Heidi will fliegen

Wie bringt man die tragische Geschichte des Alpenmädchens für Vierjährige auf die Bühne? Andrew Bond setzt in seinem Märlimusical auf vorwitzige Geissen.

Heidi kann dem Alpöhi viel über Lebensfreude beibringen.

Heidi kann dem Alpöhi viel über Lebensfreude beibringen. Bild: Ursula Ruf

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Heute wäre Heidi ein Fall für die Kesb. Das Waisenkind wird hin- und hergeschoben, landet beim Alpöhi, der Dreck am Stecken haben soll, und wird sogar ins Ausland verfrachtet, wo es nicht gut behandelt wird. Trotzdem wird die Figur meist verklärt. Heidi-Land wird als Synonym für die heile Schweiz verwendet und nicht etwa als Bezeichnung für die ungerechte Welt.

Das hat mit dem Wesen Heidis zu tun, das den Kern von Johanna Spyris Welthit ausmacht. Mit der Widerstandsfähigkeit eines Mädchens. Mit Heidis unschuldigem Optimismus, der Heilkräfte entfaltet und sogar Klara, das Mädchen im Rollstuhl, aufstehen lässt. Von dieser Kraft eines Kindes ist viel zu sehen im neuen Märlimusical «Heidi, wo bisch du dihei?» des bekannten Autors Andrew Bond. Er hat die Geschichte angereichert mit Symbolen wie einer Adlerfeder. Heidi träumt vom Fliegen in der schönen Bergwelt. Freiheit, das höchste Gut.

«Ich hatte grossen Respekt»

Heidi kennt jedes Kind, sagt man. Ja, aber liebt sie auch jedes Kind? «Ich mag die Geschichte nicht», sagte ein 9-Jähriger, der seine 7-jährige Schwester an die Premiere in Wädenswil begleiten musste, vor der Aufführung. «Sie ist so traurig.» Nach der Show siehts besser aus. «Es war schön und lustig, nur die Pause war langweilig», sagt er. Der Schwester gefiel der Freiheitsdrang von Heidi – man merkt: Damit kann sie sich identifizieren. Fliegen wie ein Adler.

Andrew Bond musste sich der Heidi-Geschichte zuerst annähern. Foto: Moritz Hager

Andrew Bond weiss, dass Heidi kein leichter Stoff ist für Kinder. «Ich hatte grossen Respekt vor der Geschichte», sagt er dem TA nach der Premiere. Vor einigen Jahren war er angefragt worden, ein Heidi-Musical auf die Beine zu stellen. Er lehnte ab. «Ich hatte den Zugang nicht», erklärt Bond. Er hat die Geschichte auch nicht in der DNA. Bond wuchs in England auf, er kannte nur das Heidi-Klischee.

Ein Schreckmoment für Bond

Doch jetzt war er bereit, die Materie als Stück für Kinder ab vier Jahren umzusetzen. Um sich aber nicht beeinflussen (oder einschüchtern) zu lassen, hat Bond sich die ikonischen Heidi-Filme mit Heinrich Gretler oder Bruno Ganz («ein Angebot für die Alpöhi-Rolle kann man nicht ablehnen») erst nach Fertigstellung des Musicals angeschaut. Als Erstes galt es, Heidis Look zu definieren. Kurze Haare? «Passte einfach nicht», stellte Bonds Crew fest. Sie erhielt Zöpfe.

Heidi, das geschundene, aber so willensstarke Mädchen. Foto: Moritz Hager

Einen Schreckmoment gab es für Andrew Bond im vergangenen Frühling, als plötzlich eine Heidi-Produktion von Michael Schanze (ja, der von der einstigen Kinderquizshow «1, 2 oder 3») in der Schweiz angesagt wurde. Zwei Heidi-Musicals gleichzeitig, das wäre undenkbar gewesen. Doch Schanze kam nicht beziehungsweise kommt erst im nächsten Sommer. Aufatmen am Zürichsee. Bonds Truppe tourt nun bis Ende März 2020 durch gut 40 Ortschaften der Deutschschweiz.

