich leer «gewaschen».

Die Schleuse oder Waschrinne. Bild: Urs Jaudas

Manfred Wiedmer hat die schwerste körperliche Arbeit bereits vor unserer Ankunft getan. Ein Steinmännchen am Bachufer zeigt, wo er ein knietiefes Loch im Wasser gegraben hat, etwas weiter unten liegt in der Strömung eine rund einen Meter lange Schleuse aus Alublech. Sie dient als Waschrinne.

Es ist ein idyllischer Ort in einem schmalen, bewaldeten Tobel. Vermooste Baumstämme liegen im Wasser, wohl von den letzten Stürmen geworfen. «Das war einst ein richtig guter Goldbach», sagt Wiedmer. Doch sei er mittlerweile bereits an vielen Orten «gekehrt».

Das heisst, das Geschiebe im Uferbereich und aus der Sohle wurde bereits durchsucht. Eine Vorprobe mit Waschpfanne und Sieb hat aber ergeben, an dieser Stelle könnte man noch fündig werden.

Picker und Nuggets

Mit einer Schaufel heben wir nun Material aus dem Loch und befördern es in die Schleuse. Diese ist vorne mit einer gerillten Gummimatte und hinten mit Teppich und Streckgitter belegt, um Sand und Gold zurückzuhalten.

Gold ist mit seinem spezifischen Gewicht von 19,3 Gramm pro Kubikzentimeter schwerer als das andere Material, etwa Stein. Zum Vergleich: Das spezifisches Gewicht von Blei beträgt 11,4 Gramm. Deshalb sinkt das Gold schneller als alles andere und sammelt sich in der Schleuse meist vorn – sollte es denn solches drin haben.

Zürcher Gold: Werden auch wir fündig? Bild: Urs Jaudas

Während Wiedmer schaufelt, erzählt er von früheren Funden: Vor Jahren hat er in einem Bach unweit von Bassersdorf einen vier und einen sechs Millimeter grossen Goldflitter gefunden. «Ein bis zwei Millimeter sind schon guter Durchschnitt.»

Und vor kurzem fand ein befreundeter Goldwäscher unweit von hier ein sieben Millimeter grosses und 0,3 Gramm schweres Goldpartikelchen. «Ein so grosses Teil heisst Picker, solange es leichter als ein Gramm ist. Erst darüber sprechen Eingefleischte von einem Nugget.» Findet man Nuggets auch im Raum Zürich? Er schmunzelt und schaufelt weiter.

Dass es auch in Zürcher Bächen Gold gibt, ist erst Mitte der 1960er-Jahre entdeckt worden. Damals begann der Schaffhauser Geologe Franz Hofmann, die Region systematisch nach Goldvorkommen abzusuchen und zu kartieren. Im bündnerischen Surselva-Gebiet begann in den 1970er-Jahren sogar ein eigentlicher Goldrush.

Schwenken, wippen, kippen. Bild: Urs Jaudas

Der im Berner Seeland aufgewachsene Wiedmer war damals ein Teenager und erinnert sich lebhaft an die abenteuerlichen Geschichten, die man davon erzählte: «Die ersten Hobbygoldwäscher konnten in etwas abgelegeneren Tälern die Nuggets von den Felsen am Bach einsammeln.» Damals ist sein Interesse für dieses Hobby geweckt worden.

Mittlerweile fördert selbst der Meister nicht mehr viel lockeres Gestein aus dem Wasserloch zutage. «Nun kommt der grosse Moment», sagt er bewusst theatralisch. Er watet zur Schleuse und hebt im vorderen Teil das Lochblech hoch. Zugegeben, wir halten den Atem an.

Und trauen unseren Augen nicht: Es glänzt etwas, es glimmert gelb. Auf der profanen schwarzen Riffelgummimatte liegen einige Goldpartikel. «Nicht schlecht», sagt Wiedmer. «Schätzungsweise hundert Milligramm.» Wir sind begeistert.

Tatsächlich: Gold! Bild: Urs Jaudas

Und wir rechnen: Ein Kilo Gold ist 48'000 Franken wert, ein Gramm also 48 Franken, hundert Milligramm 4 Franken 80. Trotzdem: pures Gold! Selbst gefunden in einem nah gelegenen Bach.

Sehr pur sogar, wie Wiedmer ergänzt. Das Zürcher Gold ist nämlich hochkarätig, der Gehalt beträgt 92 bis 94 Prozent. In der Surselva sind es wegen des hohen Silberanteils nur circa 75 Prozent.

Nun ist Feinmotorik gefragt

Die Arbeit ist allerdings noch nicht getan. Der Inhalt der Schleuse wird samt unserem Gold in einen Eimer geschüttet und gewässert, denn die feinen Goldflitter lassen sich nicht einfach aus der Matte klauben. Nun ist die Feinmotorik gefragt.

Erst wird im Eimer, dann in der Waschpfanne das Gold vom übrigen Material getrennt. Dabei macht man sich wiederum zunutze, dass das Gold sich schneller absenkt und auch träger bewegt als das andere Material. Wiedmer schwenkt die Pfanne sanft im Wasser, wippt und kippt sie leicht, damit die obere Schicht weggeschwemmt wird, schwenkt, wippt und kippt wieder.

Zwei Nägel und etwas Blei werden sichtbar. Er steckt sie in eine Tüte. «Das Blei ist Gift im Wasser», sagt er. Allmählich bleibt nur noch eine Schicht schwarzer Sand. Dazwischen funkelt es.

Das Nugget des Meisters

Nachdem Wiedmer die Goldpartikel mit einem Plastikfläschchen eingesaugt hat, kramt er ein braunes Filztäschchen aus dem Rucksack. Er öffnet es vorsichtig und leert den Inhalt auf meine Handfläche.

Das Nugget, das wir nicht gefunden haben. Bild: Urs Jaudas

Das unförmige Ding ist etwa so gross wie ein Erdnüsschen – aber viel schwerer. «Zwei Gramm», sagt er. «Ein Nugget aus einem Ostschweizer Bach. Mein grösstes in der Schweiz gefundenes Stück.» Wir finden: 100 Milligramm sind auch ganz gut, denn schliesslich macht ja eben die Übung erst den Meister.

Erstellt: 13.10.2019, 23:52 Uhr

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