«Harmlose Situationen können bedrohlich sein»

Psychologin Christina Kohli weiss, was traumatisierte Kinder in der Schule brauchen.

Die Schule als zentraler Ort, um Sicherheit zu erfahren: Christina Kohli. Foto: Urs Jaudas

Die Schule als zentraler Ort, um Sicherheit zu erfahren: Christina Kohli. Foto: Urs Jaudas

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Der Krieg kam in der Zehnuhrpause. Auf dem Schulhof einer Zürcher Land­gemeinde stand ein Flüchtlingsbub aus Syrien und schoss mit einem imaginären Maschinengewehr seine Klassenkameraden nieder. «Ratatatata.» In Situationen wie dieser sind Lehrer mit Tatsachen konfrontiert, denen mit ihrer Alltags­erfahrung nur schwer beizukommen ist.

Die Psychologin Christina Kohli hat einen Leitfaden für den Umgang mit geflüchteten traumatisierten Kindern und Jugendlichen in der Schule miterarbeitet. Die fünfseitige Broschüre geht vom aktuellen Forschungsstand aus und vermittelt Wissen zu Traumata und konkrete Hinweise für den Unterricht.

Nach der Ankunft im Kanton Zürich kommen Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter zunächst in eine von 24 speziellen Aufnahmeklassen, die den Durchgangszentren angegliedert sind. Dort bleiben sie unter sich und erwerben grund­legende Kenntnisse in Deutsch. Jede dieser Klassen bietet 10 bis 14 Plätze und wird zwei- bis dreimal pro Jahr neu besetzt. Nach Angaben des Volksschulamts dürfen zurzeit über 50 Prozent jener, die sie besuchen, im Land bleiben. Das ­wären in diesem Jahr rund 400 Kinder und Jugendliche, die anschliessend auf die Gemeinden verteilt werden. In grossen Gemeinden kommen sie zunächst erneut in eine Spezialklasse, in kleineren wie der eingangs erwähnten werden sie direkt in die Regelklasse integriert.

Welche Fähigkeiten setzen Sie bei einer Lehrerin, einem Lehrer ­voraus, damit sie/er mit traumatisierten Kindern zurechtkommt?
Die Schule ist ein zentraler Ort, wo diese Kinder wieder Sicherheit erfahren können. Sie kann ein Ort werden mit verlässlichen Strukturen und Vorhersehbarkeit. Beides haben geflüchtete Kinder oft lange entbehren müssen. Wie wichtig Lehrerinnen und Lehrer sind, zeigen Gespräche mit traumatisierten Kindern. Wenn sie rückblickend über ihre Lehrerin oder ihren Lehrer berichten, ist das oft berührend.

Weshalb haben Sie einen Leitfaden erarbeitet, der Lehrpersonen im Umgang mit traumatisierten ­Kindern helfen soll?
Wir hatten den Eindruck, dass es in Anbetracht der Flüchtlingskrise wichtig ist, Informationen bereitzustellen. Ausgehend von Fragen von Lehrpersonen, haben wir zu schreiben angefangen.

Wie lauteten die Fragen der Lehrer?
Woran erkenne ich, dass ein Kind traumatisiert sein könnte? Welche Symptome gibt es? Wie zeigen sie sich? Wie gehe ich im Unterricht damit um? Wir wissen, dass es hilfreich ist, wenn Lehrpersonen Kenntnisse über Traumatisierungen und den Umgang damit haben.

Mit welchen konkreten Problemen sind Lehrpersonen konfrontiert?
Folgende Situation wird oft beschrieben: An einem Tag scheint das Kind den Lernstoff verstanden zu haben, kann die Aufgaben lösen. Am folgenden Tag geht aber gar nichts mehr. Warum kann es sich plötzlich nicht mehr erinnern?

Wie lautet Ihre Antwort?
Sich aufdrängende Erinnerungen an die traumatischen Erfahrungen und Übererregung sind Symptome einer Traumafolgestörung. Oft werden traumatisierte Kinder in der Nacht von Albträumen geplagt und können nicht schlafen. Unter diesen Voraussetzungen ist es oft nicht möglich, sich auf den Unterricht zu konzentrieren.

Birgt der Leitfaden nicht auch die Gefahr, dass er die Schwelle erhöht, professionelle Hilfe zu holen?
Der Leitfaden ist auf der Website des Volksschulamtes erst seit wenigen Tagen aufgeschaltet; auf ihn haben wir noch keine Reaktionen. Ich halte diese Gefahr allerdings für gering. Denn was ich ebenfalls feststelle: Je mehr die Lehrpersonen wissen, desto eher trauen sie sich, ein Symptom zu benennen. Und desto eher wenden sie sich an die schul­psychologischen Dienste.