Hei-di – Di-hei

Die Heidi-Geschichte gefällt Bond, weil sie so viel beinhaltet – «weil sie relevant ist», wie er sagt. Das Thema Heimat: Heidi und Dihei haben dieselben Silben. Die Resilienz. Oder Aussenseitertum, Freundschaft, fehlende Eltern, Einsamkeit. Starke Gefühle – auf den Punkt gebracht. Die Symbolik erschliesst sich Kindern wie Erwachsenen gleichermassen, wenn auch aus unterschiedlicher Optik. Wenn Geissenpeters Grossmutter kein Brötli hat und Heidi in Frankfurt welche mitnehmen will auf die Rückreise, geht es um mehr als etwas zu kauen. Auch merkt jedes Kind, dass nicht die Alpenluft die Gebrechen Klaras heilt, sondern es ist Heidi mit ihrer Zuversicht trotz allem.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Die Slapstick-Einlagen und Mitmach-Momente sprechen die Jungen an. Die Grossen müssen schmunzeln, wenn der eigenständige Diener in Frankfurt «Merkelbrust mit Macron» serviert.

Die heimlichen Stars, die Geissen, mähen immer wieder dazwischen. Foto: Moritz Hager

Die Heidi-Interpretation von Bond und Regisseur Björn Reifler ist weniger schwer als die Originalgeschichte. Das ergibt sich nur schon aus der Form des Musicals. So bringen die zottligen Stoffziegen Leichtigkeit in die Szenerie – «s Läbe isch nöd nur saftigi Chrüter und volli Üter». Die Melodie zum Geissen-Lied ist ein alter Gassenhauer Bonds. Auch freut sich Klara mit Heidi, als sie endlich nach Hause darf. Bei Spyri ist sie todtraurig. Dem Genre ist auch geschuldet, dass es manchmal blitzschnell geht: Heidi und der Alpöhi freunden sich in zwei Minuten an.

Eingespielte Truppe

Dem Stück tut auch gut, dass es weniger hektisch zu und her geht als in Bonds letztjährigem Musical «Bastlonaut Basil und das grosse Glück». Die Schauspielerinnen und Schauspieler müssen weniger tanzen, sodass ihr darstellerisches Können und ihre Stimmen noch besser zur Geltung kommen. Und schliesslich müssen zwischendurch die sechs Geissen-Puppen geführt werden. Man merkt, dass die talentierte Truppe eingespielt ist. Viele im Ensemble machen zum wiederholten Mal bei einem Bond-Projekt mit und beweisen ihre Wandlungsfähigkeit.

In Frankfurt, bei Klara, wird Heidi klar, wo sie hingehört. Foto: Ursula Ruf

Für Lieder- und Theatermacher Bond ist die Adaption eines bestehenden Stücks die Ausnahme. In der Regel kreiert er eigene Geschichten wie «De Hans im Schnäggeloch» (2013) oder «Miss Mallow, die Drachen-Nanny» (2017). Nur das Original von «Dornröschen» (2012) stammt nicht aus seiner Feder. Heidi ist das achte Märlitheater in acht Jahren. Zehn sind das Ziel. Danach kann sich Andrew Bond vorstellen, bestehende Stücke neu aufzuführen. Dabei hat er den poetischen «Tom Träumer» (2015) im Visier oder «Ladina und d Plunderlampe» (2014) – ebenfalls eine Geschichte über ein Waisenmädchen.

Nächste Vorstellungen: Landquart (26.10.), Glattfelden (27.10.), Winterthur (2.11.), Zürich (Theater 11: 3.11.), Stäfa (9.11.). Infos: www.maerlimusicaltheater.ch

Erstellt: 25.10.2019, 17:00 Uhr

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