Helvetia auf dem Dorfe

Wo der Frauenchor die Hymne anstimmt und Roger Köppel am Rednerpult steht: Zu Besuch in Volken – der kleinsten Gemeinde des Kantons Zürich.

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Wenn selbst in der rot-grün regierten Stadt Zürich der Nationalfeiertag mit Fahnenschwingern, Alphornbläsern und Salutschüssen begangen wird, wie bodenständig geht es denn erst auf dem Lande zu? Zum Beispiel in einer Gemeinde, die das Volk schon im Namen trägt?

Volken im Zürcher Weinland ist mit seinen 337 Einwohnerinnen und Einwohnern die kleinste Gemeinde des Kantons und eine Hochburg der SVP, also so ziemlich genau das Gegenstück der Stadt Zürich.

Feier im Schulhaus Ankacker

Das Dorf liegt am Fusse des Worrenbergs, der mit Reben bepflanzt ist. Es ist in zehn Minuten locker durchwandert, hat einen Volg, der von der Gemeinde mitsubventioniert wird, damit er überleben kann. Und eine Dorfwirtschaft, die Post, um deren Überleben sich die Einheimischen Sorge machen. Entlang der Strassen stehen währschafte und gepflegte Bauernhöfe. Manche sind heute mit Schweizer Fahnen geschmückt.

Die Bundesfeier findet zur Mittagszeit im Schulhaus Ankacker statt. Der Name ist nicht etwa ein tief blicken lassender Freudscher Versprecher. Das Schulhaus heisst wirklich so – ausser beim ZVV, dem dies möglicherweise sprachlich zu wenig fein daherkommt. Er nennt das Schulhaus in seinem elektronischen Fahrplan «Antacker».

Auch Fremde sind gekommen

Vor diesem Schulhaus Ankacker haben sich bereits eine Dreiviertelstunde vor dem offiziellen Festakt, zu dem ein so prominenter Redner wie «Weltwoche»-Chef und SVP-Nationalrat Roger Köppel erwartet wird, rund 80 Personen eingefunden. Also mehr als ein Viertel des Dorfes. Man stelle sich vor: In der Stadt Zürich entspräche dies über 100'000 Menschen. Und es werden immer mehr.

Allerdings einige «Frömdi», wie ein Dorfbewohner sagt, als er seinen Blick rundumschweifen lässt. «Die kommen wegen Köppel, aber von den Unsrigen sind schon auch fast alle da, die sich im Dorf engagieren.» Und das seien sehr viele, sagt die Frau von vis-à-vis. Sie hat sich über Medienberichte geärgert, welche die Volkemer dumm hingestellt hätten, weil sie sich ausserordentlich schwer damit taten, Kandidierende für den Gemeinderat zu finden. «Das ist nicht, weil wir uns nicht engagieren, sondern weil die meisten von uns schon ein Amt haben oder sogar mehrere.»

Ein Sennechutteli, keine Tracht

Um halb zwölf schleppen Helferinnen und Helfer weitere Festbänke heran. Als der frisch gewählte Gemeindepräsident Walter Schürch die offizielle Feuer eröffnet, sind gut 150 Festbesucher anwesend. Kurz zuvor sind noch ein paar Geranienstöcke zum Rednerpult getragen worden.

Hält dieses Jahr die Schweizer Fahne am Säntis?

Pünktlich zum 1. August wurde am Säntis erneut die weltgrösste Schweizer Fahne ausgerollt. (Video: Tamedia, SDA)

Ansonsten flattern lediglich einige Schweizer Fähnchen im Wind, und unter den Festbesuchern ist gerade mal ein Sennenchutteli auszumachen. Keine einzige Frau trägt eine Tracht. In Volken hat Bodenständigkeit nichts mit Folklore zu tun. Sie ist Alltag. Einfach nüchterner Alltag.

Der Schweizer ist ein «Chrampfer»

Als Roger Köppel zu Beginn seiner Rede das Publikum fragt, was denn für die Anwesenden ein echter Schweizer sei, ruft einer «en Chrampfer». Mehr gibt es da aus Sicht des Publikums offenbar nicht zu sagen.

Nun holt Köppel zu einer etwa 40-minütigen Auslegung der Schweizer Geschichte, insbesondere des Bundesbriefes aus, in der er verspricht, «nichts als die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen». Die lautet dann unter anderem so: «Die modernen Vögte sind jene, die sich als weltoffen oder visionär bezeichnen. Jene, die sagen: Ich bin ein Freund des Völkerrechts oder ich bin ein Vertreter der Menschenrechte.»

Ein einsames Bravo

Er zitiert dreimal Gottfried Keller und schafft immer wieder den Dreh, gegen die EU, auch hin und wieder gegen den Bundesrat zu wettern. Der Dorfbrunnen plätschert.

Köppel ist hemdsärmlig, das Publikum hört aufmerksam zu, ab und zu gibt es Lacher. Als der Festredner allerdings Jean-Claude Juncker, den Präsidenten der Europäischen Kommission, als Säufer hinstellt, murren einige der Zuhörer. Der Applaus ist höflich – nüchtern eben. Ein einsamer Rufer lässt sich zu einem Bravo hinreissen.

Dann die Landeshymne

Dann die Landeshymne: Der Frauenchor Volken, der auch für die Bewirtschaftung zuständig ist und dem mit seinen in Vollbesetzung rund 20 Sängerinnen fast ein Achtel der Volkemer Frauen angehört, formiert sich im Hintergrund. Man stelle sich vor: In der Stadt Zürich ständen hier nun 25'000 Frauen!

Die Melodie wird angestimmt, die Anwesenden stehen auf, ziehen die Sonnenhüte und Dächlikappen ab und stimmen zaghaft ein. Erst beim Refrain schmettert die Festgemeinschaft aus voller Brust. Nach der ersten Strophe sagt eine Sängerin halblaut zu ihrer Nachbarin: «Eine Strophe genügt.» Das wäre aber selbst den Volkemern zu nüchtern. Die offizielle Feier endet mit «Fährst im wilden Sturm daher», während der Dorfbrunnen leise plätschert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2018, 17:09 Uhr

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