«Ich bin ja nicht faul, grundsätzlich»

Kunststudentin Sonja Berta soll als Hauptfigur einer Ikea-Kampagne zeigen, wie wichtig Schlaf ist. Ausschlafen kann die 27-Jährige dennoch nicht.

Das Weiche muss für Chief of Sleep Sonja Berta auch tagsüber wieder mehr Platz haben.

Das Weiche muss für Chief of Sleep Sonja Berta auch tagsüber wieder mehr Platz haben. Bild: Reto Oeschger

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Ikea hat seit September eine Schlafchefin: Die Zürcher Künstlerin Sonja Berta hat sich gegen 100 Mitbewerber für die auf ein Jahr befristete Stelle durchgesetzt. Sie hat an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK Kunst und Medien studiert und transdisziplinär im Bereich Film und Mode gearbeitet - nun, als Chief of Sleep, hat sie ein 80-Prozent-Pensum inne. Bei diesem arbeitet sie grösstenteils im Schweizer Ikea-Hauptsitz in Spreitenbach, zwischendurch aber auch in einer Werbeagentur oder von ihrem eigenen Atelier aus.

Es ist bereits Nachmittag, trotzdem die Frage: Wie haben Sie geschlafen?
Gut und normal.

Das heisst?
Sechs Stunden, und ich kann mich an nichts erinnern.

Sie erinnern sich an keine Träume?
Ich kann, wenn ich muss. Im Moment finde ich den Tiefschlaf aber interessanter, weil man sich in dieser Phase am besten erholt. Das habe ich zumindest das Gefühl.

Sie sind also eine Gefühlsschläferin.
Ja. Ich finde schlafen einfach wahnsinnig schön. Besonders, wenn ich was geleistet habe, gönne ich mir gern was Weiches.

Leisten ist wohl ein grosses Wort: Als Chief of Sleep bei Ikea müssen Sie ja wahrscheinlich vor allem schlafen.
(lacht) Auch wenn man das aufgrund des Titels, den ich übrigens sehr schöne finde, vermuten könnte – ganz so einfach verhält es sich nicht. Es ist ein richtiger Job. Ein Job, bei dem ich mich mit dem Schlafen befasse.

Also sind Sie eine Schlafwissenschaftlerin?
Nein, das wäre zu hoch gegriffen. Im Moment eigne ich mir Fachwissen übers Schlafen an, tausche mich mit Experten aus und treffe Leute von anderen Abteilungen. Ich sammle Eindrücke und setze die um – oftmals in Inhalte, welche später über Social Media verbreitet werden. Aus dem allem soll in diesem Jahr bei Ikea eine Informations-Plattform zum Thema Schlafen entstehen, die anregt, die Einstellung zum Schlaf mit Freude aufzufüllen. Das haben wir nämlich verlernt. Wir vernachlässigen den Schlaf.

Dann können sich Leute, die Fragen zum Schlafen haben, bei Ihnen melden? Per Hotline oder so.
Darüber habe ich tatsächlich nachgedacht, aber noch ist nichts konkret. Ich habe eine Mail-Adresse und einen Instagram-Account, dem man folgen kann. Man kann mir auch handgeschriebene Briefe schreiben. Ich werde auch auf die Strasse gehen, mich vielleicht mal irgendwo im öffentlichen Raum hinlegen. Aber: Ich vermittle nur, ich habe ja keine psychologische Ausbildung.

Vermitteln heisst, Sie versuchen, Ikea-Möbel anzupreisen?
Nein, weder verkaufe ich Produkte, noch werbe ich für solche.

Aber weshalb sollte sich ein Möbelhaus denn sonst um das Schlafverhalten von Herrn und Frau Schweizer sorgen?
In einer repräsentativen Umfrage hat Ikea festgestellt, dass in der Schweiz 9 von 10 Befragten das Thema Schlaf wichtig ist. Gleichzeitig werden oft andere Aktivitäten dem Schlaf vorgezogen – Familie, Freunde, Freizeit usw. Das heisst, wenn’s hart auf hart kommt, wird beim Schlaf gespart. Ikea Schweiz will hier Abhilfe schaffen – und ich bin die Botschafterin für diese Mission.

Mehr als das. Sie sind nun ein Promi.
Ehrlich gesagt: Mich kennt ja niemand.

Umso mehr müssen Sie uns erklären, warum gerade Sie die Beste sind für diesen Job.
Ich bin erstens ein Überraschungsei, weil ich zum Thema Schlaf was Unkonventionelles machen und inspirieren kann. Und zweitens bin ich auch eine Eier legende Wollmilchsau: Ich kann Filme produzieren, bringe Ideen ein, schaffe es, vor der Kamera zu stehen und dazu selber auch noch kreativ zu sein.

Ihr Job ist also ein bezahltes Kunstprojekt?
Es ist eher eine unkonventionelle Erkundung des Schlafens, wie sie andere Kunstschaffende wie Sophie Calle schon gemacht haben. Mich interessiert der Bruch zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen beim Schlafen. Wenn ich aus meinem Schlafzimmer Bilder poste, wird Schlafen öffentlich. Zudem hatte ich selber Einschlafstörungen und habe viel ausprobiert.

