«Heute gibts keine Lehrer mehr, die Kabarett spielen dürfen»

Cabaret-Rotstift-Urgestein Jürg Randegger (83), ein Leben lang Lehrer, hat seine allerletzten Auftritte. Er spielt sich selber – 50 Jahre nach den historischen Erfolgen.

Cabaret Rotstift in der Besetzung 1987: Jürg Randegger (rechts) mit Heinz Lüthi und Werner von Aesch. Foto: Keystone

Cabaret Rotstift in der Besetzung 1987: Jürg Randegger (rechts) mit Heinz Lüthi und Werner von Aesch. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach 65 Jahren Kabarett stehen Sie nun zum endgültig letzten Mal auf der Bühne. Glauben Sie das selber?
Man soll nie nie sagen. Aber ich bin jetzt 83 und habe meinen Bühnenabschied schon 2002 gegeben, als wir mit dem Cabaret Rotstift im Schlieremer Salmensaal die letzte Vorstellung gaben.

Und trotzdem spielen Sie nun im Miller’s eine der grossen Figuren des Schweizer Kabaretts: Jürg Randegger spielt Jürg Randegger.
Das haben wir nur Christian Jott Jenny zu verdanken, der so lange an mir herumgesägt hatte, bis ich zu meinem 80. Geburtstag einwilligte, am Programm «Rotstift Reloaded» mitzumachen. Ich hatte immer Angst, unsere alten Nummern eins zu eins aufzuwärmen. Wir ­haben dann die alten Zeiten aufgeladen und nicht bloss aufgewärmt.

Und jetzt stehen Sie nach dem Rücktritt vom Rücktritt wieder fast jeden Abend auf der Bühne, singen und kalauern wie ein Junger.
Das war wieder der Tausendsassa Jenny. Seiner nostalgischen Idee mit der «Trittligasse» konnte ich nicht widerstehen. 1960 war ich als 25-Jähriger begeisterter Zuschauer, als Margrit Rainer, Ruedi Walter, Ines Torelli, Inigo Gallo, Jörg Schneider und Paul Bühlmann an der Trittligasse ihre Züri-Ballade aufführten. Als dann die Vorstellungen 1964 in den Park der Villa Egli an die Höschgasse verlegt wurden – an der Trittligasse hatten die Anwohner genug vom Trubel –, durfte ich inmitten der Zürcher Unterhaltungsmafia auch mitspielen. Ich kannte Jörg Schneider, mit dem ich noch zu Seminarzeiten das Cabaret Äxgüsi gegründet hatte.

Und jetzt spielen Sie sich selbst, einfach 54 Jahre später?
Das ist ein wahnsinniges Erlebnis. Da kommt alles wieder hoch, die ganze ­Begeisterung, die wunderbaren Abende an der Trittli- und an der Höschgasse. Heute bin ich überzeugt, dass die nächsten Tage meine letzten Auftritte auf der Bühne sind – abgesehen vielleicht von ein paar Besuchen in Altersheimen.

Es sei denn, Jenny überschwatzt Sie auch mit 85 nochmals? Sie tanzen noch wie Fred Astaire, und die Pointen sitzen sekundengenau.
Da rumpelt es aber gewaltig, wenn sich Fred Astaire im Grab dreht. Ich musste hart schuften – in meinem ganzen Rotstift-Leben hatte ich nie so viel Choreografie gehabt wie in den letzten Wochen. Ich war ein Leben lang Primarlehrer, das mit dem Cabaret waren Zufälle. Ich rechnete schon 1964 an der Höschgasse damit, dass das mein letzter Auftritt sei. Dann suchten die Rotstifte einen Nachfolger für Fredy Lienhard. Und ich konnte Kabarett spielen.

«Ich war ein Leben lang Primarlehrer, das mit dem Cabaret waren Zufälle.»Jürg Randegger

Was kann man, wenn man Kabarett spielen kann?
Du musst die Freude und die Frechheit haben, um vor die Leute zu stehen. Und das Feeling für Pointen. Ich wurde schon im Seminar zum Unterhaltungschef verknurrt. Damals hatte ich das Sakrileg begangen, statt einer Schülerproduktion ein Kabarett aufzuführen. So lernte ich Jörg Schneider kennen.

