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Diese Rede hält leider kein Zürcher Politiker

Neujahrsansprache mal anders: Thomas Widmer, machtlos, aber voller Ideen, stellt einen 20-Punkte-Plan für Zürich vor.

Das muss ja auch etwas festlich daherkommen: Neujahrsansprachen werden für gewöhnlich aufgezeichnet, um sie via TV unters Volk zu bringen.
Das muss ja auch etwas festlich daherkommen: Neujahrsansprachen werden für gewöhnlich aufgezeichnet, um sie via TV unters Volk zu bringen.
Keystone

Liebe Zürcherinnen und Zürcher, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Thomas Widmer, ich bin 54 und leider total machtlos.

Für meine Neujahrsrede stelle ich mir das Gegenteil vor. Dass ich alles ändern kann, weil ich unbeschränkte Verfügungsgewalt über Politik und Polizei, Behörden und Beamtenapparat habe.

Hier mein 20-Punkte-Programm für Stadt und Land.

  • Am dringlichsten ist dies: Zürichs Sechseläutenplatz darf nie mehr mit Tierkotbesudelt werden. Hiermit wird verfügt, dass der Circus Knie auf alle Zeiten an den Rand der Stadt zu verbannen sei. Eine geeignete Brachfläche im Gebiet Zürich-Seebach wird derzeit evaluiert und demnächst bekannt gegeben.
  • Für alle Zürcher Weihnachtsmärkte gilt ab Dezember 2017, dass die Anbieter eine Originalitätsprüfung absolvieren müssen. Keine Banal-Kerzchen mehr und keine ihren Träger lächerlich machenden Alpakamützen, keine cheapen Vogelhäuschen und keine Pastagefässe in der Form des Italienstiefels! Glühwein und Glögg werden verboten.
  • Für die verdächtig grossen Kommunikationsabteilungen der städtischen und der kantonalen Verwaltung gilt: Freitag ist Outdoortag. Ausrücken für alle. Je nach Jahreszeit geht es zum Laubbläsern, Schneeräumen oder zum Erfrischungstüechli-Verteilen im Hochsommer.
  • Keine Ahnung, warum das Restaurant Füchsli am Hegibachplatz soeben zugemacht hat und was dort geschieht. Es ist jedenfalls sofort wieder zu eröffnen als jener einmalige Begegnungsort, der es in den letzten Jahren war.
  • Das wunderbare Trüllikon im Zürcher Weinland wird mit den zugehörigen Dörfern Rudolfingen und Wildensbuch per sofort zum Zürcher Nationalpark ernannt. Die Brunnen im behördlich verfügten Perimeter werden auf Rotwein (Pinot noir) umgestellt.
  • Winterthur wird provisorisch neuer Kantonshauptort. Das killt auf einen Schlag Zehntausende Minderwertigkeitskomplexe. Und die Stadtzürcher können in der Zweitrangigkeit lockerer werden.
  • Für alle Zürcher Fussballclubs besteht 2017 und 2018 ein Match-Moratorium: in allen Ligen keine offiziellen, gewerteten Spiele und kein Wettbewerbsbetrieb. Dies, um Sportarten wie Korbball und Synchronschwimmen die ihnen zustehende Grösse zu verschaffen. Alle Fussball-Hooligans werden den grossen Minigolfturnieren zugeführt.
  • Eine Street-Parade im Hochsommer reicht nicht, eine weitere findet daher bereits diesen Februar statt. Noch besser: Jeden Monat eine Street-Parade! Den Städtern muss systematisch der Snob ausgetrieben werden. Alle vulgären Veranstaltungen (Caliente) werden in diesem Sinn systematisch gefördert.
  • Im Hinblick auf den letzten Punkt wird die ganze Stadt durchgehend mit Pissoirs alle 150 Meter an den grossen Strassen ausgestattet. Sexistisch ist das nicht, auch wenn es nicht der offiziellen, geschlechtsneutralen Toilettenpolitik entspricht; es sind wirklich bloss die Männer, die überall per Urinmarkieren.
