Zürcher Grüne suchen eine neue Hoffnungsträgerin

Nach der SVP zeigt sich auch bei den Grünen: Ein neues Parteipräsidium zu finden, ist schwierig.

Die erfolgreiche Parteipräsidentin Marionna Schlatter hört nach acht Jahren auf. Foto: Maurice Haas/13 Photo

Die erfolgreiche Parteipräsidentin Marionna Schlatter hört nach acht Jahren auf. Foto: Maurice Haas/13 Photo

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Es ist wie beim Bergsteigen – der Abstieg ist häufig mühsam und gefährlicher als der Aufstieg. Das gilt auch für die Zürcher Grünen, die den höchsten Gipfel ihrer Geschichte erreicht haben. Nun sind sie auf der mühsamen Suche nach einer neuen Parteipräsidentin. Marionna Schlatter (40) tritt im Frühling zurück.

Sie hat Historisches geschafft: plus neun Sitze im Kantonsrat und eine Steigerung von zwei auf fünf im Nationalrat. Noch höher zu steigen in den nächsten vier Jahren, wird schwierig. Und doch müssen die Grünen am 7. April ein neues Präsidium wählen. Geeignete Personen halten sich, um beim Bergsteigen zu bleiben, tief unten im Nebel versteckt.

«Heute ist noch nicht der Zeitpunkt.»Anika Brunner, Shootingstar

Eine Kantonalpartei zu führen, ist Knochenarbeit. 15 bis 20 Stunden Arbeit investiert Marionna Schlatter pro Woche und erhält dafür 1000 Franken inklusive Spesen pro Monat. Sie war Psychologin, Mediatorin, Blitzableiterin und hatte den politischen Kompass in der Hand. Acht Jahre hat sie gebraucht, um es vom unbekannten «Landei» zur Nationalrätin zu bringen. Sogar die bestens dotierte SVP hatte Mühe, einen neuen Präsidenten zu finden und setzt nun auf den 28-jährigen Benjamin Fischer. Alle alten Schlachtrösser und Nationalräte hatten abgesagt.

Absagen aus Bern

Bei den Grünen ists ähnlich. Im Nationalrat ist Balthasar Glättli Fraktionschef – und er war schon mal Zürcher Kantonalpräsident. Bastien Girod arbeitet an einer wissenschaftlichen Karriere und hat sich noch nicht entschieden, Meret Schneider ist als 28-Jährige eben erst in Bern angekommen, und Katharina Prelicz-Huber ist bereits Schweizer VPOD-Präsidentin.

Auch im Kantonsrat bietet sich niemand durch keckes Handaufstrecken an. Esther Guyer als unbestrittene Leaderin ist 68 und hat andere Pläne für den Abschluss ihrer Karriere. Sie darf nun guten Gewissens für das Kantonsratspräsidium kandidieren und 2022/23 höchste Zürcherin werden.

Esther Guyer, Fraktionschefin. Foto: PD

Gegen Guyer gabs intern Widerstand, weil sie mit ihrer Karriere auf dem «Bock» ein Nachrutschen der jungen Selina Walgis (27) verhindert habe, die hinter ihr erste Ersatzfrau ist. Walgis kann nun im Frühling für Katharina Prelicz-Huber im Zürcher Gemeinderat nachrutschen, die dort zurücktritt. «Mit dem Gemeinderatsamt bin ich sehr zufrieden», sagt Walgis.

Esther Guyer wiederum müsste als zweite Vizepräsidentin des Kantonsrats im Mai das Amt der grünen Fraktionspräsidentin abgeben. Ein möglicher Nachfolger wäre Thomas Forrer aus Erlenbach; er ist heute Guyers Vize. Damit fehlt eine ausgleichende Figur, die auch für das Parteipräsidium infrage käme. Aus beruflichen Gründen kann sich David Galeuchet aus Bülach das Präsidium nicht vorstellen. Galeuchet ist Mitglied der vierköpfigen Geschäftsleitung der Grünen.

Thomas Forrer, Kantonsrat. Foto: PD

Auch eine ganze Anzahl von Frauen im Kantonsrat hat sich aus dem Rennen genommen. Silvia Rigoni (Zürich) sagt aus beruflichen Gründen ab, während Kathy Steiner (Zürich) und Karin Fehr Thoma (Uster) als Mitglieder der Findungskommission nicht infrage kommen. Keine Ambitionen als Kantonalpräsident hat auch der Stadtzürcher Grünen-Präsident Felix Moser.

Wo sind die «Benjamins»?

Und wo sind – nach SVP-Vorbild – all die «Benjamins»? Shootingstar ist die 20-jährige Anika Brunner aus Hombrechtikon, die es bei den Nationalratswahlen sensationell auf den ersten Ersatzplatz geschafft hat. «Heute ist noch nicht der Zeitpunkt», sagt sie, «ich möchte zuerst mein Studium abschliessen.»

Shootingstar Anika Brunner. Foto: PD

Ähnlich tönt es bei Elena Marti. Einen echten Benjamin haben die Grünen zwar: Benjamin Walder aus Wetzikon, der für Marionna Schlatter in den Kantonsrat nachgerutscht ist. Er ist aber erst 21 und studiert Medizin.

Es gibt aber durchaus Junge mit Ambitionen. Etwa Julian Croci (24), Co-Präsident der Jungen Grünen, Informatikstudent und Gemeinderat in Dübendorf. Er sagt: «Ich kann mir vorstellen, dass wir Jungen in einem Co- oder Vize-Präsidium mitmachen.»

Julian Croci, Junge Grüne. Foto: PD

Für Croci ist das Kriterium Stadt/Land und Mann/Frau nicht zentral. «Wichtig ist, dass die Parteileitung die Kantonsratsfraktion begleitet, damit diese die ökologische Mehrheit für mehr Klima- und Naturschutz ausnützt, ohne soziale Anliegen zu vernachlässigen.»

Erstellt: 09.01.2020, 22:34 Uhr

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