Gymischüler geben Ferien her –für Hauswirtschaftsschule

Weil die obligatorischen Hauswirtschaftskurse vorverschoben werden, fällt die «Husi» für zwei Jahrgänge aus. Trotzdem gehen einige in den Ferien freiwillig kochen und putzen.

Wäsche aufhängen in Reih und Glied: 1937 war die «Rüebli-RS» noch reine Mädchensache. Foto: Keystone

Wäsche aufhängen in Reih und Glied: 1937 war die «Rüebli-RS» noch reine Mädchensache. Foto: Keystone

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Man könnte es als Nagelprobe für den Hauswirtschaftsunterricht betrachten: Würden Jugendliche die «Husi» auch besuchen, wenn sie zwei Ferienwochen dafür hergeben müssen? Genau diese Frage stellte sich in den letzten Wochen für jene Gymnasiasten, die keinen obligatorischen «Husi»-Kurs absolvieren, weil dieser vom 12. oder 13. Schuljahr ins 10. Schuljahr vorverschoben wurde. Diese Klassenjahrgänge können aber im Schuljahr 2016/17 auf freiwilliger Basis die «Husi» besuchen. Der erste Kurs findet im nächsten August in den letzten beiden Sommerferienwochen und während der ersten Schulwoche statt.

«Das wird ein Flop», prognostiziert die Mutter eines betroffenen Gymnasiasten. Nie und nimmer gehe er in den Ferien freiwillig in die «Husi», habe ihr Sohn vermeldet. Und genauso wenig werde er freiwillig eine Woche Schulstoff nachbüffeln. «Wir waren selbst gespannt, ob unser Ferienangebot Anklang findet», sagt Anny Murpf-Zweifel. Sie leitet die Sparte Hauswirtschaft an Mittelschulen am Strickhof, wo die Hauswirtschaftskurse organisiert und koordiniert werden.

Am vergangenen Freitag lief die Anmeldefrist ab, und Carolina Frischknecht vom Sekretariat der Hauswirtschaftskurse meldet: «Wir sind ausgebucht.» Von den etwa 1800 Schülerinnen und Schülern, die angeschrieben wurden, haben sich rund 300 angemeldet. «Die Nachfrage ist erfreulich – offenbar hat die ‹Husi› einen ganz guten Ruf bei den Jugendlichen», sagt Frischknecht.

Auch Buben freiwillig am Herd

So werden im nächsten Sommer insgesamt 130 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in den kantonseigenen Zentren Affoltern am Albis, Bülach und Weesen sowie in den zugemieteten Häusern in Bösingen und Flumserberg ihre «Rüebli-RS» absolvieren. Für den zweiten Kurs am Ende des Schuljahrs 2016/17 konnte der Strickhof noch zwei weitere Kurszentren mieten. «Damit können wir voraussichtlich allen Interessierten einen Platz anbieten», sagt Frischknecht. Sind es vor allem die Mädchen, die freiwillig an den Herd oder an die Nähmaschine einrücken? «Überhaupt nicht», sagt Frischknecht, die sich mittlerweile einen ersten Überblick über die Anmeldungen verschafft hat. «Ich schätze ein Verhältnis Mädchen - Buben von 60 zu 40.»

Im August 2012 beschloss der Kantonsrat eine Änderung des Mittelschulgesetzes: Neu sollen die Schülerinnen des Langzeitgymnasiums bereits in der 1. oder 2. Klasse den dreiwöchigen Internatskurs besuchen – zuvor fand dieser in der 4. Klasse statt. 2004 wurde die «Husi» vollends abgeschafft, dann aber aufgrund einer Initiative wieder eingeführt, – aus Spargründen aber nur für die Schülerinnen und Schüler, welche direkt von der Primarschule in die Mittelschule übertreten.

Vor einem knappen Jahr besuchten im Rahmen eines Pilotprojektes zwei Klassen des Untergymnasiums den Hauswirtschaftskurs. Wie es den 13- bis 14-Jährigen und den Lehrpersonen dabei erging, wurde mittlerweile evaluiert. Viele haben sich in diesen drei Wochen erstmals intensiver mit Kochen, Putzen und Waschen beschäftigt. Und viele waren auch erstmals so lange von zu Hause weg. «Heimweh wurde deswegen stärker zum Thema als bisher», sagt Anny Murpf-Zweifel.