  • Auf dem Platzspitz wird nach dem Londoner Vorbild Speaker’s Corner eine Wutbürger-Ecke eingerichtet an der Ecke, wo Limmat und Sihl zusammenströmen. Schon Demosthenes im alten Griechenland übte als werdender Redner seine Stimme, indem er versuchte, sich gegen das Rauschen des Meeres durchzusetzen.
  • Der Besuch der überaus schmissigen, die gute Laune befördernden Theater-Musik-Shows des Theaters Rigiblick ist ab sofort obligatorisch für alle Schulklassen. Rigiblick-Impresario Daniel Rohr wird neuer städtischer Theaterkommissar mit unbeschränkter Lizenz zu rocken.
  • A propos Schule: Statt Welschland-Aufenthalten gibt es neu kantonsinterne Austauschklassen Stadt-Land. Die Kinder von Zürich-Altstetten werden zwei Monate lang nach Trüllikon umplatziert, bis die gröbsten nervösen Ticks verschwunden sind.
  • Bei der Wasserkirche ist die Statue Zwinglis durch einen gleich grossen Sepp Blatter zu ersetzen. Denn wer hat Zürich in unserer Zeit über Jahrzehnte derart hartnäckig und global in den Schlagzeilen gehalten? Allenfalls kann man auch eine Doppelstatue realisieren nach dem Vorbild von Tell und Walterli in Altdorf. In diesem Fall hält Blatter einen kleinen Jacky Donatz an der Hand.
  • Stadtpräsidentin Corine Mauch wird zur E-Bass-Lehrerin umgeschult. Neue Stadtpräsidentin wird, ob sie will oder nicht, Slampoetin Hazel Brugger. Ebenfalls für die neue Stadtregierung nominiert ist Tagi-Kolumnistin Güzin Kar. Für Zürichs Aussenauftritte zuständig sein soll Irina Beller. Frauen an die Macht!
  • Calatravas geplanter Bau am Stadelhofen soll stattdessen am Bahnhof Bülach realisiert werden. Dafür bekommt das Café Mandarin am Stadelhofen, das bald schliessen soll, als echte Volksherberge einen fairen Mietvertrag für 100 Jahre.
  • Der Fünfliberzuschlag auf allen ZSG-Schiffen bleibt bestehen. Im Gegenzug verpflichtet sich die Zürichsee-Schifffahrt, ihre Gastronomie zu verbessern. Keine Teller mit fettigen Egliknusperli mehr! Seefelchen statt schottischen Rauchlachs!
  • Ein- und aussteigen bei der S-Bahn wird zum Schulfach. Für Erwachsene gibt es WKs. Insbesondere zu üben ist das zügige Aussteigen. Schlafmützen, die zwei Meter vor dem Ausgang unerklärlicherweise ihre Schritte verlangsamen, werden gebüsst. Zusätzlich schaltet sich bei allen Haltestellen eine Lautsprecherstimme ein. Sie ruft im Big-Brother-Duktus: «Und jetzt uusttiige, eis, zwei, drü, vier, föif. Eis, zwei, drü, vier, föif.» Dies in schnellem Zählrhythmus.
  • Zürcher Metzger haben als vom Aussterben bedrohte Berufsgruppe Anrecht auf kostenlose Therapiesitzungen. Für Veganer gibt es mit öffentlichen Geldern unterstützte Aussteigerkurse.
  • An der Uni wird Latein gegen den derzeitigen Trend für alle Fächer wieder obligatorisch. Mittelfristig wird der Kanton Latein zur Amtssprache erheben. Mit der schrittweisen Umstellung soll 2025 begonnen werden. Wir freuen uns, wenn im Kantonsrat schon bald einer ruft: «Quo vadis, Liebi?»
  • Mit den Trams in Zürich geht es so nicht mehr weiter: zu viele Ampeln, zu viel Schleicherei. Der Tunnelbau für die Trammetro beginnt diesen Sommer. Dafür gilt bei den Strassen: vier Jahre keine Baustellen. Versprochen, hoch und heilig!
  • Der Tagi ist ab sofort gratis in alle Haushaltungen im Kanton Zürich zuzustellen als gehaltvolle Lektüre für jeden Tag. Auf dass Neujahrsansprachen wie diese auch wirklich die Chance haben, von der gesamten Bevölkerung wahrgenommen zu werden.

So. Ich, Thomas Widmer, habe gesprochen und wünsche Ihnen jetzt ein gutes 2017. Dass es statt 20 nun 21 Punkte geworden sind, tut mir leid. Allmacht ist halt berauschend.

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