Zürcher Gymnasiasten wollen nichts mehr von Latein wissen

Nur noch wenige Langzeit-Gymnasiasten wollen freiwillig die Amtssprache der Römer büffeln. Nun reagiert der Kanton.

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Der Niedergang ist brutal. Und er erstreckt sich über viele Jahre. Wählten vor zwei Jahrzehnten noch rund die Hälfte der Zürcher Langzeit-Gymnasiasten Latein als Schwerpunktfach, sind es heute nur noch 12,4 Prozent. Die grosse Mehrheit will ab der dritten Klasse nichts mehr von der Sprache Ciceros wissen. Dies, obwohl sie in den ersten zwei Jahren noch obligatorisch ins Latein eingeführt wurde – während durchschnittlich fünf Stunden pro Woche.

Das muss der Bildungsdirektion zu denken geben – und gibt es auch. «Im Moment ist vieles in Bewegung», sagt Niklaus Schatzmann, Chef des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamtes. Man schaue gegenwärtig die Stundenzahlen an den Untergymnasien genau an.

Andere Kantone haben dies schon früher getan – etwa Zug und Luzern. Dort können die Schülerinnen und Schüler im Untergymnasium zwischen zwei Vertiefungsbereichen wählen. Angeboten wird sowohl Latein als auch Natur und Technik (Luzern) respektive Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Zug). Damit wollen die beiden Kantone der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung tragen. Denn Informatik wird immer wichtiger, das Interesse an Latein hingegen ist auch in der Zentralschweiz sinkend.

Latein ganz abschaffen

Im Kanton Zürich erhebt der ehemalige Lateinlehrer Theo Wirth seit Jahrzehnten den Anteil der Langzeit-Gymnasiasten, die nach den ersten zwei Klassen weiter Latein vertiefen. Für den Absturz von 46,3 auf 12,4 Prozent sieht er mehrere Gründe. Zum einen kann man an den Uni­versitäten immer mehr Fächer ohne Lateinkenntnisse belegen. «Schritt für Schritt wurde die Lateinerfordernis ganz oder weitgehend abgeschafft», so Wirth.

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Zum andern habe sich die soziodemografische Zusammensetzung der Mittelschulklassen verändert. Heute würden deutlich mehr Jugendliche eine Kantonsschule besuchen – darunter auch solche aus Gesellschaftsschichten, die von Haus aus weniger Affinität zu Latein hätten. Früher hätten sie zu einer Berufslehre tendiert. Hinzu kommt laut Wirth der «IT-Hype», der zu einem Schlechtmachen des Lateinunterrichts geführt habe.

All dies ging auch am Luzerner Untergymnasium nicht spurlos vorbei. Als die Schülerinnen und Schüler vor rund 20 Jahren erstmals die Vertiefung wählen durften, habe sich noch rund die Hälfte für Latein entschieden, sagt Aldo Magno, der beim Kanton Luzern die Abteilung Gymnasialbildung leitet. Heute sei es nur noch rund ein Drittel.

Luzern geht nun einen Schritt weiter und schafft im nächsten Schuljahr das Latein im Untergymnasium ganz ab. Dies sei eine «Frage der Nachhaltigkeit», so Magno. «Was nützt der Lateinunterricht, wenn im Obergymnasium nur noch 3 Prozent das Schwerpunktfach Latein wählen?» In Zukunft besuchen daher in Luzern alle Langzeit-Gymnasiasten das Fach Naturwissenschaften und Technik. Ab der dritten Klasse können die ­Jugendlichen aber nach wie vor Latein wählen, falls sie dies als Schwerpunkt- oder Freifach wünschen.

Zu sprachenlastig

Die Zentralschweizer haben diese Reform gegen grossen Widerstand durchgeboxt. «Die Skandalisierung – vor allem aus den akademischen Reihen – war nicht klein», sagt Magno. «Dieser Bildungsreflex ist jedoch etwas pharisäisch, denn die Universitäten sind sich nicht zu schade, selbst die Lateinpflicht fallen zu lassen.» So benötigen selbst die Germanisten an der Uni Zürich seit 2017 keine Lateinkenntnisse mehr.

An den Untergymnasien hingegen will der Kanton Zürich nach wie vor am Lateinobligatorium festhalten. «Der Lateinunterricht führt über das Erlernen der Sprache hinaus. Er fördert auch das Verständnis für sprachliche Strukturen und die Wurzeln der abendländischen Kultur», argumentiert Niklaus Schatzmann von der Bildungsdirektion. In den ersten beiden Klassen mag der Regierungsrat deshalb keine Wahl zwischen verschiedenen Vertiefungen zulassen.

Untätig bleibt der Kanton Zürich aber nicht. «Die Bildungsdirektion ist gegenwärtig im Auftrag des Bildungsrats daran, die Stundentafeln des Untergymnasiums genauer unter die Lupe zu nehmen», sagt Schatzmann. Momentan sei der Stundenplan zu sprachenlastig.

Kommt hinzu, dass an den Sekundarschulen als Folge des Lehrplans 21 die Fächer Medien und Informatik sowie Religionen, Kulturen, Ethik eingeführt werden. Ziehen die Kantonsschulen nicht mit, sind die Langzeit-Gymnasiasten in der dritten Klasse im Hintertreffen gegenüber Schülern, die aus der Sek hinzustossen. Irgendwo müssen die neuen Stunden aber kompensiert werden. Und wo, scheint klar. Bei Englisch, Französisch und Deutsch ist dies politisch kaum opportun. Bleibt das ohnehin angeschlagene Latein.

Drei Stunden sind genug

Um die Beschlüsse des Bildungsrats vorausahnen zu können, lohnt sich auch ein Blick auf die Kantonsschule Uetikon am See, die in diesem Sommer neu eröffnet wurde. Dort begnügt man sich schon heute in den ersten beiden Klassen mit drei Stunden Latein. Und man liegt wohl nicht falsch mit der Annahme, der Bildungsrat habe sich beim Absegnen dieser Stundentafel etwas gedacht.

Eilig hat es der Kanton Zürich aber nicht. «Reformen müssen pädagogisch sinnvoll, politisch überzeugend und schulisch tragbar sein», sagt Schatzmann. Man dürfe nichts überstürzen, zumal die Schulen schon stark belastet seien. Will wohl heissen: Die Bildungsdirektion orientiert sich nicht nur am Wohl der Schülerinnen und Schülern, sondern auch an jenem der Lehrerschaft. Je langsamer das Latein aus den Untergymnasien verschwindet, desto erträglicher ist die Reform für die Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer.

Erstellt: 02.10.2018, 21:20 Uhr

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