Wie lange darf ich noch mit Öl heizen?

Trotz Klimanotstand ist fossile Energie unter Zürcher Hausbesitzern sehr gefragt. Die Gründe.

Immer noch ein häufiger Anblick: Ein Chauffeur liefert Heizöl aus. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Immer noch ein häufiger Anblick: Ein Chauffeur liefert Heizöl aus. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Trotz Klimastreik und grünem Baudirektor ist der Klimanotstand noch nicht richtig bei den Zürcher Hausbesitzern angekommen. Gemäss den aktuellsten verfügbaren Zahlen werden auf Kantonsgebiet noch immer weit über die Hälfte aller Häuser mit Öl oder Gas geheizt. Und zwei Drittel der Zürcher Hausbesitzer bleiben selbst dann noch fossilen Energien treu, wenn sie eine defekte Heizung ersetzen müssen. Heizungen, die mit erneuerbarer Energie betrieben sind, bauen sie meist nur in Neubauten oder bei Gesamtsanierungen ein. Dies bestätigt René Schürmann, Geschäftsleiter bei Elco, einer führenden Anbieterin von Heizanlagen in der Schweiz: «Bei Sanierungen wird die Ölheizung häufig durch ein sparsameres Brennwertgerät ersetzt.»

Lösung schubladisiert

Für Niklaus Haller, ehemaliger ETH-Doktorand in Gebäudetechnik, ist dies «erschreckend». Denn um den von der Schweiz unterzeichneten Pariser Klimavertrag nur annähernd zu erfüllen, dürfte beim Heizen eigentlich kein CO2 mehr freigesetzt werden – und zwar so rasch wie möglich. Haller nennt vor allem einen Grund, weshalb so viele weiter auf Öl setzen. Die Investitionskosten für eine neue Ölheizung sind drei- bis fünfmal tiefer als jene einer alternativen Heizanlage. Das sei für die meisten entscheidend, obwohl die Betriebskosten einiges höher sind als etwa bei der Wärmepumpe.

Enttäuscht ist der Wissenschaftler aber vor allem von der Zürcher Politik, die den Umstieg kaum fördere. 2015 hat er im Namen von 43 ETH-Wissenschaftlern eine Einzelinitiative eingereicht, mit der die Dekarbonisierung beim Heizen beschleunigt würde. Doch die sogenannte Redem-Initiative ist in den politischen Mühlen stecken geblieben. «Wir fühlen uns vom Zürcher Regierungsrat und von der damaligen Mehrheit im Parlament nicht ernst genommen», sagt Haller.

Nun wartet die Redem-Vorlage seit vier Jahren auf Behandlung. Sie sieht vor, dass neu eingebaute Heizsysteme gar kein CO2 aus nicht erneuerbaren Quellen (Öl und Gas) produzieren dürften – allerdings erst 18 Jahre nach Annahme der Initiative. Bis dahin würden die Emissionsgrenzwerte alle vier Jahre verschärft. Je strenger die Werte sind, desto unattraktiver wäre es, beim Ersatz einer Heizung auf fossile Energie zu setzen. Für Haller ist die Redem-Initiative eine verträgliche Lösung.

Der Regierungsrat sieht die Sache anders. Erst liess er sich zwei Jahre Zeit für seine Stellungnahme, dann beantragte er dem Kantonsrat die Ablehnung. Es sei zu aufwendig, in allen Häusern den CO2-Ausstoss zu messen, zudem sei die Versorgungssicherheit mit erneuerbarer Energie nicht gewährleistet. Auch dem Kantonsrat eilt es nicht mit Redem. In der Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt (Kevu) wurde die Initiative schubladisiert. Man wolle sie zusammen mit der fälligen ­Änderung des Energiegesetzes behandeln, bei der die energetischen Bauvorschriften verschärft werden sollen, teilt die ehemalige Kommissionspräsidentin Rosmarie Joss (SP) mit.

Konkret geht es bei der Gesetzesänderung um die Muster­vorschriften der Kantone im Energiebereich (Muken). Mit ihnen sollen Energieverbrauch und CO2-Ausstoss im Gebäudebereich verringert werden.

Nur 10 Prozent erneuerbar

Obwohl die Zeit wegen des Pariser Vertrags drängt, hatte es der vormalige Zürcher Energieminister Markus Kägi (SVP) auch mit der Einführung der Muken nicht eilig. Die Gesetzesänderung ist nach wie vor pendent, obwohl die Vorschriften Anfang 2020 in Kraft treten müssten. Inzwischen hat Baudirektion Martin Neukom übernommen. Doch auch der Grüne lässt ausrichten, man sei noch nicht so weit.

Für die Besitzer von Ölheizungen heisst das: Grund zur Eile besteht nicht. Der Umstieg auf eine durch alternative Energien betriebene Anlage wäre zwar ökologisch sinnvoll und ökonomisch vorteilhaft, aber es sieht im Moment danach aus, wie wenn der Kanton Zürich fossile Brennstoffe beim Heizen noch viele Jahre tolerierte. Denn auch die Muken-Vorschriften werden die Besitzer von Ölheizungen voraussichtlich nicht schrecken. Neue Anlagen müssten nämlich nur zu 10Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben sein. So könnte die Warmwasseraufbereitung mit Sonnenenergie laufen, das Haus aber weiterhin mit Öl geheizt werden – wenn die Emissionsgrenzwerte eingehalten werden.

Noch kein «Greta-Effekt»

Eine Unbekannte ist derzeit Martin Neukom. Ob und wie er das Tempo verschärft und ob er neue Auflagen für fossile Brennstoffe macht, will er noch nicht sagen. Redem-Initiant Haller, der Neukom persönlich kennt, ist sich aber sicher: «Er wird agieren und nicht nur reagieren wie sein Vorgänger Kägi.» Zu erwarten ist auch, dass die Baudirektion unter Neukom den Ersatz von Ölheizungen wieder finanziell unterstützen wird, wenn dafür eine umweltverträglichere Lösung gewählt wird. Unter Kägi wurden diese Subventionen aus Spargründen gestrichen.

René Schürmann, Geschäftsleiter der Heizungsfirma Elco, ist sich dennoch sicher: Der Umstieg auf erneuerbare Energien wird weitergehen: «Den Trend gibt es seit vielen Jahren.» Einen «Greta-Effekt» hat er noch nicht ausmachen können. Das Thema Nachhaltigkeit habe aber beim Heizanlagen-Systementscheid ein immer grösseres Gewicht.

Das bestätigt auch SVP-Nationalrat Hans Egloff, Präsident des Hauseigentümerverbandes. Es schade nichts, wenn man beim Klimaschutz einen Gang höher schalte, aber: «Herr Neukom muss vernünftige Lösungen vorschlagen.» Unvernünftig wäre aus Sicht Egloffs, wenn Hausbesitzer gezwungen würden, funktionierende Ölheizungen herauszureissen. Egloff bleibt zuversichtlich, sowohl was Neukom betrifft als auch in eigener Sache. Eben hat er die Ölheizung in seinem Einfamilienhaus einer Revision unterzogen, und er rechnet mit weiteren zehn Betriebsjahren. Was dann geschehe, sei offen. Womöglich wird dann das ganze Haus neu gebaut – mit Wärmepumpe natürlich.

Erstellt: 07.06.2019, 07:31 Uhr

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