«He, Sie mit der blauen Jacke! Helfen Sie mir!»

In Zürichs Nachtleben kann man Gewalt ausgesetzt sein. Laut Polizei werde sie oft aus «erschreckend nichtigen Gründen» ausgelöst. Das richtige Verhalten hilft, sich zu schützen.

Wer Gewalt beobachtet, kann auch vieles tun, ohne sich einzumischen.

Wer Gewalt beobachtet, kann auch vieles tun, ohne sich einzumischen. Bild: Karl-Josef Hildenbrand/Keystone

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Schlagzeilen über Gewalt haben in den letzten Wochen die Öffentlichkeit aufgewühlt. Sie berichten von jungen Männern, die in Zürich Polizisten angreifen, in Genf Frauen niederschlagen, oder von einem Mann, der in Paris eine ihm fremde Frau ohrfeigt.

Auch in der Zürcher Kriminalstatistik verzeichnet die Polizei seit einigen Jahren mehr Gewalt – vor allem mehr Tätlichkeiten und leichte Körperverletzungen. Tätlichkeiten sind die niederschwelligste Form von Gewalt, dazu gehört zum Beispiel eine Ohrfeige.

Gewalt aus nichtigen Gründen

Die Kantonspolizei kommentiert diesen Anstieg in der Zusammenfassung von 2017. Darin hält sie fest, dass es in den letzten Jahren zu mehr Gewalt in der Party- und Clubszene gekommen sei. Die Gewalt gehe meist einher mit übermässigem Alkoholkonsum und der Einnahme von Drogen. Sie könne aber auch oft durch «erschreckend nichtige Gründe» ausgelöst werden, wie einem Blickkontakt oder einem unbeabsichtigten Berühren. Ob sich die Gewalt an Frauen in Zürichs Nachtleben verstärkt hat, lässt sich nicht sagen. Dazu fehlen entsprechende Zahlen.

Thomas Brändle, Leiter der Fachstelle Gewaltprävention Zürcher Oberland, beschäftigt sich unter anderem mit Gewalt im öffentlichen Raum – und vor allem damit, wie man sie verhindern kann. Er kennt Tricks und Möglichkeiten, um sich und andere zu schützen, sagt aber: «Sie funktionieren nicht immer. Jede Situation ist einzigartig.»

So fühle sich ein Angreifer häufig durch etwas von seinem Opfer angespornt, zum Beispiel von einem Blick, einer Geste, der Körperhaltung. Dann sei es schwierig, dagegen anzukommen.

Aufrechter Körper, nicht anstarren

Grundsätzlich kann man sich alleine mit der Körperhaltung verteidigen. Wer einem Angreifer gegenübersteht, soll nicht unterwürfig die Schultern einziehen und ängstlich die Hände vors Gesicht halten. Die bessere Körperhaltung ist, aufrecht zu stehen, den Kopf erhoben, nicht eingezogen. Und sagen: «Stopp, hör auf!» Um dem Satz mehr Ausdruck zu verleihen, kann man auch die Hände heben. Augenkontakt sei gut, sagt Präventionsexperte Thomas Brändle, aber man solle den Angreifer nicht anstarren.

Augenkontakt ist gut – Anstarren nicht.

Während dem Abwehren sei es auch gut, um Hilfe zu rufen. Brändle rät, dabei die Beobachter konkret aufzufordern – zum Beispiel: «He, Sie mit der blauen Jacke, helfen Sie mir! Rufen Sie die Polizei!» Das sei wirksamer als ein blosser Hilferuf.

Am besten sei es, Angriffssituationen in einem Rollenspiel durchzugehen. Seine Fachstelle organisiert regelmässig Rundgänge zum Thema Zivilcourage. In einer Gemeinde werden dann an Orten wie dem Bahnhof schwierige Szenen gespielt. Schauspieler benehmen sich dabei wie Gewalttäter und man reflektiert anschliessend, weshalb die Situation eskaliert ist, oder weshalb man sie schlichten konnte.

Wer sich überlege, einen Selbstverteidigungskurs zu besuchen, solle unbedingt ein Angebot mit Rollenspiel wählen, sagt Brändle. Denn dabei könne man eine Gefahrensituation auch gefühlsmässig durchleben und die richtige Reaktion später in der Notsituation abrufen.

Die Aufmerksamkeit gehört dem Opfer

Für Menschen, die eine Gewaltsituation beobachten, hat Thomas Brändle einen anderen Rat. Sie sollen erst auf ihr Bauchgefühl hören. Habe man selbst Angst, einzugreifen, oder fühle sich unwohl, nütze es mehr, sich herauszuhalten. Es sei wichtig, sich selbst zu schützen. Gut sei jedoch, die Polizei zu rufen, zu versuchen, den Täter zu filmen oder zu fotografieren. Dieses Vorgehen ist auch im Sinn der Stadtpolizei Zürich. Sie hat diesen Frühling eine Kampagne zum Thema Zivilcourage lanciert.

Es gilt die Regel: Wann immer möglich das Opfer wegbringen, statt sich auf den Angreifer einzulassen.

Fühlt man sich bereit, in die Situation einzugreifen, gilt als Regel: Wann immer möglich das Opfer wegbringen, statt sich auf den Angreifer einzulassen. Denn Beschützer oder Beschützerinnen würden sich häufig instinktiv gegen die Angreifer wenden, wobei die Situation leicht ausser Kontrolle geraten könne und sie selbst zur Zielscheibe würden.

Nach Angriff hilft die Fachstelle

Für die Nachbearbeitung des Erlebnisses empfiehlt Brändle, sich bei einer Opferhilfestelle zu melden. Das unabhängig davon, wie schwer die Gewalt gewesen ist. Wer sich nach der Ohrfeige eines Unbekannten fürchtet, wieder in einen Nachtclub zu gehen, kann sich dort genauso informieren wie jemand, der vor Schlägen zu Boden ging.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 12:43 Uhr

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