Herr Walder, ist die Zürcher SVP jetzt die Köppel-Partei?

Die SVP-Krise hat den 31-jährigen Patrick Walder an die Spitze der grössten Schweizer Kantonalpartei gespült. Wie tickt der Mann?

«Mein jetziges Präsidium sehe ich als begrenztes Projekt»: SVP-Chef Patrick «Pudi» Walder.

«Mein jetziges Präsidium sehe ich als begrenztes Projekt»: SVP-Chef Patrick «Pudi» Walder. Bild: Reto Oeschger

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Herr Walder, Sie haben als Unbekannter einen der heikelsten Jobs in der Politlandschaft übernommen. Wie kam es dazu?
Der Parteivorstand hatte nach den Wahlen eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die mich kontaktiert hat. Da habe ich mich zur Verfügung gestellt und wurde gewählt.

Hat Christoph Blocher angerufen?
Ja, er war ja der Präsident der Gruppe. Darauf haben wir uns getroffen und Einiges besprochen.

Zum Beispiel die Entlöhnung?
Nein, das Parteipräsidium bleibt ein Ehrenamt, und das ist richtig so.

Wie viel Prozent arbeiten Sie für die Partei?
Wenn man von einer 42-Stunden-Woche ausgeht, sind es derzeit mehr als 100 Prozent. Aber das ist eine Ausnahmesituation.

Wie können Sie sich den Erwerbsausfall leisten?
Ich bin Partner einer kleineren Treuhandfirma. Wir konnten uns kurzfristig umorganisieren – Interimsmanagement ist übrigens unsere Spezialität.

Sind Sie in einem Jahr noch SVP-Präsident?
Mein Mandat läuft bis nach den nationalen Wahlen. Was danach kommt, ist offen. Mein jetziges Präsidium sehe ich als begrenztes Projekt.

«Wir müssen lauter werden. Dann werden wir besser gehört.»

Man hört, Sie seien nur zweite oder dritte Wahl gewesen. Stört Sie das?
Ich weiss nichts von einer Liste oder Reihenfolge. Ich weiss nur, dass ich angefragt wurde, und das hat mich gefreut. Vermutlich ist auch zur Kenntnis genommen worden, dass die Dübendorfer SVP bei den Lokalwahlen vor einem Jahr überdurchschnittlich gut abgeschnitten hat. Wir haben das Stadtpräsidium erobert, einen weiteren Stadtratssitz verteidigt, die Sitze im Parlament gehalten und verhindert, dass Rot-Grün in die Regierung der viertgrössten Stadt des Kantons einzieht.

Blocher kanzelte ja gerne Sektionen ab, die schlecht abgeschnitten haben. Sie werden folgerichtig belohnt.
Ich vernehme dies nicht so, wie Sie es beschreiben. Belohnung ist das falsche Wort. Ich sehe es als Anerkennung seitens der Partei.

Wie war der Einstieg als SVP-Präsident?
Sehr gut. Gleich am Morgen nach der langen Delegiertenversammlung haben wir uns an die Arbeit gemacht und uns gefragt: Was lief schief bei den Wahlen? Was lief in der Partei falsch? Was war gut?

Die SVP-Stunde der Wahrheit:

Wie lautet Ihre Analyse?
Unsere Leute in den Bezirken und Sektionen waren sehr aktiv und haben auch Ernst Stocker und Natalie Rickli in ihrer Regierungsratskampagne toll unterstützt. Aber wir haben zu wenig gut transportiert, wofür wir stehen.

Wie wollen Sie das ändern?
Wir müssen lauter werden. Dann werden wir besser gehört. Das Wort ist ein sehr starkes Mittel. Dazu braucht es eine einfachere, klarere Sprache.

Noch einfacher? Noch klarer?
Wenn wir von fremden Richtern reden, treffen wir die Lebenswelt der Leute nicht. Ich war noch nie vor dem Richter. Wenn wir aber sagen, dass der Rahmenvertrag viel höhere Preise bringt, weil sich die Mehrwertsteuer verdoppelt, versteht das die Bevölkerung.

Besteht nicht die Gefahr, dass Sie überhört werden, weil Sie übertreiben?
Alles Binnenmarkt-Relevante untersteht dem Vertrag. Der EU-Mindestsatz von 15 Prozent gehört dazu. Das ist für mich völlig klar.

«Es gibt keinen Graben in der SVP. Wir alle stehen hinter demselben Parteiprogramm.»

Ihr Vorgänger Konrad Langhart sprach von einem Graben zwischen der Goldküsten-SVP und der restlichen Partei. Wie wollen Sie diesen zuschütten?
Es gibt keinen Graben. Wir alle stehen hinter demselben Parteiprogramm, welches durch die Delegiertenversammlung abgesegnet wurde.

In den letzten Wochen entstand aber ein anderes Bild. Was wollen Sie besser machen als die alte Parteileitung?
Wir haben es unterlassen, den Gegner zu benennen und zu demaskieren. Nun müssen wir es anders machen als die alte Parteiführung. Ob das schliesslich besser ist, wird sich weisen.

«Die Partei ist nicht in einem desolaten Zustand»:

Was ist, wenn die SVP im Herbst im Kanton Zürich 3 Prozent verliert?
Das wird nicht passieren. Wir werden unsere zwölf Nationalratssitze verteidigen und mit Roger Köppel einen Ständeratssitz erobern.

