HIV-positiv – und der Hunger plagt

Der Zürcher Aidsarzt Ruedi Lüthy hat in Zimbabwe ein Spital aufgebaut, das zu einer Modellklinik in dem südafrikanischen Krisenland wurde.

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Auf der Ausfallstrasse Richtung Süden geht es zuerst zügig voran. Nach fünf Minuten haben wir das Zentrum von Harare bereits hinter uns gelassen. Es besteht aus wenigen Hochhäusern und Geschäftsstrassen, die nach afrikanischen Unabhängigkeitshelden benannt sind. Kenneth Kaunda oder Julius Nyerere, und natürlich Robert Mugabe, der Zimbabwe seit 1980 regiert. Links und rechts breitet sich jetzt Grün aus: Die Anwesen der reichen, weissen Städter von einst. Villen auf riesigen Grundstücken. Dazwischen immer mal wieder ein Golfplatz oder eine Schule mit grosszügigen Sportanlagen. Man wähnt sich in einem prosperierenden Land. Dass der Putz ab ist und die Häuser langsam verlottern, ist im Vorbeifahren nicht zu sehen.

Ausserhalb der Stadt erstreckt sich über mehrere Hundert Meter eine niedrige Mauer entlang der Strasse. «Das ist der Friedhof, da liegen vor allem Aidstote», sagt Melania Mugamu, die Sozialarbeiterin der Newlands-Klinik. In Zimbabwe sind 15 Prozent der Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert, Millionen von Menschen sind an den Folgen der Immunschwäche gestorben. Anders als in der Schweiz, wo die Krankheit dank guter Medikamente Ende der Neunzigerjahre ihren Schrecken verlor, sterben im südlichen Afrika noch immer jährlich Hunderttausende daran. Diesen Zustand hielt Ruedi Lüthy für unhaltbar. 2003 entschloss sich der Zürcher Aidsspezialist, in Harare eine Klinik aufzubauen. Heute werden dort 6000 Patientinnen und Patienten ambulant betreut.

Im informellen Sektor tätig

Die Sozialarbeiterin besucht an diesem Tag eine 44-jährige Frau und ihre vier Kinder. Die Mutter ist HIV-positiv, die Kinder zum Glück nicht. Bei Hausbesuchen macht sich Melania ein Bild von den Lebensumständen der Patientinnen, berät sie und organisiert wenn nötig Unterstützung. Die Behandlung in der Newlands-Klinik beschränkt sich nicht auf die Abgabe der Medikamente, sondern bezieht auch soziale Aspekte mit ein. Wir verlassen die Hauptstrasse und biegen in eine rotbraune, sandige Strasse ab. Immer wieder muss Melania den Schlaglöchern ausweichen, gut hat sie den Jeep genommen. Catherine M. wohnt in einem Armenviertel. Die Bezeichnung dafür ist «high density area», dicht besiedeltes Gebiet.

Das Backsteinhäuschen hat drei Räume, insgesamt nicht mehr als 20 Quadratmeter. Zwei Schlafzimmer und eine Küche, um den Tisch stehen fünf Stühle, dahinter in der Ecke der Kocher. Treibstoffgeruch liegt in der Luft, Catherine kocht mit Kerosin. Ihr Mann kommt nur alle paar Monate vorbei, manchmal gibt er ihr ein wenig Geld, manchmal auch nichts. Er ist im informellen Sektor tätig und macht, was die meisten Menschen in Zimbabwe machen: «buying and selling», Kauf und Verkauf von irgendwelchen Dingen. Weniger als zehn Prozent der Zimbabwer haben eine feste Stelle, die ihnen nicht nur ein regelmässiges Einkommen, sondern auch eine Krankenversicherung garantiert. Alle anderen müssen fünf Dollar bezahlen, um einen Arzttermin zu erhalten. Die Newlands-Klinik ist eine Ausnahme. Behandlung und Medikamente sind dort kostenlos.

Catherine verdient pro Tag zwei bis drei Dollar, indem sie am Morgen Samosas bäckt und diese dann im Viertel verkauft. Zudem stellt sie Besen aus Gras her. Ihr Verdienst reicht nirgendwo hin, zumal sie für die Kinder Schulgeld zahlen muss. 45 Dollar pro Trimester für jedes der drei kleinen, 80 Dollar für Maximilian, der die Sekundarschule besucht und einmal Fussballprofi werden möchte. Wie Catherine das schafft, ist ein Rätsel. Andere Familien schicken ihre Kinder nicht mehr zur Schule. Doch heute ist sie bedrückt, in ihren Augen liegt Kummer. Der Vermieter hat sich angekündigt, er will auf dem Grundstück ein neues Haus bauen. Catherine weiss nicht, wohin sie dann mit ihren Kindern gehen soll. «Hast du keinen Plan?», fragt Melania. «Nein», antwortet sie. Etwas später holt sie eine Schachtel Schokoriegel aus dem Schlafzimmer. Mit deren Verkauf in Schulhäusern möchte sie ihre Einnahmen steigern.

