Hoch bauen, tiefstapeln

Die Debatte um das neue Zürcher Stadion macht es unausweichlich: Hochhaus, wir müssen reden! Ein offener Brief.

Schlicht, schön: So wie der Siloturm muss ein Hochhaus daherkommen. Bild: Urs Jaudas

Schlicht, schön: So wie der Siloturm muss ein Hochhaus daherkommen. Bild: Urs Jaudas

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Liebes Hochhaus, ich schreibe dir in einem Zustand der Sorge. Weil ich nicht will, dass meine Stadt irgendwann ohne dich dasteht. Oder du in meiner Stadt allein dastehst, wie ein ausrangiertes O-Bike, wie ein abgewählter Politsaurier, wie GC am Tabellenende.

Jetzt ist der Moment für diesen Appell – denn warst du bis jetzt mehrheitlich Spielball finsterer Mächte (schwarz gekleideter Architektursachverständiger), hast du jetzt eine Gelegenheit, an deinem Image zu arbeiten. Dazu noch bei einem sensiblen Thema: dem Schattenwurf. Der Moment könnte nicht besser sein, streiten wir doch beim Stadion zu einem guten Teil über die beiden Hochhäuser. Die SP stört sich am rechten Turm, liberale Höngger stören sich am linken. Das bringt gleich beide in Gefahr.

Spring über deinen Schatten

Zum Schattenwurf noch: Es ist das vorerst letzte Manöver, um dich in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Da wird öffentlich mit dem Gedanken gespielt, deine erlaubte Beschattungszeit von zwei auf drei Stunden pro Tag auszudehnen. Vordergründig, um dir die Ansiedlung zu erleichtern. Hintergründig, um dich zu verhindern. Denn wer, ausser die Badenden am Letten, wünscht sich, länger im Schatten eines Hochhauses verweilen zu müssen? Nun ist es an dir, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen, hinzustehen und im Namen einer ganzen Gattung Gebäude zu sagen: Danke vielmals, aber hiermit bekennen wir Hochhäuser uns dazu, einen einzelnen Punkt täglich maximal eineinhalb oder auch eindreiviertel Stunden zu beschatten.

Du hattest von jeher einen schwierigen Stand, das ist mir schon klar. Deine Geschichte mit dieser Stadt beginnt an einem Unort. Das erste Hochhaus Zürichs, wenn man so will, ist der Turm des Kirchgemeindehauses Wipkingen. Hatten sie in anderen Weltstädten schon lange Wolkenkratzer gebaut, kamst du Anfang der 30er-Jahre hier in der Form eines verschupften Türmchens an. Das Gebäude aber fasziniert uns bis heute, mit dem runden Erker, auf dem oben eine Antenne thront. Der Bau der Herren Vogelsanger und Maurer könnte auch als Kontrollzentrum für die erste Zürcher Mondmission durchgehen. (Dazu müssten sich aber die Zürcherinnen und Zürcher darauf einigen, ob sie den gemeinen chinesischen Stinkkäfer oder die Hardbrücke gleich nebenan auf den Mond schiessen wollen.)

«Tower»: nicht gut

Natürlich ist der Sache nicht dienlich, wenn Remo Stoffel in Vals mit einem Monsterturm in der Landschaft herumfantasiert. Es zeigt aber auch, wie du dich in naher Zukunft geben solltest, um an deiner Akzeptanz zu arbeiten. Zurückhaltend, generös, sich einordnend. Auf Anfeindungen wie «Höhenwahn» oder «Blödsinn» musst du mit Gelassenheit reagieren. Es sind Höngger Neider, die anderen Mitbürgern Wohnen mit Aussicht nicht gönnen. Wer schon einmal aus dem Clouds im Prime Tower über die Stadt geschaut hat, weiss um den Reiz des Hochhauswohnens. Luxus ist nicht nur Ansichts-, sondern auch Aussichtssache. Es sind übrigens dieselben Menschen, die schon deinen Cousin, den Siloturm, den Swissmill Tower, schlechtreden wollten. Als wäre die Anzahl Fassadenöffnungen ein Qualitätsmerkmal guter Gestaltung!

Die Sache mit dem «Tower», wenn wir das Thema schon streifen: nicht gut. Prime Tower, Sunrise Tower, Mobimo Tower, Westlink Tower. Das erinnert an die 60er- und 70er-Jahre. Damals galt das Hochhaus als modern, man schaute neidisch nach Amerika, sah in den Wolkenkratzern ein Symbol von Weltläufigkeit und Fortschritt.

Die Zeugen aus dieser Zeit, na ja, schauen wir uns bloss die vier Hardautürme an (Baujahr 1978), das Lochergut (1966) oder das Bettenhochhaus Triemli (1970). Nur wenig aus dieser Zeit überzeugt so wie etwa das Hochhaus zur Palme (1964) oder jenes an der Schanze (1962). Das SIA-Hochhaus aus dem Jahr 1970 wurde 2008 ästhetisch gerettet. Eine elegante Aussenhaut kaschiert die Katastrophe im Innern, was sogar mit einer Auszeichnung der Stadt gewürdigt wurde.

Tiefhaus, Hochnebel: Das ist Zürich

Die Schweiz, liebes Hochhaus, ist ein kleines Land mit grossen Ambitionen, aber wenig Mut. Nie darfst du vergessen, was hier deine Basis ist! Alles ab 25 Metern gilt dem Baugesetz als Hochhaus. Das ist, als würde man Bodennebel plötzlich als Hochnebel bezeichnen. Aus der Geschichte wissen wir auch, dass der Zürcher in Bezug auf aussergewöhnliche Hochbauten zu Überreaktionen neigt. Seit 2016 ist in der Stadt das Aufstellen von Hafeninfrastruktur im Allgemeinen und von Hafenkränen im Speziellen verboten. 1984 fand in einer Volksabstimmung das Hochhausverbot zwischen Sihl und Limmat eine Mehrheit. Das wollen wir nicht riskieren! Drum unterlass es doch künftig, wie an der Europaallee in Rudeln aufzutreten. Das mögen wir nicht.

Also, liebes Hochhaus, handle überlegt. Zürich ist nicht London, ja nicht mal Basel. Halte dich zurück. Dass du das kannst, weiss ich, seit ich das erste Mal länger vor dem Verwaltungszentrum Werd stehen geblieben bin. Oder unweit des «Schwesternsilos» bei der Uni auf das Tram warten musste. Der rohe Freitag Tower enthusiasmiert mich jedes Mal aufs Neue, am nüchtern-eleganten Swissmill-Silo würde ich mich anketten, drohte dereinst sein Abbruch.

Ich bitte dich: Machs gut, machs zurückhaltend.

Lieber Gruss (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2018, 15:38 Uhr

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