Halten Sie das wirklich für realistisch?
Ja, absolut. Vor allem im zweiten Wahlgang ist alles möglich.

Sie haben kürzlich Ihre Wahl-Schwerpunkte präsentiert. Sie sind identisch mit jenen von Roger Köppel. Ist die SVP jetzt die Köppel-Partei?
Sein Programm und unseres sind unabhängig voneinander entstanden. Dass grosse Überschneidungen bestehen, zeigt nur, dass Köppels Analyse, welche die grössten Probleme für unser Land sind, richtig ist.

Sie thematisieren den EU-Rahmenvertrag, die Zuwanderung und warnen vor «Klimapanik». Die Bevölkerung sorgt sich aber wegen der Krankenkassenprämien, des Verkehrs und eben des Klimas.
Man muss eben die Zusammenhänge sehen. Das Klima – oder besser: die Umwelt – wird vor allem durch die ungesteuerte Zuwanderung belastet. Wer das nicht thematisiert, ist ein politischer Falschmünzer und will das Problem nicht angehen. Rot-Grün nutzt die Klimadiskussion, um das politische System zu ändern.

«Dass sich das Klima verändert, ist offensichtlich. Die Lösungen für das Problem sind aber nicht Verbote. Die Wirtschaft liefert die Ansätze.»

Was soll denn geändert werden?
Statt des Bürgers soll der Staat die Macht übernehmen. Die Mittel der Rot-Grünen sind Verbieten, Verhindern und Besteuern.

Aus Ihrer politischen Ecke tönt, das sei schon längst der Fall.
Was die Bürokratisierung angeht, stimmt das. Aber zum Glück leben wir heute noch in einem freiheitlichen System, der die Eigenverantwortung der Menschen hochhält.

Den Klimawandel anerkennen Sie?
Dass sich das Klima verändert, ist offensichtlich. Die Lösungen für das Problem sind aber nicht Verbote. Die Wirtschaft liefert die Ansätze. Ein Beispiel: Die Euro-6-Motoren für Lastwagen belasten die Umwelt viel weniger als die alten. Sie kamen aber nicht vom Staat, sondern sind das Resultat von innovativen Firmen, welche die Bevölkerung durch den geringeren Verbrauch überzeugt haben.

Könnte es nicht sein, dass der Staat geringere Emissionen verordnet und die Wirtschaft mit Innovation darauf reagiert?
Nein, Innovation entsteht nur, wenn es sich wirtschaftlich lohnt. Der Staat würgt sie mit Verboten ab.

Wenn der Staat die Wirtschaft sich selbst überlässt, rettet sie das Klima?
Wenn die Politik den Fortschritt nicht behindert, wird die Wirtschaft technologische Lösungen finden, welche dem Klima zugutekommen.

Laut Ihrem Smartvote-Profil stehen sie am rechten Ende der SVP. Sehen Sie sich auch dort?
Ich habe mich immer als gutbürgerlich bezeichnet.

Sie sind gegen die Ehe für alle, Ihr Vizepräsident Toni Bortoluzzi hat Homosexuelle verunglimpft. Ist die neue Zürcher SVP eine Anti-Schwulen-Partei?
Keinesfalls! Aber das ist kein Kernthema von uns, wir haben viele bekennende Homosexuelle in der Partei.

Natalie Rickli hat diesbezüglich aber ihre Meinung geändert, viele andere Menschen auch. Steht die neue SVP-Führung nicht neben den Schuhen?
Wir haben ein verabschiedetes Parteiprogramm, in dem steht: Keine Gleichstellung von Ehe und eingetragene Partnerschaft. Dazu stehe ich als Präsident.

Im Programm steht auch: keine Legalisierung von Cannabis. Da weichen Sie persönlich ab.
Ja, beim Cannabis lege ich die Betonung auf die Eigenverantwortung, aber auch das ist kein Kernthema unserer Partei.

Ihr Vorgänger Langhart hat nie nach Herrliberg telefoniert. Haben Sie einen guten Draht zu Christoph Blocher?
Seit zwei Wochen telefoniere ich viel mit Mitgliedern der Partei. Da gehört auch Christoph Blocher dazu.

Die ganze SVP-Führung tritt zurück:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2019, 15:20 Uhr

Der neue SVP-Präsident

Für auswärtige Beobachter war die Wahl Patrick Walders – Spitzname Pudi – völlig überraschend. SVP-intern ist der 31-Jährige bekannter. So war er einst der jüngste Politiker in einem Parlament. Er wurde als 18-jähriger KV-Lehrling in den Dübendorfer Gemeinderat gewählt und gleich in der Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission geschickt. Walder ist immer noch deren Mitglied und nennt sich scherzhaft «Sesselkleber». Er gilt als Hardliner, war stark in der Jung-SVP engagiert und verantwortete den Zürcher Abstimmungskampf für die Masseneinwanderungsinitiative. Im März verlor die SVP Bezirk Uster einen Sitz, weshalb Walder die Wahl in den Kantonsrat nicht schaffte.
Er stammt aus einer Handwerkerfamilie. In der Autogarage seines Vaters entbrannte seine Liebe zu «Döschwos», die immer noch sein Hobby sind. Walder ist Treuhänder. Man munkelt, unter seinen Kunden figurierten Christoph Mörgeli und andere SVP-Politiker. Walder äussert sich dazu nicht. Er lebt mit seiner Partnerin in Dübendorf. (pu)

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