«Ich fliege auch, ich bin nicht perfekt»

Der grüne Regierungsratskandidat Martin Neukom will Steuersenkungen rückgängig machen, um Geld für den Kampf gegen den Klimawandel einzusetzen. Der 32-Jährige hat intakte Wahlchancen.

«Man löst das Problem nicht mit moralischen Appellen an die Leute»: Martin Neukom. Foto: Urs Jaudas

«Man löst das Problem nicht mit moralischen Appellen an die Leute»: Martin Neukom. Foto: Urs Jaudas

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Herr Neukom, Sie sind in einer blöden Lage: Es läuft fast zu gut.
(lacht) Es läuft besser als erwartet. Ich entschied mich im Sommer, zu kandidieren – dann nahm das Klimathema Fahrt auf.

Das war als Aufbaukandidatur gedacht, um Sie bekannt zu machen. Wenn Sie gewählt werden, ist Ihre Karriere mit Ende vierzig durch.
So weit plane ich nicht. Aber es wäre ein schneller Aufstieg.

Haben Sie keine Angst davor?
Nein, nur Respekt. Aber ich wäre nicht der Erste, der früh in ein verantwortungsvolles Amt gewählt wird – und einen guten Job gemacht hat. Markus Notter war mit 36 Regierungsrat.

Sie sind in diesem dummen Alter, in dem man noch Hemden anziehen muss, damit einen die Älteren ernst nehmen.
Ich würde sagen: Als 32-Jähriger muss ich kompetenter sein, damit ich gleich kompetent wahrgenommen werde wie die anderen Kandidaten.

Haben Sie eine Ahnung, was es heisst, für einen Laden mit mindestens 1000 Angestellten verantwortlich zu sein?
Nein, ich bin als Teamleiter nur für vier bis sieben Leute zuständig. Das dürfte für alle Kandidierenden eine Herausforderung sein. Aber Führung besteht doch darin, die Leute zu inspirieren, einen guten Job zu machen.

Wäre es nicht klug, erst etwas mehr über den Politbetrieb zu lernen? Beim Kasernenareal haben Sie sich kürzlich mit den Mehrheiten verrechnet.
Ich sah das zwar kommen, aber konnte nichts machen. Die anderen haben es geschafft, die EDU auf ihre Seite zu ziehen. Das hat mich sehr frustriert. Aber dazulernen kann man immer.

Kandidieren Sie nicht fürs falsche Amt? Für die Klimapolitik ist schliesslich der Bund ­zuständig.
Nein. Gebäude zum Beispiel sind für 40 Prozent des CO2-Ausstosses verantwortlich. Dieser Bereich liegt beim Kanton, da könnten wir enorm viel machen.

Sie sagen, der Kanton mache gar nichts – das ist Polemik.
In Regierungsrat Markus Kägis Plan zur Reduktion von CO2 stehen keine wirklich wirksamen Massnahmen, darum urteile ich so hart. Er umgeht sämtliche relevanten Themen.

Früh politisiert: Martin Neukom (oben links) als Präsident der Jungen Grünen bei der Übergabe der Unterschriften für die Offroader-Initiative im August 2008. Foto: Keystone

Da steht doch auch drin, dass der Ersatz von Ölheizungen gefördert werden soll.
Aber vieles ist zu wenig konkret, das reicht nicht. Wir wissen seit 35 Jahren vom Klimawandel!

Nach Kägis Plan kann der Kanton Zürich bis 2030 jährlich zwischen 60'000 und 400'000 Tonnen CO2 einsparen. Sie verlangen 3 Millionen Tonnen. Wie soll das gehen?
Das Ziel ist ja, bis 2050 auf null zu kommen, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden – das kann der Kanton allein nicht erreichen. Die Frage ist nicht: Wie reduzieren wir die Emissionen um 3 Prozent? Die Frage ist: Wie sieht eine Gesellschaft ohne Öl und Gas aus? Und wie gelangen wir dorthin? Im Verkehr wird Elektromobilität eine grosse Rolle spielen.