Heute heissts Comedy, nur die Alten sprechen noch von Cabaret.
Heute gibts etwa 50-mal mehr Comedyensembles und Einzelkomödianten als vor 40 Jahren. Die heutigen Comedys bestehen aus schnellen Witzen – zum Teil absolut brillant, zum Teil etwas weniger lustig. Ich vermisse heute richtige Ensembles, die eine Geschichte erzählen, unterhaltend und nicht aggressiv, die singen können und von einem richtigen Orchester begleitet werden – so wie unser Stück über die Trittligasse.

Wer sind heute Ihre Favoriten?
Ich bewundere Ursus und Nadeschkin und Divertimento und finde Michael ­Elsener grosse Klasse. Ich liebe Wort­humor und schön erzählte Geschichten, einen Aufbau, der auf eine Pointe hinausläuft. Slapstick liegt mir weniger. Und ich habe es auch nicht gerne, wenn Künstler aggressiv sind und das Publikum von der Bühne runter belehren. Da lese ich lieber die Zeitung. Wir haben unser Cabaret immer mit C geschrieben, im Gegensatz zum deutschen Kabarett, das damals immer sehr politisch war. Auch Dieter Hildebrandt, der Grösste aller Grossen, war ein Kaberittist mit zwei T – immer voll auf Attacke.


Jürg Randegger Der heute 83-Jährige war Lehrer in Albisrieden und von 1965 bis 2002 Teil des Cabaret Rotstift. 1975 bis 1999 moderierte er die Sendung «Samschtig-Jass» des Schweizer Fernsehens.

Die Rotstifte waren auch ziemlich deftig – etwa die Skiliftnummer mit «dem Kopf wie eine VW-Tür – so richtig zum Drigingge».
Halt, halt! Das war nun einfach die Figur des Jimmy Muff. Er ist quasi der Vorgänger von Giacobbos Harry Hasler. Und das war die einzige Nummer in diesem Stil. Zentral war bei uns, dass wir die Leute abgeholt haben, mit Erlebnissen, die alle schon mal durchgemacht haben. Zum Beispiel das Zusammensetzen eines Büchergestells oder wenn wir uns über uns selber lustig machen und immer wieder sagen: «Wäge dem goot doch d Wält nid under». Heute haben die jungen Comedyans enorme Konkurrenz, gerade auch von Deutschland her.

Und Ihr hattet nur eine Handvoll Konkurrenten?
Zu unserer Zeit waren Emil, Ces Keiser, Alfred Rasser und Walter Roderer aktiv, wir dagegen waren als vollberufliche Lehrer die Amateure.

Cabaret Rotstift: Ausschnitt aus der Nummer «Skilift». Video: Youtube

Wurden Sie von Ihren Schülern nicht als der Deutsche vom Skilift und auf das berühmte Ruckzuck-Zackzack reduziert?
Das Ruckzuck-Zackzack habe ich in meinem Leben schon sehr viel gehört, aber nicht von meinen Schülern. Wenn einer zum Randegger in Albisrieden in die Schule kam, dann wussten natürlich alle, dass er der Deutsche vom Skilift ist. Das Thema war aber nach dem ersten Tag gegessen, ich war nachher ein völlig normaler Lehrer. Ich sagte meinen Schülern: Es darf keinen Tag geben, an dem wir zusammen nicht etwas zum Lachen haben. Vor allem aber: Die Kinder standen nicht auf den Erwachsenenhumor der Rotstifte, sondern auf Kliby und ­Caroline oder auf Peach Weber.

