Lotsen erhalten Schützenhilfe aus Bundesbern

Nach einem Urteil des Bundesgerichts reduziert Skyguide die Kapazität. Das wirkt sich auf den Verkehr aus – und scheucht Politiker auf.

Stillstand vor dem Hangar der Motorfluggruppe Zürich. Bild: Christoph Kaminski

Stillstand vor dem Hangar der Motorfluggruppe Zürich. Bild: Christoph Kaminski

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«LSZH B0893/19 – VFR FLT SUSPENSION DUE TO ATC CAPACITY»: Diese in Fliegerlatein formulierte Notiz der Skyguide an alle Piloten sorgt für grössere Aufregung bei der Leicht- und Sportfliegerei. Sie bedeutet, dass aus Kapazitätsgründen auf dem Flughafen Zürich keine Sichtflüge mehr zugelassen werden.

Terminiert ist die Massnahme von 4. Juli, 14.01 Uhr – das ist eine Minute nach Publikation des Bundesgerichtsentscheids gegen den Lotsen –, bis Donnerstag, 11. Juli, um 13 Uhr.

Die kryptisch anmutende Mitteilung bedeutet das Grounding für die Kleinfliegerei. Betroffen sind Sportflieger, Privatflieger, Segelflieger, Fallschirmspringer, Ballonflieger, Modellflugfans. Und am stärksten betroffen ist die grösste Fluggruppe der Schweiz: die Motorfluggruppe Zürich (MFGZ).

Ein Dutzend Rundflüge gestrichen

«Wir sind grösstenteils lahmgelegt», sagt MFGZ-Präsident Niklaus Ammann. Die Gruppe führt unter anderem eine Flugschule und bietet Rundflüge an. Neun Kleinflieger sind nun gegroundet und müssen in oder vor den Hangars bleiben. Geplante Flugstunden werden gestrichen, wobei Dutzende Fluglehrer und Flugschülerinnen betroffen sind. Rund ein Dutzend Rundflüge am Wochenende können ebenfalls nicht durchgeführt werden.

«Das bedeutet für uns Einnahmeausfälle», sagt Ammann. Wenn der Unterbruch länger als geplant dauere, gehe es der Fluggruppe ans Lebendige. Ammann hat ein gewisses Verständnis für die Lotsen. Doch kritisiert er, dass er nicht früher von Skyguide kontaktiert wurde. Die Gruppe hätte ihre Flieger auf andere Flugplätze verlegen können, um den Betrieb weiterzuführen. In Birrfeld, Mollis oder auf dem Flugplatz Speck in Fehraltorf könnten die Kleinflieger starten und landen.

Ebenfalls von den Restriktionen im Luftraum betroffen sind die Kurse der Organisation Sphair, die Eignungsabklärungen für künftige Piloten und Fallschirmaufklärer im Auftrag der Schweizer Armee durchführt. Sphair organisiert dieser Tage diverse zweiwöchige Fallschirmkurse unter anderem auf den Flugplätzen Triengen LU, Beromünster LU oder Sitterdorf TG.

«Start und Landung sind dort zwar möglich», sagt der Sphair-Verantwortliche Thomas Rappo. Nur könnten die Flugzeuge nicht in Höhen aufsteigen, die einen Absprung erlauben würden. Rappo sucht deshalb gemeinsam mit den Fallschirmschulen, die mit Sphair zusammenarbeiten, nach temporären Ausweichplätzen – und Lösungen mit der Flugsicherung Skyguide. «Die Kurse sind wichtig, damit die Springer ein gutes Niveau erreichen, bevor sie in die Rekrutenschule eintreten», sagt Thomas Rappo.

Kritik an den Lotsen übt der Aero-Club der Schweiz, der als Dachverband der Leichtaviatik rund 400 Vereine des Luftsports vertritt. Generalsekretär Yves Burkhardt nimmt «mit grossem Bedauern» vom Gerichtsurteil Kenntnis, wie er sagt. Es torpediere die Just Culture, gemäss der Vorfälle straffrei gemeldet werden und daraus Lehren gezogen werden können. Doch seien von den Problemen der Grossfliegerei nun ausgerechnet die Piloten der Leichtaviatik und des Luftsports am stärksten betroffen. «Sie sind die Leidtragenden einer Auseinandersetzung, an der sie nicht beteiligt sind und für die sie keine Schuld trifft.» Die Mitglieder des Aero-Clubs würden «regelrecht bestraft, ja geradezu gegroundet», sagt er.

Ein Politiker legt sich ins Zeug

Von den Fluglotsen erwartet Burkhardt nun eine «professionelle Haltung». Er sagt: «Jetzt ist das Urteil da, sie müssen damit umgehen.» Druck auf die Arbeitgeber und gewerkschaftliche Forderungen seien fehl am Platz. Er ruft Skyguide und das Bundesamt für Zivilluftfahrt auf, die «untragbare Situation schnell zu beenden» und die gesetzlichen Anpassungen in die Wege zu leiten, um Rahmenbedingungen für die Just Culture zu schaffen.

In dieser Hinsicht macht nun der Aargauer FDP-Nationalrat Matthias Jauslin Nägel mit Köpfen: Er arbeitet bereits mit Hochdruck an einem parlamentarischen Vorstoss, um die Just Culture im Gesetz zu verankern.

«Es kann nicht angehen, dass die Schweiz ein weltweit funktionierendes System torpediert, das die Sicherheit seit je stetig verbessert hat», sagt er. Jauslin weiss, wovon er spricht. Er ist selbst Pilot und amtet als Präsident des Aero-Clubs. Wer Jauslins Vorstoss mitunterzeichnen wird, ist noch unklar. Der Nationalrat bemüht sich um Allianzen.

«Bund verkennt die Tragweite»

«Die Just Culture betrifft nicht nur die Aviatik, sondern auch andere fehlersensible Branchen», sagt der Aargauer. Ebenfalls noch unklar ist die Form seines Vorstosses. Am liebsten wäre dem Nationalrat eine Kommissionsmotion, denn so würde das Geschäft prioritär behandelt. Das Thema sei ohne Verzögerung anzugehen.

«Der Bundesrat und das zuständige Bundesamt scheinen die Tragweite des Problems und der Just Culture zu verkennen», rügt Jauslin. «In welcher Form auch immer, ich will die Just Culture in der kommenden Session thematisieren.»

Erstellt: 05.07.2019, 16:11 Uhr

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