Bitte ganz konkret: Was könnten Sie als Zürcher Regierungsrat verändern?
Die Sanierung von Gebäuden geht zu langsam voran, die müssen wir beschleunigen. Sehr wichtig sind auch Massnahmen, um das Abnehmen der Biodiversität zu stoppen. Denn wir wissen zu wenig darüber, was passiert, wenn zum Beispiel bestimmte Insekten aussterben.

Beides kostet Geld. Woher wollen Sie das nehmen?
Wir müssen gewisse Steuersenkungen der letzten Jahre wieder rückgängig machen. Man darf sich keine Illusionen machen: Klimaschutz ist nicht gratis. Man löst das Problem nicht mit moralischen Appellen an die Leute, sich anders zu verhalten.

Apropos: Sie ereifern sich im Wahlkampf über die Fliegerei, jetten aber selbst um die Welt.
Stimmt, ich fliege ein- bis zweimal im Jahr geschäftlich ins Ausland. Das lässt sich leider nicht vermeiden. Ich bin nicht perfekt – und verlange auch von niemandem, perfekt zu sein. Ich bin gegen diesen Moralismus, damit überfordert man die Leute.

«Das Geschwafel, das Sie ablassen bezüglich Klimawandel, finde ich etwas peinlich»: Kaum im Kantonsrat, setzt sich Neukom für den Atomausstieg ein und gehört am 15. September 2014 zu den Gewinnern. Foto: Keystone

Aber damit sind doch alle anderen Bemühungen hinfällig.
Ja, das ist ein echtes Problem. Wir müssten das Fliegen verteuern, damit es sich für ein Unternehmen vielleicht nicht mehr rechnet, die Leute ins Ausland zu schicken – und man stattdessen per Skype konferiert.

Sie wecken beim Klimathema Obama-mässige Erwartungen – da kann man die eigenen Wähler doch nur enttäuschen.
Um das klarzustellen: Meine Wahl würde nicht alles verändern. Es braucht eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft, sonst schaffen wir das nicht. Ich hoffe aber, mit meiner Kandidatur Teil davon zu sein.

Nun wählen wir ja keinen Klimadirektor. Was würden Sie als Gesundheitsdirektor tun?
Bei der Gesundheit läuft viel falsch. Die Kosten steigen. Aber statt zu sparen, schieben wir sie nur von einem Ort zum anderen. Und es gibt Fehlanreize, unnötig zu operieren, weil Spitäler rentieren müssen. Es braucht andere Vorgaben des Kantons, um den Wettbewerbsdruck zu senken.

Würden Sie Spitäler schliessen?
Das ist nicht nötig. Andere Kostentreiber sind wesentlicher. Die Kosten sind ja nicht gestiegen, weil es mehr Spitäler gibt.

Würden Sie weiter 80 Millionen an die Hirslandenklinik überweisen, die vor allem rentable Privatpatienten behandelt?
Nein, da würde ich Druck aufsetzen: Die müssen mehr Allgemeinversicherte behandeln.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2019, 19:07 Uhr

Der Kägi-Fresser

Gut möglich, dass Baudirektor Markus Kägi (SVP) manchmal aus unruhigen Träumen erwacht. Dass ihn dieser Gispel mit der dunkelrandigen Brille und der hohen Stirn plagt, der ihn wieder und wieder fragt: «Erklären Sie jetzt mal, Herr Kägi! Wie wollen sie so die Klimaziele erreichen?» Überprüfen lässt sich das leider nicht, denn Kägi mag über seinen hartnäckigen Widersacher kein Wort verlieren.

Der Widersacher: Das ist Martin Neukom, 32-jährig, Kantonsrat, Solarenergieforscher und Regierungsratskandidat der Grünen. Ein Typ, der sein junges politisches Leben lang an diesem SVP-Regierungsrat verzweifelt, der während 12 Jahren die klimapolitischen Hebel im Kanton besetzt hielt – und nichts getan hat. So urteilt zumindest Neukom. Und deshalb sieht er jetzt die Zeit reif für eine 180-Grad-Wende.

