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Hätte sich der Suizid von Natalie K. verhindern lassen?

Fachleute sind sich nur in einem Punkt einig: Die Frau wäre in einer psychiatrischen Klinik besser aufgehoben gewesen.

Natalie K. war von der psychiatrischen Klinik Rheinau (Bild) ins Bezirksgefängnis Zürich gebracht worden. Foto: G. Bally (Keystone)
Natalie K. war von der psychiatrischen Klinik Rheinau (Bild) ins Bezirksgefängnis Zürich gebracht worden. Foto: G. Bally (Keystone)

Die 27-jährige Natalie K. lag am Freitagnachmittag tot in ihrer Zelle im Bezirksgefängnis Zürich. Gemäss bisherigen Erkenntnissen hat sich die Frau, die am 1. Januar in Flaach mutmasslich ihre Kinder getötet hat, stranguliert. Das führt zur Frage: Wie weit können oder müssen die Behörden gehen, um eine Selbsttötung zu verhindern?

Der Spielraum sei nicht beliebig gross, sagte Thomas Manhart, Leiter des Amts für Justizvollzug Zürich, am Samstag vor den Medien. So sei es zwar möglich, eine gefährdete Person in Papierwäsche gekleidet in einer Zelle mit nur einer Matratze unterzubringen und rund um die Uhr zu überwachen. Dies sei jedoch ein unhaltbarer Eingriff in die Menschenwürde.

Auch Ruth Baumann-Hölzle, Mitglied der nationalen Ethikkommission, ist der Meinung, dass selbst die besten Behörden einen Suizid nicht verhindern können. «Eine absolute Kontrolle gibt es nicht, denn sie würde die Würde des Menschen verletzen. Der Rechtsstaat kann nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln.»

Zudem bestehe in der Schweiz die Freiheit zur Selbstschädigung und das Abwehrrecht gegenüber lebenserhaltenden Massnahmen, so Baumann-Hölzle weiter. «Auch Häftlinge haben diese Rechte. Allerdings werden sie nur ­urteilsfähigen Menschen zugestanden.»
War es ein «Bilanzsuizid»?

Ist eine Person suizidgefährdet und nicht mehr urteilsfähig, müssen die Behörden Massnahmen ergreifen, um sie zu schützen. Sei jemand psychisch hochgradig krank, könne der Schutz in der Untersuchungshaft nicht mehr gewährleistet werden, sagt Baumann-Hölzle. «Dann muss diese Person in eine psychi­atrische Klinik überwiesen werden.»

Ob dies im Fall von Natalie K. notwendig gewesen wäre, klärt die Zürcher Justizdirektion derzeit ab. Für den ­forensischen Psychiater und Psychotherapeuten Andreas Frei deutet die Ausgangslage auf einen solchen Hochrisikofall hin: «Wenn eine Mutter ihre Kinder tötet und sich danach nicht gleich selbst richtet, dann geschieht das in rund 50 Prozent der Fälle zu einem späteren Zeitpunkt. Das ist wissenschaftlich erwiesen.» Frei geht zwar davon aus, dass die Behörden Natalie K. sorgfältig abgeklärt hätten. «Bei einer solch akuten Gefährdung stellt sich aber die Frage, ob ein Aufenthalt im Gefängnis die richtige Massnahme war.»

Frei glaubt, dass es sich um einen ­sogenannten Bilanzsuizid handelt: Die betroffene Person schliesst innerlich mit sich ab und sieht nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt. Einen solchen Suizid könne man nur mit «dehumanisierenden Mitteln» verhindern, wie sie beispielsweise in Amerika zur Anwendung kämen, sagt Frei. «Dort werden Menschen teils ständig gefesselt oder nackt in eine Zelle gesteckt, um einen Selbstmord zu verhindern. Damit entzieht man ihnen ihre Freiheitsrechte auf ­menschenunwürdige Weise.»

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