Pillenschlucken unter Aufsicht

Catherine sei vorbildlich, auch mit den Medikamenten, sagt Melania. Auf der Therapietreue liegt das Hauptaugenmerk der Sozialarbeiterin. Denn wenn die Patienten die Pillen nicht regelmässig schlucken, vermehren sich die Viren explosionsartig und bilden Resistenzen. Weil Catherine so zuverlässig ist, muss sie nur einmal im Monat zur Kontrolle in die Klinik.

Es gibt auch Patientinnen, die täglich aufgeboten werden. Rita Phillip, seit 2005 Krankenschwester in der Newlands-Klinik, betreut vor allem junge Frauen. Auf der Liege in ihrem Konsultationszimmer stehen zwei Kartonschachteln mit Couverts. Es klopft an der Tür, Jane tritt ein. Die 23-Jährige ist eine Schönheit, gross und modisch gekleidet. Nach kurzer Begrüssung greift sie das Couvert mit ihrem Namen drauf und zieht einen Plastikbeutel und ein Döschen heraus. Unter den Augen von Schwester Rita nimmt sie mehrere Pillen. Zu besprechen gibt es heute nicht viel. Bevor Jane wieder geht, muss sie den Mund öffnen: Rita kontrolliert, ob sie die Medikamente auch wirklich geschluckt hat.

Zu Hause tut sie dies offenbar nicht. Sie bringt die Disziplin dafür nicht auf. Da Jane allein wohnt, ermahnt sie auch niemand. Erstaunlicherweise ist sie jedoch bereit, jeden Tag den Weg in die Klinik zu machen. Es muss an der freundlichen und familiären Atmosphäre liegen. Und an der Beziehung zu ihrer Betreuerin Schwester Rita, die für sie wichtig ist. In der Newlands-Klinik sind nicht die Ärztinnen und Ärzte, von denen es nur 4 gibt, sondern die 19 Krankenschwestern und Krankenpfleger die Hauptbezugspersonen der Patienten. Sie führen die Fälle und können einen Grossteil der Behandlungen eigenverantwortlich durchführen. «Bei uns müssen die Patienten nicht dauernd auf einen Arzt warten», sagt Schwester Rita und lacht. Dabei hilft ihnen ein Computerprogramm, das Ruedi Lüthy speziell für ihre Bedürfnisse entwickelt hat und das eine hohe Behandlungsqualität sicherstellt; inzwischen haben auch andere Aidskliniken im Land das Programm übernommen.

Patienten werden Mitarbeiter

Rita gehört zum langjährigen Kernteam der Klinik und trägt zu deren Weiterentwicklung bei. So hat sie eine begleitete Selbsthilfegruppe für junge Mütter gegründet, um diese durch den gegenseitigen Austausch zu stärken. Ähnliche Gruppen gibt es für Jugendliche. Sie sind besonders gefährdet, aus der Behandlung auszusteigen. Oft fehlt es ihnen an allem: Eltern, Ausbildung, Perspektive. Viele sind depressiv. In der Newlands-Klinik haben sie einen Ort, wo sie sich die Woche über täglich treffen können: Ein Jugendhaus, das von drei jungen Leuten geleitet wird, die selber HIV-positiv sind. Dort diskutieren sie, machen Recyclingkunst oder spielen zusammen.

Ruedi Lüthy hat erkannt, dass die medizinische Behandlung nicht erfolgreich sein kann, wenn die sozialen Umstände katastrophal sind. Im Laufe der Jahre hat seine Stiftung deshalb verschiedene Angebote aufgebaut. Ein Berufsbildungsprogramm für junge Patienten, ein Maisanbau-Projekt, einen Bildhauerkurs. Und, was eminent wichtig ist: eine Lebensmittelabgabestelle. Sie befindet sich im hinteren Teil des Klinikareals, neben dem Kinderspielplatz und der Zahnarztpraxis. Kinder und Jugendliche dürfen nach der Konsultation dort essen gehen und mit Protein angereichertes Milchpulver beziehen. Für die Therapietreue ist dies zentral: Wenn es den Patienten dank der Medikamente besser geht, nimmt ihr Hunger zu. Haben sie dann nichts zu essen, hören sie wieder auf mit den Pillen.

