Himmelreich und Höllenschlund

Auf der Insel Ufenau leben fast so viele Teufel wie Engel. Und auch ein paar törichte und kluge Jungfrauen. Doch sind sie gar nicht so einfach aufzuspüren: Bei ihnen geht es drunter und drüber.

Mittelalterliche Fresken in der Kirche St. Peter und Paul auf der Insel Ufenau. Video: Reto Oeschger und Lea Koch

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Die Wette gilt: Nirgendwo sonst findet man zwei hochmittelalterliche Kirchen auf so engem und intaktem Raum wie auf der Ufenau. Es ist der Präsident der «Freunde der Insel Ufenau», Fredy Kümin, der diese Wette vorschlägt. Es geht um viel: um eine Flasche kühlen Inselwein, einen Federweissen. Der Blick vom Gartenrestaurant auf die beiden Kirchen scheint tatsächlich einzigartig: links auf der Anhöhe die kleine St.-Martin-Kapelle, rechts die grössere Kirche St. Peter und Paul mit dem robusten Turm mit Käsbissendach.

St. Martin (l.) und St. Peter und Paul.

Die beiden Sakralbauten wurden 1140 gebaut, doch wussten schon die Römer, wo es schön ist: St. Peter und Paul steht dort, wo sich einst ein gallorömischer Viereckstempel befand. Der Grundriss des zentralen Heiligtums, der Cella, ist im Innern der Kirche mit der Anordnung der Tonplatten ersichtlich.

Teufel mit dem Sündenregister

Noch ist Vorsaison auf der Insel. Und die Zeit, bevor das erste Kursschiff anlegt, ist Sylvia Fontana die liebste. Dann kann sie ungestört arbeiten. Fontana hat in den Jahren 2007 und 2008 mit ihrem Team die Malereien der Gotteshäuser konserviert und – wo nötig – restauriert. Alle zwei Jahre begutachtet sie deren Zustand und sorgt für den nötigen Unterhalt. Bei ihrer Arbeit begegnet die Restauratorin Himmel und Hölle.

Mit Lupenbrille und Streiflicht untersucht sie die Hörner eines Teufelchens, das gerade zwei schwatzenden Frauen das Sündenregister vorträgt. Oder sie bringt mit UV-Licht Schattierungen auf den Flügeln eines Engels zum Vorschein. Die beiden Kirchen sind ein Bilderbuch, das allerdings gar nicht so leicht zu entschlüsseln ist. Denn es geht drunter und drüber. «Die Malereien stammen im Wesentlichen aus fünf Epochen und überlappen sich so, dass es manchmal recht knifflig ist, herauszufinden, welche zusammengehören», sagt Fontana und verweist mit dem Skalpell auf kleinste Farbreste und feinste Pinselführungen, die Fachleute zu deuten wissen. Wenn das genaue Hinschauen nicht reicht, werden Pigmente auch chemisch analysiert, um sie zuzuordnen.

Das Teufelchen und die geschwätzigen Weiber stammen aus dem 14. Jahrhundert. Der Keulen schwingende Grobian und sein Kumpel daneben sind ­etwas später entstanden – sie stellen die Mörder des heiligen Meinrad dar und werden gerade von dessen Haustieren, den zwei Raben, angegriffen. Darunter ist, fast nur in Vorzeichnungen erhalten, ein Fries auszumachen, das die Mar­tyrien der Apostel darstellt. Es stammt aus spätromanischer Zeit um 1200.

Wer sucht, der findet auch einen ­Drachen, der ein Kind verschlingt, und Moses, der die vom Himmel gefallene Manna aufhebt. Wir entdecken Tote, die aus den Gräbern steigen und von Engeln gleich ins Himmelreich gehoben werden. Und arme Sünder mit schreckensgeweiteten Augen, die von einem Teufel in den Höllenschlund getrieben werden.

Es ist töricht zu glauben, dass das Kluge sich durchsetzt.

Um die Bilder in Peter und Paul zu ­erfassen, braucht es Geduld und etwas Fantasie. In St. Martin fällt das leichter, denn dort sind die freigelegten Malereien besser erhalten: Maria Himmelfahrt und Renaissance-Blattranken, aus denen Engel wachsen. Der heilige Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt. In der Laibung des Chorbogens treffen wir auf fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen: Die törichten eitlen mit ihren offenen Haaren sind am Verblassen; die gesitteten klugen sind viel besser erhalten. Gott straft eben sofort.

Doch ist es töricht zu glauben, dass das Kluge sich durchsetzt. Sylvia Fontana liefert die Erklärung für den unterschiedlichen Zustand der Fresken: Die törichten Jungfrauen befinden sich an der wärmeren Südwand, wo der feuchte Kalkputz, auf dem das Fresko angebracht wurde, schneller trocknete als auf der Nordseite. Dadurch konnten die Farbpigmente, die ohne Bindemittel aufgetragen wurden, weniger tief eindringen – die Malerei ist früher gefestigt und weniger haltbar. Das sei der Grund, weshalb Fresken an Südwänden oft schlechter erhalten sind als an Nordwänden, erklärt die diplomierte Restauratorin.

Uralte Reiseversicherung

Bevor wir das Bilderbuch schliessen, werfen wir einen Blick auf den monumentalen Christophorus in St. Peter und Paul. Der Riese trägt das Jesuskind auf dem linken Arm und wird in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Er gilt als Schutzherr der Reisenden und ist hier bestimmt gefordert. Man weiss ja, wie der Fallwind vom Etzel her aus heiterem Himmel niederfahren und die Überfahrt zum Höllenritt machen kann.

Doch vor dem Heimkehren gehört es sich auf der Ufenau, einzukehren. Die einen gehen in sich, die andern zu Rösli. Die Inselwirtin schaut gerade auf die Uhr, trinkt einen letzten Schluck Tee und bindet sich die weisse Schürze um: «Jetzt legt gleich das erste Kursschiff an», sagt sie. Dann bringt sie einen ­kühlen Federweissen. Apropos: Die Wette gilt immer noch.

Erstellt: 19.04.2016, 20:48 Uhr

Serie: Ab auf die Insel (10)

Die Insel-Konservatorin

Sie hat jeden Quadratzentimeter von St. Martin und St. Peter und Paul unter die Lupe genommen. Sylvia Fontana, Malermeisterin und diplomierte Konservatorin/Restauratorin, hat sich bei der Restaurierung vor ein paar Jahren intensiv mit den Malereien in den beiden Gotteshäusern beschäftigt. Manchmal kam sie mitten in der Nacht auf die Insel, weil sich im Dunkeln unter Ultraviolettlicht manches besser ergründen lässt. Die Arbeiten auf der Ufenau seien herausfordernd und zugleich höchst befriedigend gewesen, sagt Fontana, die im Familienunternehmen Fontana & Fontana AG den Bereich Restaurierung und Vergoldung leitet. Zurzeit arbeitet sie in der Kathedrale von St.?Gallen, dann geht es ins Kloster Disentis. Und immer wieder kehrt sie auf der Ufenau ein.

Die beiden Mörder des heiligen Meinrad werden von Raben attackiert.

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