Hoch hinaus und heiss umstritten

Einer der zwei Türme von Spreitenbach gehört zu den ersten Wolkenkratzern der Schweiz – und löste den ersten Hochhausstreit aus.

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Wer im Zug unterwegs nach Baden, Bern oder Basel sitzt und statt ins Handy nach draussen schaut, sieht schon bald nach Dietikon die beiden Hochhäuser, die zum Shoppingcenter gehören und im Volksmund Blut- und Leberwurst heissen. Die Blutwurst ist immer noch rot, die einst braune Leberwurst schillert jetzt in Perlmutt.

Dann kommt ein regelrechtes Hochhausnest, und danach, vor einem grünen Hügel, der wie ein Keltengrab anmutet, kommen die Türme von Spreitenbach. Das sollen die Türme von Spreitenbach sein? Lächerlich! Die zwei ähnlichen Häuser ragen nur knapp aus der besiedelten Landschaft.

Architekturgeschichte in Spreitenbach

Doch das vordere der zwei hat Architekturgeschichte geschrieben. Es wurde zwischen 1955 und 1959 gebaut und gehört damit zu den ersten Hochhäusern der Schweiz. Und es war damals mit seinen je nach Zählung zwölf oder dreizehn Stockwerken und seinen rund 40 Meter Höhe das mit Abstand höchste Haus weitherum. Zürich inbegriffen; das höchste Zürcher Haus war damals 32 Meter hoch - ein Viertel Prime Tower.

Auch löste dieses heute gar nicht mehr so markante Hochhaus den ersten Hochhausstreit der Schweizer Geschichte aus. Das kam so: Der Zürcher Architekt Mario Della Valle wollte, weitab vom übrigens bis heute bäuerlich geprägten Dorf Spreitenbach, auf der grünen Wiese, richtig hoch bauen. Raumplanung und Zonenpläne waren damals in den Gemeinden noch weitgehend unbekannt. Man spürte nur den Siedlungsdruck von Zürich und Baden ausgehend. Und den Wunsch vieler Zürcher, zwar in den Aargau zu ziehen, aber möglichst nahe bei Zürich zu bleiben. Denn in Zürich galt das Konkubinatsverbot, im Aargau sah man das nicht so eng.

Zürcher wollten zwar in den Aargau ziehen, aber möglichst nahe bei Zürich bleiben. Denn in Zürich galt das Konkubinatsverbot, im Aargau sah man das nicht so eng.

Della Valle begann am 23. März 1955 sein Hochhaus zu bauen. Erst nahmen nur wenige davon Notiz, bis dann die breitere Öffentlichkeit nach und nach realisierte: Dort war das grösste Hochhaus des Landes im Bau. Geplant waren zwanzig Stockwerke, das Gebäude wäre damit 56 Meter hoch geworden.

Dreijähriger Baustopp

Es dauerte eine Weile, bis die Empörung der Bevölkerung sich so kanalisiert hatte, dass sie amtswirksam wurde: 1956 verhängte der Aargauer Regierungsrat einen Baustopp. Beim mittlerweile als Hochhaus Gyrhalde im ganzen Land bekannten Gebäude war gerade der fünfte Stock in Angriff genommen. Der Heimatschutz befand die fünf Stockwerke eindeutig als zu hoch. Drei Jahre dauerte der Baustopp, das Gebäude wurde in den Medien zur modernsten Ruine der Schweiz erklärt.

Der Streit zwischen der Aargauer Regierung und dem Architekten ging bis vor Bundesgericht. Und wurde dort salomonisch entschieden. Das Haus durfte, wie übrigens in den ersten, dem Spreitenbacher Gemeinderat vorgelegten Plänen, zwölf Stockwerke hoch werden. So geschah es. Und fast scheint es, als ob der Architekt dem Haus, das ansonsten unspektakulär daherkommt, einen Deckel aufgesetzt hat, um zu veranschaulichen: Bis hierher und nicht weiter durfte ich bauen.

Pionierarbeit und Wegbereiter

1959 konnten die 35 Wohnungen endlich bezogen werden, von 1965 bis 1967 entstand dahinter ein zweites nahezu identisches Hochhaus. Sie gelten bis heute in Architekturkreisen als Pionierarbeit und Wegbereiter für Hochhäuser. Tatsächlich hat dieser Hochhausstreit vielen Gemeinden die Notwendigkeit vor Augen geführt, eine Raumplanung anzustossen.

Dieser Hochhausstreit hat vielen Gemeinden die Notwendigkeit vor Augen geführt, eine Raumplanung anzustossen.

In Spreitenbach geschah dies bereits 1956. Die Gemeinde beauftragte den Zürcher Architekten Klaus Scheifele, einen Zonenplan zu erstellen. Der Ortsplaner wird in dem 2015 im Salis-Verlag erschienenen Bild-Text-Band über Spreitenbach mit der Aussage zitiert: «Wir haben zu einer Zeit dicht gebaut, als es noch nicht klar war, dass man dem Boden Sorge tragen muss.» Und, auf die bis heute verbreitete Ablehnung von Hochhäusern reagierend: «Warum sollte man denn keine Hochhäuser bauen? Ist es denn besser, einen Einfamilienhaus-Brei zu haben?»

1970 öffnete in Spreitenbach das erste Shoppingcenter der Schweiz seine Tore, und rundum schossen Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden - jedoch schön geordnet, abseits des alten Bauerndorfs. Heute stehen in der Aargauer Gemeinde 22 Hochhäuser, ein weiteres ist im Bau, vier 100-Meter-Türme sind in Planung.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 23.10.2018, 16:44 Uhr

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