Zürcher Oberländer Gemeinde leistet Widerstand

Mehr als 600 Leute versammelten sich, um gegen die geplante Mülldeponie im Tägernauholz zu demonstrieren.

Über 600 Menschen sind gekommen, um gegen die Abholzung von 7000 Bäumen für die Deponie zu demonstrieren. Foto: Fabienne Andreoli

Über 600 Menschen sind gekommen, um gegen die Abholzung von 7000 Bäumen für die Deponie zu demonstrieren. Foto: Fabienne Andreoli

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Ein Waldstück zwischen Gossau und Grüningen im Zürcher Oberland. Hündeler kreuzen sich auf den Wegen, andere sind hoch zu Ross unterwegs, von weitem ist die Forchautobahn zu hören, die das Waldstück durchschneidet. Doch diese Strasse ist nicht das Einzige, was die Waldidylle an diesem strahlenden Samstagmorgen durchkreuzt. Es sind auch die ungewöhnlich vielen Menschen auf den Waldwegen, die alle in dieselbe Richtung gehen, die parkierten Autos auf dem nahen Feld, die vielen Menschen unten am Waldrand. Gemäss den Veranstaltern sind über 600 gekommen, um zu demonstrieren. Gelbe Ballone flattern auf 30 Metern Höhe im Wind, aus Boxen ächzt Baggerlärm.

«So wird das einmal tönen, wenn der Bau begonnen hat», sagt Susanne Jenny. Die ehemalige Grüninger Gemeindepräsidentin (parteilos) steht auf einem Wagen mit der Aufschrift «DepoNIE Rebellen». Die gelben Ballone markierten die Höhe der geplanten Deponie, sagt sie. Dort soll Schlacke eingelagert werden, Rückstände aus der Müllverbrennung der acht Kilometer entfernten Kehrichtverbrennungsanlage Hinwil.

Ein «optimaler Standort»

«Wir wollen uns nicht an einen kaputten Wald gewöhnen», sagt Susanne Jenny. Dieser sei «grüne Lunge» und Naherholungsgebiet der ganzen Gegend. Wieder Applaus. Sie spricht die Praxis des Kantons an, der nicht imstande sei, die 2013 gebaute Kerichtverbrennungsanlage in Hinwil mit regionalem Müll auszulasten. Und deshalb Abfall aus dem ganzen Kanton ins Oberland schaffe. Sie kritisiert die Planer, alte Zahlen vorzulegen, um die Deponie zu rechtfertigen. Der Kanton gehe den Weg des geringsten Widerstands, sagt sie, es gebe Alternativen zum Tägernauer Holz. Immer wieder brandet Applaus durch die Reihen der ansonsten ruhigen Zuschauerinnen und Zuschauer.

«Wurstsalat» heisst einer der drei extra komponierten Protestsongs, die lokale Musiker auf der improvisierten Bühne spielen. Foto: Fabienne Andreoli

Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) argumentiert in einem Schreiben, dass die hydrogeologischen Voraussetzungen beim Tägernauer Holz einfach ideal stimmten. «Der Standort ist einer der wenigen geeigneten im Kanton Zürich», sagt Awel-Sprecher Wolfgang Bollack. Zudem werde das Gebiet nach 20 Jahren wieder renaturiert. Mindestens 100 Jahre würde es dauern, bis der Wald wieder der gleiche sei wie heute, sagt Jenny.

14 Fussballfelder gross

Wie gross das Ausmass der geplanten Rodung ist, zeigt ein weiss-rotes, von Aktivisten angebrachtes Band ein paar Hundert Meter oberhalb der Wiese im Wald. Es steckt die Fläche von rund 10 Hektaren ab, das sind etwa 14 Fussballfelder. Um die Deponie zu bauen, müssten 7000 Bäume gefällt, der Wald­boden ausgehoben und Schlacke aus der Kehrichtverbrennung eingelagert werden.

Hier geht Jenny ins Detail: Es gehe nicht um die Methode, die in der modernen, acht Kilometer entfernten KVA in Hinwil angewendet werde. Diese sei unbedenklich und fortschrittlich. Dank eines Verfahrens, bei dem anstatt mit Trocken- mit Nassschlacke gearbeitet wird, gelingt es sogar, wertvolle Metalle wie Kupfer, Aluminium, Gold oder Silber aus dem Kehricht herauszufiltern. Doch das Verfahren sei noch nicht genug ausgereift, sagt Susanne Jenny.

Das sei mit ein Grund, warum das Volumen der Deponie im Lauf der Planung habe vergrössert werden müssen. Ebenso, dass künftig Material aus dem ganzen Kanton in Hinwil aufbereitet werde. Anstatt 750'000 Kubikmetern sind jetzt 1,5 Millionen vorgesehen, anstatt sechs Hektaren Fläche deren zehn. Ob es wirklich dazu kommt, wird der Kantonsrat in der nächsten Legislatur entscheiden. Da die beratende Kommission die nötige Richtplanänderung bereits gutgeheissen hat, dürfte das Geschäft gute Chancen haben, auch im Rat durchzukommen.

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Das ändert freilich nichts daran, dass sich in den umliegenden Dörfern nur schwer jemand finden lässt, der sich nicht gegen die Deponie äussert. Die Argumente in der Bevölkerung: Unser Naherholungsgebiet ist in Gefahr. Wie einhellig die Stimmung in der Region ist, zeigt sich an diesem Morgen auch an der ­altersmässig stark durchmischten Menge der Demonstranten.Zudem unterstützen regionale Parteisektionen von der SVP bis zu den Grünen das Anliegen der Deponiegegner.

Plötzlich alle für die Gegner

Und so treten an der Demonstration nun auch Kantonsrats­kandidatinnen und -kandidatenaller grossen Parteien auf. Sie ­beziehen einhellig Stellung gegen die Deponie. Die Präsidentin der Zürcher Grünen, Marionna Schlatter, steht diesem Konsens allerdings skeptisch gegenüber. Ausser den Grünen habe in der Kommission keine Partei gegen die Deponie gestimmt. «Es ist Wahlkampf», sagt ein Zuhörer und schüttelt den Kopf. Schlatter fügt an, dass alle Oberländer Politiker im Kantonsrat nun gefordert seien, ihre kritische Haltung auch in den Fraktionen durchzusetzen.

Auch wenn die Deponiegegner ihr Anliegen kaum politisch durchbringen werden, Susanne Jenny sieht ihre Chancen, die Deponie zu verhindern, intakt. Die Gruppe werde den juristischen Weg beschreiten.

Erstellt: 24.02.2019, 22:11 Uhr

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