Eine Kultur der Offenheit

Der «Prof», wie ihn alle nennen, sei für sie wie ein Vater, sagt Rita Phillip. «Er hat uns ausgebildet und gelehrt, die Patienten engagiert und mit Respekt zu behandeln. Und er erlaubt uns, transparent zu sein. Wir können frei sagen, was wir finden.» Derzeit ist Lüthy wegen gesundheitlicher Probleme in der Schweiz. «Wir vermissen ihn sehr», sagt Rita.

In einem Land, in dem es keine Kritikkultur gibt, erscheint die Newlands-Klinik wie eine Insel. Hier wird diskutiert, und die Meinungen dürfen diametral auseinandergehen. Das zeigt sich in der internen Weiterbildung, die jeden Freitagmorgen stattfindet und an der die Krankenschwestern und Pfleger abwechslungsweise schwierige Fälle vorstellen. Diesmal ist Rita Phillip dran. Pünktlich um acht haben sich alle im Sitzungszimmer des alten Klinikgebäudes eingefunden und bilden zwei Stuhlreihen um den Tisch und die Wand entlang. Mit dabei auch Sabine Lüthy, die Tochter des Profs. Sie ist seit 2012 Geschäftsleiterin der Stiftung und weilt gerade für zwei Wochen in Harare.

Leben im Busbahnhof

Schwester Rita präsentiert die Geschichte einer 17-Jährigen, die mit ihrem fünf Monate alten Baby in einem Busbahnhof lebt. Die junge Frau verdient ein bisschen Geld, indem sie Busse putzt. Das Kind badet sie in einem Kübel. Unter einem Karton findet sie Schutz vor der Hitze am Tag und vor der Kälte in der Nacht.

Die Jugendliche ist seit zehn Jahren Patientin der Newlands-Klinik. Sie wurde bei der Geburt mit HIV infiziert und gehört zu den Hunderttausenden von Aidswaisen in Zimbabwe, deren Eltern von der Seuche dahingerafft wurden. Von der Generation der 25- bis 45-Jährigen sind nicht viele übrig geblieben. Als die Waise noch bei Verwandten wohnte, hatte sie die Krankheit einigermassen im Griff. Doch seit gut einem Jahr erscheint sie nur noch sporadisch zu Konsultationen und nimmt die Medikamente nicht mehr regelmässig. Deshalb ist die Gefahr gross, dass sie ihr Baby ansteckt. Das Virus wird bei der Geburt oder beim Stillen übertragen. Die Frage lautet: Soll die Klinik die Polizei einschalten, damit diese das Kind in ein Heim bringt?

Cleophas Chimbetete, der stellvertretende medizinische Leiter, plädiert dafür, denn die Patientin sei psychisch instabil. Schwester Moreni, die Betreuerin, sieht diesen Punkt auch, doch sie will der jungen Frau das Baby nicht wegnehmen: «Sie schaut zu ihm, so gut es geht.» Eine Kollegin erinnert an einen ähnlichen Fall, in dem es gut gegangen sei. Ein Pfleger widerspricht: «Ich mache mir Sorgen um das Kind.» Die Diskussion geht hin und her, es gibt einfach keine gute Lösung. Nun brauche sie selber auch bald eine Therapie angesichts der schwierigen Situation, sagt Schwester Moreni und sorgt damit für Heiterkeit. Der ganze Saal lacht schallend.

Schwester Rita wendet sich an Stefan Zimmerli, den künftigen medizinischen Leiter, und will seine Meinung wissen. Doch Zimmerli möchte den Fall nicht kommentieren. Dafür kenne er die gesellschaftlichen Verhältnisse in Zimbabwe zu wenig. Der Infektiologe, Oberarzt am Berner Inselspital, ist sich erst am Einarbeiten. Anders als Lüthy wird er nur zeitweise in Harare sein, jeweils während mehrerer Wochen. Dank Skype kann er schwierige Fälle aber auch von der Schweiz aus anschauen und mit seinem Stellvertreter besprechen.

Bevor er die Versammlung auflöst, zieht Cleophas Chimbetete Bilanz: «Wir sollten mehr tun, damit so junge Frauen nicht schwanger werden. Redet mit ihnen über Verhütung!» Was mit der 17-jährigen Mutter und ihrem Baby passiert, bleibt vorläufig offen.

Erstellt: 26.05.2017, 19:59 Uhr

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