«Heute würden Schulpflegen keine Lehrer mehr tolerieren, die am Abend Zeit für die Bühne haben.»Jürg Randegger

Würden Sie heute nochmals Lehrer werden?
Kaum, ich würde das nicht mehr aus­halten. Nicht wegen der Schüler. Aber wegen der ganzen Bürokratie rund um die Schule herum. Und wegen all der Aufgaben, welche die Schule übernehmen muss, weil sie die Eltern nicht mehr wirklich wahrnehmen.

Ist ein Lehrer, der singt: «Oh Morgerot, oh Morgerot, de Fritzli schlot sin Lehrer z tot» heute noch denkbar?
Heute könnte ein Lehrer kein Kabarettist mehr sein. Aber nicht wegen irgendwelchen Äusserungen auf der Bühne. Einer unserer grössten Fans war immerhin Erziehungsdirektor Alfred Gilgen. Heute würden Schulpflegen und Politiker keine Lehrer mehr tolerieren, die glauben, am Abend noch Zeit für die Bühne zu haben. Das wäre ihnen suspekt. Dabei führten wir unsere Klassen allein und erteilten alle Fächer selber ohne Sonderpädagogen rundherum. Doch wir hielten uns eisern an den Grundsatz: Die Schule geht vor. Wir liessen nie eine Schulstunde ausfallen. Alle, die je fürs Cabaret Rotstift auf der Bühne standen, waren Lehrer.

Früher gabs auch bloss Lesen, Schreiben und Rechnen.
Und heute ist alles immer verschwurbelter, theoretischer und verpsychologisierter. Ich versuchte kürzlich den Lehrplan 21 zu lesen. Auf Seite 5 – von wohl weit über 100 Seiten – musste ich aufhören und hatte die ersten drei Seiten bereits wieder vergessen. Ich möchte allen Pädagogen, Professoren und Politikern ein einziges Blatt geben, auf dem sie die zehn wichtigsten Punkte auf maximal zwei Sätzen auflisten zum Thema: «Was soll die Schule?»

Wo stehen Sie politisch?
Früher war ich ein Linker, aber heute habe ich Mühe mit der linken Anspruchshaltung. Und ich finde, wir sollten nicht immer alles umkrempeln und wieder ­etwas mehr bewahren. Und ich bin ­dagegen, dass sich die Schweiz von der EU vereinnahmen lässt.

Züri-Ballade «Trittligass», u. a. mit Walter Andreas Müller, Jürg Randegger, Christian Jott Jenny und Heidi Diggelmann bis 22. April im Miller’s Studio. Foto: Samuel Schalch. www.trittligass.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2018, 21:37 Uhr

Artikel zum Thema

Ruck, zuck, zack, zack – und er war achtzig

Jürg Randegger war Mitglied des legendären Cabarets Rotstift und Lehrer in Zürich. Bald steht er nach langer Abwesenheit wieder auf der Bühne – als Rotstift. Mehr...

«Mein Lehrer ist eine Legende»

Das Cabaret Rotstift prägte mit seinen Sketches eine ganze Generation. Nun wird die Truppe mit einem Stück gefeiert. Tagi-Redaktorin Helene Arnet ging zu Rotstift-Mitglied Werner von Aesch in die Schule. Das Schlieremer Chind erinnert sich. Mehr...

«Bitte! Gehts noch?»

Interview Für uns überwindet das Duo Lapsus die Grenze zwischen Interviewern und Interviewten – die zwei führen das Gespräch gleich selber. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Riecher für allerbeste Qualität

Wenn es darum geht, ausgezeichneten Kaffee herzustellen, wird bei Nespresso nichts dem Zufall überlassen.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Stylingideen aus dem Landhaus
Geldblog Raiffeisen: Wenig Risiko für 2 Prozent Zins
Sweet Home Versteckspiel mit dem TV

Die Welt in Bildern

Wo die Toten ruhen: Anlässlich des Feiertags Eid al-Fitr besuchen Muslime den Friedhof von Nadschaf im Irak, der mit 5 Millionen begrabenen Menschen als grösster der Welt gilt. (16. Juni 2017)
(Bild: Alaa Al-Marjani ) Mehr...