Das Zusammensein wurde aber mehrheitlich positiv erfahren, und der Lehrstoff erhielt unterm Strich gute Noten. Von den Jugendlichen und den Lehrpersonen wurde allerdings die Dichte des Stundenplans angesprochen. «Die Schülerinnen und Schüler hatten zu wenig Freizeit», fasst Projektleiterin Murpf zusammen. Auch habe sich gezeigt, dass die Selbstverantwortung gestärkt werden sollte. Die Rückmeldungen seien nun in den Lehrplan eingeflossen. Insbesondere wurde die Stundentafel angepasst. Die obligatorischen Hauswirtschaftskurse für Zweitklässler finden ab dem Schuljahr 2016/17 statt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2015, 21:45 Uhr

Tipps: Wie Ihr Kind auch ohne «Husi» sein Leben in den Griff bekommt

Der Zimmermann ersetzt die Axt

Ein erheblicher Teil der Zweit- und Dritt-Gymeler wird nie einen Hauswirtschaftskurs besuchen. Kein Grund zur Sorge: Wenn die Eltern der heranwachsenden einige Tipps beachten, ist es auch ohne «Husi» möglich, ein einigermassen brauchbarer Erwachsener zu werden, der den eigenen Haushalt nicht zur Müllhalde verkommen lässt. Das behauptet zumindest ein Mann, der seinerzeit den Hauswirtschaftskurs verpasst hatte und sich in seiner Studenten-WG als grösster Pedant erwies, was Sauberkeit und Ordnung betraf. Und es ist auch mit «Husi» möglich, von Nähen und Putzen keine Ahnung zu haben und regelmässig die Rösti anzubrennen. Das bekennt zumindest eine Frau, die seinerzeit die «Husi» besuchte und erst sehr viel später zu einer leidlich akzeptablen (berufstätigen) Hausfrau wurde.

Tipp 1: Eltern

Am Anfang stehen die Eltern. Wenn diese dem Kind von Beginn weg ver­mitteln, dass ein mündiger Mensch fähig sein muss, sich um den eigenen Dreck zu kümmern, wird zwar das Kinderzimmer vorübergehend zum Saustall, doch spätestens wenn morgens die Kakerlaken über die Bettdecke huschen, weiss der Jugendliche: Manchmal haben die Eltern doch recht.

Tipp 2: Ämtchen

Legen Sie in der Familie Ämtchen fest. Wobei die Zuständigkeit wechseln soll. Das fördert den gesunden internen Wettbewerb. Beispiel: Wer das Ämtchen «Toiletten reinigen» so interpretiert, dass er diese einfach dick mit Putzmittel einsprüht, wird damit nicht nur die WC Schüssel, sondern auch seine Mit­bewohner zum Schäumen bringen.

Tipp 3: Aus dem Nähkästchen

Drei Dinge muss Ihr Kind hinkriegen: von Hand einen Knopf annähen, mit der Maschine eine gerade Naht «büezen» und – beim dritten Punkt scheiden sich die Geister. Er (ohne «Husi») behauptet, man müsse einen sauberen Wiefel hinkriegen, was sie (mit «Husi») vehement bestreitet, weil sie das nie geschafft hat und deshalb am Schluss mit der Prophezeiung nach Hause ging, wer so «wiefle», werde nie einen anständigen Mann ­finden. Hat sie aber. Und deshalb ist ihr dritter Punkt: charmant aus dem Nähkästchen plaudern.

Tipp 4: Tiptopf

Schenken Sie Ihrem Kind das legendäre «Husi»-Kochbuch «Tiptopf». Dann gilt es nur noch, die eigenwilligen Mass­angaben zu durchschauen, und schon schmeckt der Kartoffelsalat wie von Muttern. Wer auf Retro macht, setzt auf den guten alten «Fülscher». Und will Ihr Kind wirklich eine Forelle sauber zer­legen oder Sushi rollen – es findet bestimmt ein Youtube-Filmchen dazu.

Tipp 5: Big-Wash-Theory

Beim Waschen reicht eine Schnellbleiche, die jeder schnell begreift – es sei denn, er sei farbenblind: Die Wäsche nach Farben trennen, beim Aufhängen muss die Anzahl der Socken gerade sein, sonst nochmals in der Waschtrommel nachschauen. Wenn die Seidenbluse nach verbranntem Haar zu stinken beginnt, ist das Glätteisen zu heiss. Etwas Übung braucht es fürs Zusammenfalten von Pullovern, T-Shirts und Hemden – hier erlaube man dem Heranwachsenden das Betrachten der Sitcom «Big Bang Theory», wo Nerd Sheldon Cooper oft und mit Hingabe seine Superman-T-Shirts faltet. Das von ihm verwendete Faltbrett gibt es übrigens wirklich.

Tipp 6: Axt und Zimmermann

Kaufen Sie Ihrem Kind einen eigenen Werkzeugkasten – sonst fehlt früher oder später in Ihrem eigenen immer ­genau der Schraubenschlüssel, den Sie gerade brauchen. Auch hier sind es drei Dinge, die es wissen muss: Gefährliche Werkzeuge vom Körper wegbewegen. Strom ab und Sicherungen raus, bevor man mit Lampenfassungen hantiert. Und die Telefonnummer des Zimmermanns, der die Axt ersetzt.

Tipp 7: Geld und Geist

Bringen Sie Ihrem Kind frühzeitig bei, dass die Kreditkarte nicht à discrétion gedeckt ist, dass nicht nur öffentliche, sondern auch private Haushalte Budgets erstellen und sich auch daran halten sollten und dass Geld und Geist in der Erwachsenenwelt nicht deckungsgleich sind.

Tipp 8: Partnerwahl

Achten Sie darauf, dass Ihr Kind einen Lebenspartner wählt, der die «Husi» besucht hat.

(Tages-Anzeiger)

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