Umgekehrt: Werden dann plötzlich alle Auffälligkeiten einem Trauma zugeordnet?
Wir gehen davon aus, dass 30 bis 50 Prozent der geflüchteten Kinder und Jugendlichen traumatisiert sind. Bei den unbegleiteten Kindern und Jugend­lichen sind es gegen 70 Prozent. Lieber klären wir ein Kind ab und stellen fest, dass keine Traumafolgestörung vorliegt, als dass einem Kind die entsprechende Behandlung verwehrt bleibt.

Wie soll man sich verhalten, wenn sich ein Kind öffnet? Es ist ja ­teilweise schwer auszuhalten, was sie erzählen.
Diese Frage wird in den Fortbildungskursen oft gestellt. Die Kinder möchten kein Mitleid, sie möchten unser Interesse, unsere Wertschätzung. Das ist ein grosser Unterschied. Es ist wichtig, dass die Lehrperson für die Kinder eine Vertrauensperson ist, mit der es über seine Erlebnisse sprechen kann, von der es aber nicht ausgefragt wird.

Wie schafft man es, dass sich ein Kind öffnet?
Vor einigen Wochen wurde bei uns ein Mädchen angemeldet. Es hiess, im Unterricht mache es nicht mit, es wirke traurig, in sich gekehrt, in der Pause sondere es sich ab.

Wie gingen Sie vor?
Wir haben anfänglich stark auf seine Ressourcen fokussiert, das Zeichnen. Wir haben gewürdigt, was es alles geschafft hat auf seiner Flucht. Wir stellten Fortschritte fest, das Mädchen hat begonnen, mit Schulkolleginnen zu sprechen, es hat eine kleine Öffnung stattgefunden. Zentral war in diesem Fall der enge Austausch mit der Lehrerin.

Welche Rolle spielen die anderen Kinder in der Klasse?
Die Haltung der Lehrpersonen ist zentral, um Verständnis zu schaffen. Geflüchtete Kinder bringen anderes Wissen, andere Erfahrungen mit. Wenn es gelingt, dies in den Unterricht aufzunehmen, kann dies für alle ein Gewinn sein.

Wie reagieren Kinder auf ­traumatisierte Klassenkameraden?
Ich erlebe, dass viele Kinder offen sind, wenn sie merken, dass dies auch die Haltung der Lehrperson ist.

Ein Trauma kann sich auch durch Aggression äussern.
Wenn Kinder nichts sagen, sich abschotten, dann ist dies sehr schwierig. Noch viel schwieriger ist es für eine Klasse, wenn ein Kind ständig übererregt oder aggressiv ist, angespannt, unruhig und laut. Da verstehe ich, wenn Lehrkräfte an ihre Grenzen kommen.

Wie kriegen sie solche Situationen wieder in den Griff?
Es ist wichtig, dass die Lehrperson versteht, weshalb Konfliktsituationen aus heiterem Himmel eskalieren können: Weil die Kinder aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen permanent unter Anspannung stehen, oft auch harmlose Situationen als bedrohlich deuten.

Welche Rolle spielen die Eltern?
Elternarbeit ist zentral. Für die Eltern war es häufig schon auf der Flucht schwierig, die familiären Strukturen aufrechtzuerhalten. Nun besteht die Gefahr der Hierarchieumkehr: Kinder lernen meist viel schneller die neue Sprache und knüpfen schneller Kontakt. Sie übersetzen oft für ihre Eltern. Umso mehr müssen wir den Eltern sagen, wie wichtig sie für ihre Kinder sind.Ich habe grosse Achtung vor diesen Eltern, sie haben ihre Kinder oft unter schwierigsten Bedingungen unter grossen Ängsten grossziehen müssen. Manche Eltern haben in ihrem Land auch schwierige Erfahrungen mit Behörden gemacht. Sie sind vielleicht zurückhaltend und misstrauisch. In dieser Situation ist es wichtig, auf sie zuzugehen und Vertrauen aufzubauen.

Erstellt: 21.11.2016, 22:46 Uhr

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Christina Kohli

Zur Person

Christina Kohli leitet die Sprechstunde Psychotraumatologie im Sozialpädiatrischen Zentrum des Kantonsspitals Winterthur. Die 42-Jährige hat als Primarlehrerin gearbeitet und später Psychologie studiert. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe «Kind und Trauma», die den Leitfaden «Umgang mit geflüchteten traumatisierten Kindern und Jugendlichen in der Schule» erarbeitet hat. (bra)

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