Er setzt im Wahlkampf voll auf den Klimawandel, sein politisches Lebensthema. Ein Thema, das sich nach dem Hitzesommer im Sorgenbarometer der Zürcherinnen und Zürcher nach oben geschoben hat. Ein Thema aber auch, für das Neukom als Kantonsrat in den letzten vier Jahren oft vergebens gekämpft hat – nicht zuletzt, weil seine dringlichen Appelle am behäbigen Baudirektor abprallten.

Komplimente von Gegnern

Nicht nur inhaltlich ist Neukom der Anti-Kägi. Der eine ist ein Bär, der andere ein Wiesel. Der eine klammert sich bei öffentlichen Auftritten ans Blatt und raspelt sein Amtsdeutsch herunter, der andere ist ein Meister der angriffigen freien Rede, der seine Notizen kaum anschaut. Es liegt nicht zuletzt an diesem frischen, unerschrockenen Auftreten, dass Neukom als Zukunftshoffnung der Grünen gilt. Und dass er schon jetzt in den Kampf um eines der höchsten Ämter überhaupt geschickt wird. Als Ersatz für die älteren, wesensverwandten Dauerkandidaten Glättli und Girod, die diesmal nicht wollten.

Neukom ist aber mehr als nur ein rhetorisches Talent. Das attestieren ihm selbst politische Gegner, die auf einem anderen Planeten leben. FDP-Kantonsrat Christian Müller etwa, der sein Geld mit jenen Autos verdient, die der junge Grüne komplett aus den Städten verbannen will – heftigere Opposition ist kaum denkbar. Dennoch sagt Müller, der in der Baukommission viel mit Neukom zu tun hat, dass man mit diesem gut diskutieren könne. Er sei einer, der zuhöre und auf Argumente eingehe. Andere Bürgerliche beschreiben ihn als analytisch, belesen, gut vorbereitet. Kurz: «Er ist gescheit.» Das deckt sich mit dem Eindruck, den Neukom als Student an der ZHAW hinterliess.

Ein zu eigenwilliger Typ?

Fragt man nach Schwächen, wird es ruhig. Anlasten kann man Neukom mangelnde thematische Breite und Erfahrung. Fast all seine Vorstösse betrafen die Klimapolitik, und er hat erst eine Legislatur im Kantonsrat im Gepäck. Allerdings ist ihm das Gesellenstück gelungen, im bürgerlichen Parlament durchzusetzen, auf allen kantonalen Bauten Solaranlagen zu bauen. Zudem erledigt er als einziger Vertreter der Grünen in der wichtigen Baukommission eine Schlüsselaufgabe. Er begleitet dort komplexe Geschäfte, fernab der Klimapolitik – dank schneller Auffassungsgabe meist problemlos. Nur im Fall der Kaserne hat er zu spät gemerkt, dass ihm die Mehrheit entgleitet, was routiniertere Politiker als Lehrblätz werten.

Was zudem auffällt, ist Neukoms Naturell: Wenn man den Ton ausblendet, könnte man ihn mit dem jungen Quentin Tarantino verwechseln, der ohne Punkt und Komma über obskure B-Movies referiert – Kopf und Hände in Bewegung, als versuchten sie die vielen umherfliegenden Gedanken zu fassen. Neukom wirkt wie der Idealtyp eines Nerds: intelligent, aber eigenwillig. Das könnte einerseits ein Manko sein in einem Land, das gern geerdete Typen in hohe Ämter wählt, die Ruhe ausstrahlen, und das vage Versprechen, sie könnten schlauer sein, als sie wirken. Andererseits: Vielleicht ändern sich die Zeiten ja wirklich.

Marius Huber

Wer soll Zürich regieren? (2)

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