Gondel am Abgrund – Achterbahnfahrt bei Flüelen

Es braucht Mumm, um mit der Seilbahn steil hinauf nach Oberaxen zu fahren. Aber oben angelangt, wird man belohnt.

Hart am Abgrund: Die Fahrt mit der Gondel zum Oberaxen. (Video: Tina Fassbind, Schnitt: Marco Pietrocola)

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Sassen Sie schon einmal in der vordersten Kabine einer Achterbahn? Dann kennen Sie dieses Gefühl, vor dem Abgrund zu baumeln und zu wissen: Hier gehts gleich runter, und nichts kann das verhindern. Es kribbelt im Bauch, der Puls rast, die Augen starren weit aufgerissen in die Tiefe. Kurz bevor einen die Panik ergreift, rasselts dann über die Kante.

So in etwa fühlt sich die Talfahrt in der Gondel von Oberaxen nach Flüelen an – wenn auch in sehr viel gemächlicherem Tempo. Gleich hinter einem Seilbahnmasten, der sich gerade noch oberhalb der Steilwand festkrallt, tut sich der Talgrund auf. 500 Meter nichts als Leere. Weit unten flitzen die Surfer über das Urnerbecken des Vierwaldstättersees wie ferngesteuerte Stecknadeln. So viel Luft unter einem, das ist nichts für schwache Nerven.

«Ich höre es ab und zu aus der Kabine herausschreien, wenn sie über die Bergkante fährt», sagt die Bahnwartin Pia Gisler. Aber es bestehe kein Grund zur Sorge: «Es ist noch nie etwas passiert.»

Föhn bestimmt den Fahrplan

Die Gondelbahn wurde 1998 nach neusten Sicherheitsstandards erbaut. Sie stellt den Betrieb automatisch ein, wenn die Windgeschwindigkeit 50 km/h überschreitet. Für Gisler eine grosse Erleichterung. «Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob ich die Seilbahn fahren lassen darf oder nicht. Die Elektronik übernimmt diese Entscheidung für mich.»

An dieser Ecke des Kantons Uri, wo der Südföhn mit bis zu 150 km/h blasen kann, ist das Bähnchen allerdings oft blockiert. «Als meine Enkelin getauft wurde, mussten wir alle zu Fuss ins Tal, weil der Föhn so stark war», erinnert sich Gisler. Grundsätzlich erleichtere die Seilbahn aber das Leben der Bewohner von Oberaxen, sagt Gisler, deren Familie den Bahnbetrieb in dritter Generation führt. «Früher gab es nur eine Materialbahn hier hoch. Mein Mann musste als Kind noch jeden Tag je eine Stunde zu Fuss runter zur Schule und wieder zurück.»

Auch Kälber nehmen die Seilbahn

Trotzdem wünscht sich Gisler manchmal eine Strasse hier hoch. Zum Beispiel, wenn es Kälber ins Tal zu schaffen gilt. Drei Leute müssten dann jeweils beim Einladen helfen, zwei beim Ausladen, und einer fahre in der Gondel mit, denn diese sind nur auf 400 Kilogramm zugelassen. Das Kalb alleine wiegt rund 300. «Und wenn der Föhn kommt, können wir die ganze Übung wieder abblasen.»

Vorerst aber bleibt Oberaxen autofrei, was vor allem Touristen schätzen. Für sie ist allein die Fahrt im Gondelbähnchen mit seiner eigenwilligen Form ein Ereignis. Und wer sich vom Blick in die Tiefe nicht ablenken lässt, kann einfach nur die einmalig schöne Sicht aufs Reusstal und die Urner Berge geniessen. (tif)

Unschlagbar fein: Das «Axä-Kafi» im Bergrestaurant Oberaxen. (Bild: Tina Fassbind)

Unser Rating: Die Fahrt hinauf zum Oberaxen ist nicht jedermanns Sache. Aber alleine für das «Axe-Kafi», das es nur dort oben gibt, sollte man es unbedingt wagen. Hat man erst einmal eines getrunken, ist der Bammel vor der Rückfahrt wie verflogen. (tif)

Eckdaten der Seilbahn Oberaxen:

Unser Wandertipp:

Von Oberaxen geht es zunächst steil aufwärts. Bald erreichen wir den Urner Wildheuerpfad, den es seit bald zehn Jahren gibt. Er führt durch die steile Flanke des Rophaien und ist dabei ein korrekter Bergpfad für alle normal trittsicheren Wanderer – Schilder informieren über die gefährliche Arbeit der Bergbauern. Grandios der Tiefblick auf den Urnersee. Am Schluss senkt sich der Pfad nach Eggbergen: schon wieder eine Seilbahn. Sie führt hinab nach Flüelen. 3 Stunden 15 Minuten. 771 Meter aufwärts, 318 abwärts. (tow)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2017, 10:57 Uhr

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Neben einem Erlebnisbericht über die Seilbahnfahrt samt Videoclip gibt es zu jedem Berg, den wir für Sie ergondeln, einen Wandertipp und ein Rating. Jeden Montag stellen wir ein weiteres Seilbähnchen vor. Nach der Palfries-Bahn im Kanton St. Gallen und dem Oberaxen im Kanton Uri werden wir kommende Woche eine Fahrt zur Tschinglen Alp im Kanton Glarus wagen.

Kleine Seilbahnbetriebe in der Schweiz haben einen schweren Stand: In den letzten Jahren wurden die gesetzlichen Anforderungen an Sicherheit und Unterhalt massiv erhöht. Die Klein- und Kleinstunternehmen können sich die nötigen Unterhaltsarbeiten und hohen Ersatzinvestitionen, die rasch in die Hunderttausende Franken gehen, kaum mehr leisten.

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