«Ich glaube gar nicht, dass Zwingli negativ besetzt ist»

Der Zürcher Werber Frank Bodin über die Schwierigkeit, die Marke Zwingli aus Anlass des Reformationsjubiläums neu zu positionieren.

«Wenn man verantwortlich wäre für den Tourismus in Zürich, könnte man Zwingli als Figur tatsächlich nehmen»: Werber Frank Bodin in seiner Agentur. Bild: Urs Jaudas

«Wenn man verantwortlich wäre für den Tourismus in Zürich, könnte man Zwingli als Figur tatsächlich nehmen»: Werber Frank Bodin in seiner Agentur. Bild: Urs Jaudas

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Herr Bodin, könnte ein guter Werber eine negativ besetzte Marke wie Zwingli positiv umdeuten?
Grundsätzlich ist das natürlich möglich. Beton zum Beispiel löst auch negative Assoziationen aus: Man denkt an Betonköpfe und so weiter. Da kann man versuchen, entgegenzuhalten. Bei Zwingli ist das aber eine andere Sache: Ich glaube gar nicht, dass er negativ besetzt ist.

Gehen wir einmal davon aus.
Wenn man verantwortlich wäre für den Tourismus in Zürich, könnte man Zwingli als Figur tatsächlich nehmen und da etwas daraus machen. Das wäre eine Idee. Dagegen sprechen aber zwei Punkte: Der erste liegt in Zwingli selbst, im Zwinglianischen, diesem leicht Zurückhaltenden. Der zweite liegt darin, dass Zürich bereits einen grossen Traditionsanlass hat, der sich aufs Historische beruft: das Sechseläuten. Daher ergibt es nicht viel Sinn, noch eine historische Figur zu bemühen.

Und wenn Sie es trotzdem machen müssten, was würden Sie tun?
In der Kommunikation ist das Wichtigste die Strategie: Was möchte man damit bewirken? Das kommt auf den Absender darauf an. Ist es die Stadt, die eine Attraktion aus Zwingli machen will und will, dass die Medien darüber schreiben? Oder die Kirche? Für sie wäre Zwingli wie ein Testimonial, also eine prominente Figur, die sich für eine Marke ausspricht. Strategisch fände ich es aber falsch, das zu tun.

Eine historische Figur zu bemühen, die seit 500 Jahren tot ist, ist das falsche Zeichen. 

Warum?
Die Kirche leidet ja daran, nicht mehr der modernen Gesellschaft zu entsprechen. Eine historische Figur zu bemühen, die seit 500 Jahren tot ist, ist das falsche Zeichen. Die Kirche müsste etwas Neues finden. Ich würde daher keine grosse Zwingli-Kampagne machen.

Es drängt sich doch auf, jetzt, wo es die Reformation 500 Jahre gibt.
Klar, das Reformationsjubiläum soll man begehen. Aber ob es jetzt Sinn ergibt, der Zwinglistadt Zürich eine ähnliche Bedeutung geben zu wollen wie Luthers Wittenberg in Deutschland? Ich bin froh, dass es nicht so ist, weil es ein nach hinten gewandter Blick ist. Zwingli ist nicht geeignet, um eine nachhaltige Marke daraus zu machen. Im Jubiläumsjahr ist das für ein Nischenpublikum sicher interessant, wahrscheinlich vor allem für ältere. Aber nicht darüber hinaus. Ich finde, die Stadt sollte in erster Linie auf die Attribute von heute setzen. Sie sollte als modern, pulsierend, inspirierend wahrgenommen werden.

In Zürich hat Zwingli nicht dieses Gewicht, und das sehe ich eher als Glücksfall.

Erkennen Sie an Zwingli Aspekte, die den Zürchern der Gegenwart entsprechen könnten?
Natürlich kann man ihn immer wieder neu interpretieren und aktualisiert nachzeichnen. Aber das ändert nichts daran, dass er in einer anderen Zeit gelebt hat und es nur eine Interpretation ist. Für Zürich als weltoffene, multikulturelle, vibrierende Stadt im Herzen Europas sind andere Eigenschaften wichtig als die einer historischen Figur, die es nur noch in Bronze gibt. Bei allem Respekt: Ich möchte nicht in dieser Lutherstadt wohnen. Viele Städte haben halt ihre historischen Wahrzeichen, an denen man nicht vorbeikommt. In Zürich hat Zwingli nicht dieses Gewicht, und das sehe ich eher als Glücksfall.

Erstellt: 31.12.2015, 12:27 Uhr

Zwinglis Comeback?

Während in Deutschland die Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation in vollem Gang sind, bekommt man in der Schweiz vom Jubiläum noch nicht viel mit. Ab dem kommenden Jahr soll sich das aber ändern. Stadt und Kanton Zürich, Zürich Tourismus und die reformierte Kirche haben sich zusammengeschlossen, um die bevorstehenden Jubiläumsjahre «öffentlichkeitswirksam und nachhaltig» zu gestalten. Dabei wird auch die in Zürich eher negativ besetzte Figur des Reformators Huldrych Zwingli wieder zum Thema. Aber wie? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat einen Pfarrer, einen Werber und einen Historiker dazu befragt. (hub)

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Vom Bauernsohn zum Reformator

Huldrych Zwingli kam am 1. Januar 1484 im toggenburgischen Wildhaus als Bauernsohn zur Welt. In seinen Zwanzigern wurde er noch als Theologiestudent Priester in Glarus. Als solcher begleitete er die Glarner nach Marignano, wo es 1515 zum eidgenössischen Trauma auf dem Schlachtfeld kam – eine Erfahrung, die den humanistisch beeinflussten Zwingli erschütterte.

Drei Jahre später kam er nach Zürich, wo er ab 1519 am Grossmünster predigte. Hier entwickelte er sich zu jenem Reformator, der die Verhältnisse von Grund auf umformte. Zunächst, als er 1522 den Fastenbruch mehrerer Zürcher Bürger gegen den Bischof verteidigte. Dann, indem er das Ende des Zölibats und eine schriftgemässe Predigt verlangte. In Zürich musste er seine Lehre in einer Disputation vor dem Rat gegen seine Kritiker verteidigen und setzte sich durch.

Derart gestärkt, folgten Schritte wie die Abschaffung der Messe, die Entfernung der Bilder, die Aufhebung der Klöster. Als gut Vierzigjähriger versuchte Zwingli nun die Reformation seiner Prägung in der Eidgenossenschaft und international zu verbreiten. Dabei kam es zum einen zum Zerwürfnis mit Martin Luther. Zum anderen führte der Versuch, die freie Predigt in reformationsfeindlichen Gebieten der Eidgenossenschaft durchzusetzen, in den Kappelerkrieg von 1531. Dort starb Zwingli mit 47 Jahren auf dem Schlachtfeld. (hub)

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