Heisser Asphalt als Energiequelle

Könnte man im Kanton Zürich Energie aus erhitzten Strassenbelägen gewinnen? Ein Blick über die Grenze zeigt: Anderswo wird das längst gemacht.

Grosse Hitze – kleiner Nutzen: Mit Asphaltkollektoren könnte die Wärme auf der Strasse in Energie umgewandelt werden.

Grosse Hitze – kleiner Nutzen: Mit Asphaltkollektoren könnte die Wärme auf der Strasse in Energie umgewandelt werden. Bild: Bruno Petroni

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Asphaltkollektoren – so heisst das Zauberwort für die Energiegewinnung der Zukunft. Zumindest soll der Zürcher Regierungsrat in einem Pilotversuch prüfen, ob mithilfe solcher Kollektoren Wärme produziert werden kann. Dies fordern die Kantonsratsmitglieder Barbara Schaffner (GLP), Felix Hoesch (SP) und Daniel Sommer (EVP) in einem Postulat, das sie am 23. September eingereicht haben.

Das Prinzip funktioniert ähnlich wie Sonnenkollektoren, einfach unterhalb der Asphaltdecke. In einem feinmaschigen Gitter aus Röhren fliesst Wasser, das sich im Sommer erwärmt, wenn die Temperatur auf der darüberliegenden Strasse ansteigt. In einem Wärmetauscher gibt das Wasser seine thermische Energie an einen zweiten Kreislauf in 75 bis 100 Meter Tiefe im Grundwasser ab, wo sie gespeichert werden kann.

Salzen würde überflüssig

Im Sommer wird die im Boden gespeicherte Kälteenergie hochgepumpt und zur Kühlung der Strassen genutzt. Im Winter wiederum nutzt man die gespeicherte Wärmeenergie, um den Asphalt zu heizen, damit kein Glatteis entstehen kann. Der Strassenbelag hält dadurch rund 20 Jahre länger, weil er im Sommer nicht weich wird und im Winter nicht spröde. Zudem würde Salzen im Winter überflüssig. Das System hat noch einen weiteren Vorteil: Mit der gewonnenen Energie können jene Häuser beheizt oder gekühlt werden, die unmittelbar an die Strassen angrenzen.

In den Niederlanden bewähren sich die Asphaltkollektoren schon seit über 15 Jahren.

Für die Einführung dieses Energiekreislaufs sind allerdings natürliche Sandlagen im Untergrund nötig. Das Grundwasser strömt in diesen porösen Schichten nur sehr langsam, weshalb es seine Temperatur über mehrere Monate fast konstant halten kann. In den Niederlanden ist das bei 80 Prozent der Strassenflächen der Fall, weshalb sich die Asphaltkollektoren dort schon seit über 15 Jahren bewähren.

Ob das System auch im Kanton Zürich funktionieren könnte, soll in einem wissenschaftlich begleiteten Pilotversuch erörtert werden. Das ist die Forderung der Postulanten. Dass der Strassenbelag mit Asphaltkollektoren rund 15 Prozent mehr kostet, hebt sich gemäss Postulanten bei den Einsparungen im Unterhalt wieder auf.

Versuch in Wallisellen abgelehnt

Die drei Kantonsräte sind nicht die ersten, welche die Einführung dieses Energiegewinnungssystems für Zürichs Strassen fordern. Das Forum pro Wallisellen hat bereits im Oktober 2016 die Initiative «Asphaltkollektoren für Wallisellen» eingereicht. Konkret regten die Initianten an, dass bei einer der nächsten Strassensanierungen eine solche Anlage als Testprojekt installiert werden soll.

Die Gemeindeversammlung lehnte die Initiative allerdings im Juni 2017 ab, wenn auch knapp. «Im Vorfeld der Abstimmung wurde das Potenzial der Asphaltkollektoren von Fachleuten sehr kontrovers eingeschätzt», erinnert sich Mitinitiant Philipp Maurer vom Forum pro Wallisellen. Auch die Finanzierung war ein Thema. So sagte der zuständige Gemeinderat Jürg Niederhauser damals, dass die Kosten alles andere als abschätzbar seien.

Kanton prüft die Optionen bereits

Und so gibt es auf Zürcher Kantonsstrassen derzeit noch keine Asphaltkollektoren – obwohl das System schon lange bekannt ist. Ob der Einsatz solcher Kollektoren auf Kantonsgebiet Sinn mache, werde im Rahmen des Massnahmenplans Klimawandel von Fachleuten des Tiefbauamts und des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft geprüft, sagt Thomas Maag, Mediensprecher der kantonalen Baudirektion.

Zu klären gebe es dabei verschiedene Aspekte. Zum Beispiel die ausserorts oftmals fehlende Infrastruktur für die Stromaufnahme, der Umgang mit den vielen unter der Strasse liegenden Werkleitungen oder wie starke der Winterdienst diesen Kollektoren zusetzen würde.

 Im urbanen Gebiet würde der Einbau schwierig wegen der  zahlreichen Werkleitungen, die zugänglich sein sollten.

Auch in der Stadt Zürich sind Asphaltkollektoren sind noch kein Thema. Im urbanen Gebiet würde der Einbau eines solchen Systems ohnehin schwierig werden, sagt die Sprecherin des Tiefbauamts, Evelyne Richiger. Konkret geht es auch hier um die zahlreichen Werkleitungen, die für Notfälle, Unterhalts-, Erneuerungs- und Anpassungsarbeiten zugänglich sein sollen.

Thema Asphalt beschäftigt die Stadt

«Man achtet in der Projektierung deshalb sehr darauf, nicht zwei Leitungen übereinander zu legen», sagt Richiger. Mit weiteren Ausbauten im Untergrund – beispielsweise fürs Fernwärmenetz – werde der Platz immer knapper. Die Stadt beschäftigt sich jedoch auf andere Weise mit dem Thema Asphalt, prüft lärmarme Beläge und testet laut Richiger derzeit gerade Recycling-Asphalt und Öko-Beläge.

Ob es nebst den bereits bestehenden Bemühungen doch noch zu einem Pilotversuch mit Asphaltkollektoren kommt, darüber wird der Kantonsrat entscheiden. Bis in drei Monaten muss der Regierungsrat seine Empfehlung zur Annahme oder Ablehnung des Postulats ausgearbeitet haben, über welche die Parlamentarier dann befinden.

Erstellt: 30.09.2019, 12:35 Uhr

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