Pro Schuljahr gibt es 10 Minuten «Ufzgi»

Hausaufgaben sind bei den Kindern unbeliebt. Ein Verband fordert die Abschaffung. In Zürich verändern die Tagesschulen das System.

Hausaufgaben erlauben es den Kindern, Vertrauen ins eigene Können zu gewinnen. Foto: Plainpicture

Hausaufgaben erlauben es den Kindern, Vertrauen ins eigene Können zu gewinnen. Foto: Plainpicture

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Der Deutschschweizer Schulleiterverband möchte die «Ufzgi» abschaffen. Weil die Hausaufgaben immer wieder zu Konflikten zwischen Kindern und Eltern führen, aber auch aus Gründen der Chancengleichheit: «Primarschüler, deren Eltern arbeiten oder aus bildungsfernen Schichten stammen, können sich zu Hause an niemanden wenden», sagt Präsident Bernhard Gertsch in der aktuellen «Schweiz am Sonntag». Er erhält Unterstützung von Beat Zemp, dem Präsidenten des Lehrerverbands: «Die Hausaufgaben zu streichen, führt zwar zu emotionalen Diskussionen», sagt dieser der Zeitung. Es gebe jedoch geeignetere Möglichkeiten, die Selbstständigkeit von Schülern zu fördern.

Zemp schlägt betreute Aufgabenstunden vor. Solche sind allerdings nicht neu: Es gibt sie in Zürich bereits an vielen Schulen, etwa an der Schule Wollishofen. «Das Angebot ist super», sagt die Mutter einer siebenjährigen Tochter, die dort seit vergangener Woche in die zweite Klasse geht. Allerdings war sie erst irritiert, als die Schulleitung über das Angebot orientierte. «Ist das nur für sprachlich benachteiligte Kinder oder auch für meine Tochter?», fragte sie sich. Sie hat ihre Tochter angemeldet, als berufstätige Mutter kommt ihr die kostenlose betreute Stunde gelegen: Sie muss die Grossmutter erst eine Stunde später aufbieten.

Die Bedenken der Mutter, dass Aufgabenstunden den weniger privilegierten Kindern vorbehalten seien, kann Regina Kesselring vom Stadtzürcher Schul- und Sportdepartement zerstreuen: «Sie sind für alle da», sagt sie. Auch Kinder, die wenig Mühe mit dem Stoff hätten, seien willkommen. Diese würden die Aufsichtspersonen in der Regel weniger belasten. Auch könne man keinen Missbrauch der Stunden als Gratisbetreuungsangebot feststellen.

Aufgaben in der Schule lösen

Noch weiter geht die Stadt im Projekt Tagesschule 2025, das in fünf Zürcher Schulen bereits Realität ist: Dort wird der Grossteil der Hausaufgaben in der Schule erledigt. Jedoch sei es vielen Eltern wichtig, über die Hausaufgaben mitzubekommen, was die Kinder in der Schule machen, sagt Kesselring. Ganz verschwinden werden sie also auch in der Tagesschule nicht.

«Im Zuge des heutigen individualisierten Unterrichts stimmen die Lehrpersonen den Unterricht ohnehin auf die Kinder ab», so Kesselring. Es liege in der Kompetenz der Lehrpersonen, die Hausaufgaben so zu gestalten, dass Kinder sie selbstständig bewältigen können. So könne ein Vortrag über das Lieblingstier für verschiedene Kinder mit unterschiedlichen Aufträgen verbunden sein.

«Sie haben keine Zeit, sich darum zu kümmern, ob ihre Kinder die Hausaufgabenstunden besuchen»

Die Hausaufgaben abzuschaffen – im Namen der Chancengleichheit –, haben die Juso der Stadt Zürich bereits 2009 versucht. «Weil man mit einer freiwilligen Aufgabenstunde jene Schüler, die sie am meisten nötig haben, gerade nicht erreicht», sagt Initiantin Linda Bär. In vielen Familien müssten beide Elternteile Vollzeit arbeiten. «Sie haben keine Zeit, sich darum zu kümmern, ob ihre Kinder die Hausaufgabenstunden besuchen», argumentierte die damals 23-Jährige.

Auch zu Hause würde bei Kindern aus bildungsfernen Schichten niemand darauf pochen, dass sie ihre «Ufzgi» machen. In bildungsnahen Familien würden Eltern hingegen gemeinsam mit ihren Kindern die Schularbeiten lösen. «Dazu kommen private, bezahlte Nachhilfestunden.» Doch Bärs Vorstoss scheiterte, auch am Widerstand in den eigenen Reihen. Heute, sagt sie, hätte er zumindest in der Stadt Zürich wieder Chancen.

Auch übers Wochenende erlaubt

Es scheint, als seien die Hausaufgaben nur bei den Kindern unbeliebt. Im Kanton Zürich sind sie ein selbstverständlicher Teil des Unterrichts. «Wir erachten Hausaufgaben als sinnvoll», sagt die Chefin des Volksschulamtes, Marion Völger. Vorausgesetzt, das Leistungsvermögen der Kinder werde berücksichtigt. Schulleiterinnen und Lehrer dürften entscheiden, ob, wie viele und in welcher Form Aufgaben verteilt würden. Die Kinder sollen so Vertrauen ins eigene Können gewinnen, sich daran gewöhnen, selbstständig zu arbeiten. Und: Sie müssten die Aufgaben ohne die Hilfe der Eltern lösen können.

In Stadt und Kanton Zürich gilt: Pro Schuljahr gibt es nicht mehr als 10 Minuten Hausaufgaben pro Tag. In der ersten Klasse sind es 10, in der sechsten Klasse 60 Minuten. Gemäss Reglement können Hausaufgaben auch längerfristig erteilt werden, etwa mit Wochenplänen. Vom Vormittag auf den Nachmittag, vom Vortag eines Feiertags auf den nächsten Schultag und über die Ferien sind sie aber verboten. Über ein gewöhnliches Wochenende nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2016, 21:22 Uhr

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