Einfschlafstörungen, ein grosses und gesellschaftsrelevantes Thema. Haben Sie beim Ausprobieren ein Wundermittel entdeckt?
Es gibt eine Bandbreite. Kürzlich war ich nicht müde und hatte Lust auf einen Handstand. Auch die Beine an die Wand zu halten hilft, um die Aufmerksamkeit vom Kopf in den Körper zu lenken. Gut funktioniert Heilerde, obwohl sie beim Trinken sandig ist. Ich mag auch Schlafhypnosen, besonders Augenübungen. Da fallen mir irgendwann die Augen von selbst zu.

Was ist mit der Kleinkindmethode, also dem Schlaflied?
Tatsächlich setze ich mich als Chief of Sleep derzeit mit Geräuschen und Sounds auseinander und erarbeite zusammen mit einer Musikerin einen Einschlafsong. Da passiert viel intuitiv, man verbringt viel Zeit mit Material und lässt sich davon berühren. ASMR (Anm. d. Red.: Das ist die Abkürzung für Autonomous Sensory Meridian Response) kann auch Teil davon sein, also Geräusche, die beim Zuhören ein Kribbeln im Nacken auslösen. Man spricht in dem Zusammenhang ja auch von Gehirnorgasmus.

45 Minuten lang mit einer Seife Geräusche erzeugen – auch das ist ASMR.

Quasi Sex im Kopf?
(lacht) Es ist jedenfalls auch ein Wohlfühlzustand.

Und was, wenn selbst das nicht hilft?
Es ist wichtig zu wissen, dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht einschlafen kann, denn das passiert allen. Mein Ziel aber ist es, die Leute auf eine positive Art zu inspirieren … so, dass man sich dennoch aufs Schlafen freut.

Dann probieren wir das mit der positiven Inspiration grad mal aus: Was empfehlen Sie - eine Federkern- oder eine Kaltschaummatratze?
Ich habe eine Memory-Foam-Matratze. Die passt sich der Körperform an und ich habe das Gefühl, ich liege gerader, und schlafe besser.

Was ist mit dem Kissen?
Von denen hab ich zwei aus Bambus. Eines unter dem Kopf, und eines mag ich umarmen.

Nennt man das nicht Teddysyndrom?
Ja, das stimmt. Und das ist ergonomisch besser, weil man dann im Schulterbereich nicht zusammenfällt.

Bettwäsche – gebügelt oder zerknüllt?
Bügeln? Nur zur Not.

Ikea präsentierte 2017 seine Schlafzimmerkollektion mit einem ASMR-Video.

Was ist mit Frühstück im Bett?
Nicht so meins. Aber ich finde, im Bett soll alles möglich sein.

Also auch Tiere?
Wer das mag, warum nicht? Das gibt ja Geborgenheit.

Gutes Stichwort: Schlafen Sie nackt?
Gute Frage, denn es hat sich diesbezüglich etwas getan. Eigentlich liebe ich es, in Pyjamas zu schlafen. Seit Kurzem ist mir aber mitten in der Nacht drum, nackt zu sein. Also ziehe ich mein Pyjama aus und schlafe wieder ein. Und das tut gut.

Decken Sie Ihr Bett tagsüber ab?
Nein, aber ich mag es, das Bett zu machen. Das ist für mich wie eine Ehrung des Schlafplatzes.

Können Sie für Ihren Job ausschlafen?
Würde ich das tun, käme ich nicht auf meine Stunden.

Als Künstlerin könnten Sie es doch als Experiment verkaufen?
Schon. Aber ich bin ja nicht faul, grundsätzlich. Und apropos Experimente: Solche habe ich tatsächlich vor.

Welche konkret?
Ich plane, mich sieben Tage lang dem Licht zu entziehen. Auch Schlafentzug möchte ich ausprobieren, und mich vertieft mit Hypnose befassen.

Gibt es spezielle Orte, an denen Sie unbedingt mal schlafen möchten?
Beim Bewerbungsgespräch habe ich die Idee aufgebracht, im Heissluftballon zu schlafen. Wer weiss, ob das klappt. Sicher ausprobieren will ich es aber in den Bergen und im Zoo.

Noch die grosse Sinnfrage: Sehen Sie einen solchen in diesem Chief-of-Sleep- Job?
Klar. Ich habe mir in meiner künstlerischen Arbeit schon viele Gedanken zum Thema Entspannung gemacht, diesem Weichsein. Festgehalten habe ich sie im Maniweich – meiner Version des Manifests. Aber ich interpretiere das Weiche auch gesellschaftlich. In unserem Alltag, in dem alle sich hart zeigen, muss das Weiche unbedingt wieder mehr Platz haben, auch tagsüber.

Da wir dieses Gespräch in einem Schau-Schlafzimmer mitten im Warenhaus geführt haben, müssen wir das nun doch noch fragen: Hat Ihnen die Ikea etwa gar kein Bett ins Büro gestellt?
Nein. Ich habe aber trotzdem bereits im Büro geschlafen, bei einem Powernap auf der Dachterrasse. Die anderen Mitarbeitenden fanden es natürlich lustig, dass der Chief of Sleep seine Aufgabe so ernst nimmt, und sich nach dem Mittagessen erst mal schlafen legt.

Erstellt: 20.11.2019, 08:59 Uhr

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