Hauptsache, die Kasse stimmt

Nachrichtenchef Patrick Kühnis über Selfscanning im Detailhandel.

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Ein Kunde Mitte vierzig kauft im Coop ein. Lebensmittel für 82.60 Franken scannt er und bezahlt. Fleisch und Wurst für 382.80 Franken erfasst er nicht. Er landet vor Gericht. Dieses nimmt ihm ab, dass er in der Hitze des Gefechts «vergessen» habe, das teure Fleisch abzurechnen – und spricht ihn frei.

Ist das Urteil eine Einladung zum Betrügen? In England, das ergaben Studien, schummelt jeder Fünfte, dem Handel entgehen 2,4 Milliarden Franken. Pro Jahr. Das Volk wird durch Selfscanning in Versuchung geführt. In der Schweiz gibt es Leute, die in den Medien damit prahlen, wie sie jetzt Coop und Migros austricksen. Die eine scannt einen Artikel absichtlich mehrmals, um ihn dann ganz zu löschen. Wird sie ertappt, spricht sie von einem «technischen Versehen». Ein anderer holt sich ein Schoggigipfeli, bezahlt aber nur das normale. Eine Dritte scannt Alkohol nie – das Personal merke das sowieso nicht, behauptet sie.

Detailhändler spielen Missbrauchsgefahr herunter

Interessanterweise spielen die Detailhändler die Missbrauchsgefahr herunter. Die Diebstahlquote sei wegen Selfscanning «nicht signifikant gestiegen». Und überhaupt: Fehle ein Artikel auf dem Kassenzettel, gehe man zuerst von «unabsichtlichen Fehlern» aus. Beispiele aus der Praxis zeigen aber: Coop und Migros wollen Selfscanning-Betrüger um jeden Preis erwischen. Automatische Analysen verraten, bei wem sich Stichproben lohnen. Cumulus und Supercard liefern Ladendetektiven aufschlussreiche Datenspuren. ­Kameras überwachen nicht nur Kassen, sondern längst auch Kühltheken. So wurde einem Luzerner Migros-Kunden unlängst eröffnet, dass er 14 Tage zuvor Fleisch für 50 Franken nicht bezahlt habe.

So ist trotz der wilden Geschichten über Tricksereien bei der Selbstbedienungskasse eines klar: Bisher stimmt für Coop und Migros die Rechnung. Solange sie beim Verkaufspersonal mehr Geld einsparen, als sie durch zusätzliche Diebstähle verlieren, bauen sie den Selfservice weiter aus – und normale Kassen ab. Auch der Kunde, der Fleisch für 382 Franken nicht bezahlte, ist wieder König: Als er nachträglich die Rechnung beglich, hob Coop das Hausverbot auf und verlor das Interesse an einer Strafverfolgung.

Erstellt: 25.05.2018, 23:43 Uhr

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