Heute verhallen Köppels Grünenwitze im Leeren

Eine «grüne Welle» vor nationalen Wahlen gab es schon einmal. Schlägt sie dieses Jahr in Bundesbern ein?

Den Grünen könnte wie 1987 ein beachtlicher Wahlerfolg bei den nationalen Wahlen im Herbst gelingen: Delegiertenversammlung in Siders. Foto: Keystone

Den Grünen könnte wie 1987 ein beachtlicher Wahlerfolg bei den nationalen Wahlen im Herbst gelingen: Delegiertenversammlung in Siders. Foto: Keystone

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Nach den Zürcher Wahlen im Frühjahr war die «grüne Welle» in aller Munde. Und seit dem überdeutlichen Wahlsieg der Grünen und der Grünliberalen im grössten Kanton prägt das Sprachbild auch die Kommentierung zu den nationalen Wahlen. Interessant ist, dass sich damit fast deckungsgleich ein Muster von 1987 wiederholt.

Schon vor 32 Jahren galten die Wahlen in Zürich im Frühjahr als wichtigster Testlauf für die nationalen Wahlen im Herbst. Damals gelang der noch jungen Grünen Partei ein viel beachteter Wahlerfolg. Sie sprang von drei auf über zehn Prozent und dies insbesondere auf Kosten der Bürgerlichen. Und weil Journalistinnen und Journalisten damals nicht ganz anders tickten als heute, schrieben sie fortan von der «grünen Welle».

Angestossen wurde der damalige grüne Aufschwung allerdings nicht vom Klimawandel, sondern von der Atomkatastrophe in Tschernobyl, von der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle bei Basel und den Nach­wirkungen der Waldsterbensdebatte. Schon damals ging es jedoch um mehr als nur um Ökologie. In den Berner Wahlen ein Jahr zuvor wurden mit Leni Robert und Benjamin Hofstetter gleich zwei Mitglieder der grünen Freien Liste in den Berner Regierungsrat gewählt.

Damals sah man in den Grünen oft zwar naive, aber gefährliche Wohlstandsgefährder. 

Sie waren die ersten Grünen, die den Sprung in eine kantonale Exekutive schafften, und sie kippten dabei gleich noch zum ersten Mal in Berns ­Geschichte die bürgerliche Mehrheit. Es waren die Nachwirkungen eines Spesen- und Finanzskandals, der Bern erschütterte und die Hoffnung auf neue Mehrheiten jenseits des alten «bürgerlichen Filzes» weckten.

So kam es, dass mitten in der aufgeräumten Stimmung des Ost-West-Tauwetters aus nationalen Wahlen von 1987 zumindest im links-grünen Spektrum eine «Hoffnungswahl» entstand. Doch dann blieb von der Hoffnung am Wahltag im Oktober nicht viel mehr als ein Kater: Die grünen Parteien legten zwar mehr als drei Prozentpunkte zu – aber dies war weniger als erhofft.

Umbruch in der Parteienlandschaft

Womit jedoch kaum jemand rechnete, war, dass die von Parteipräsident Helmut Hubacher auf grün getrimmten Sozialdemokraten um mehr als vier Punkte einbrechen würden und so die grünen Zugewinne gleich wieder kassierten. Dazu kam der überraschende Einzug der neuen antigrünen Auto-Partei in den ­Nationalrat. Die Erwartung, dass die grüne Welle vom Frühjahr im Herbst auch in Bundesbern einschlagen würde, erwies sich als voreilig. Wer 2019 auf eine Wendewahl spekuliert, dem sollten die überzogenen ­Hoffnungen von 1987 eine Warnung sein. Von ihren konservativen und urbürgerlichen Instinkten wagen sich die Schweizerinnen und Schweizer selten allzu weit und allzu lange weg.

Und dennoch ist 2019 nicht 1987. Damals standen die Sozialdemokraten mitten in einem tief greifenden ­Umbruch. Statt neue Wählerschichten zu erschliessen, beschleunigte die Hinwendung zur Ökologie vor allem den Wegfall der traditionellen ­Industriearbeiterbasis. Nicht nur die SP, sondern die gesamte Parteien­landschaft stand vor einem Umbruch, der sich mit den Erfolgen der Auto-Partei erstmals bemerkbar machte und später in den Aufstieg der neuen SVP mündete.

SVP hat kein Schreckgespenst mehr

In der durch und durch dörflich geprägten Schweiz von damals sah man in den Strickpullover- und Jutesack-bewehrten Grünen oft zwar naive, aber gefährliche Wohlstandsgefährder. So erlebte ich es in meinen Jugend­jahren im ländlichen Oberaargau. Köppels Grünenwitze, die heute oft im Leeren verhallen, wären dort und damals krachend eingeschlagen.

Doch seither hat mit dem fast flächendeckenden Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft der Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie an Schärfe verloren. Wie die SVP erkennen muss, zieht das Schreckgespenst heute mehr schlecht als recht. Anders als bei der Hoffnungswahl von 1987 können sich die Parteien des grünen Spektrums dieses Jahr wohl nur noch selber schlagen: mit der für das progressive Spektrum so typischen, flüchtigen, in Trägheit umschlagenden Euphorie.

Erstellt: 27.08.2019, 10:54 Uhr

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