«Ich habe Süsse verspürt, das war schön»

Der Jihad-Verdächtige sagte vor Gericht, es sei ihm gut gegangen in Syrien. Seine Schwester schwieg.

In diesem Wohnblock im Winterthurer Steigquartier wuchsen Esra und Vedad auf. Foto: Urs Jaudas

In diesem Wohnblock im Winterthurer Steigquartier wuchsen Esra und Vedad auf. Foto: Urs Jaudas

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Alles beginnt in Winterthur, wo Esra und ihr ein Jahr älterer Bruder Vedad (Namen geändert) zusammen mit zwei älteren Geschwistern aufwachsen. Und von wo die beiden – er 16, sie 15 Jahre alt – am 18. Dezember 2014 verschwinden, in die Türkei und dann nach Syrien, in das ein halbes Jahr zuvor ausgerufene Kalifat der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Rund ein Jahr verbringen sie im Kriegsgebiet. Am 29. Dezember 2015 werden sie, zurück am Flughafen Zürich, verhaftet und getrennt in Gewahrsam gebracht.

Alles endet in Winterthur, am Jugendgericht, wo Esra und ­Vedad sich seit gestern für ihre Reise verantworten müssen. Sie sind angeklagt wegen Verstössen gegen das Al-Qaida- und das IS-Gesetz und der Unterstützung einer kriminellen Organisation. Die Jugendanwaltschaft fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 11 beziehungsweise 12 Monaten für die beiden sowie Schutzmassnahmen.

Was haben die Geschwister, heute 19 und 20 Jahre alt, in ­Syrien erlebt? Wie schafften sie es, aus dem IS-Herrschaftsgebiet auszureisen? Zeigen sie nach wie vor keine Reue? Und vor allem: Sind sie von ihrem radikalen Glauben, wie von Psychiatern und Polizei angestrebt, mittlerweile abgekommen?

Frage um Frage um Frage

Viele Fragen sind ungeklärt, als der Prozess am Montagmorgen beginnt. Nur akkreditierte Gerichtsberichterstatter sind zugelassen – bei einem Teil der Verhandlung und unter strengen Auflagen. Zu den aktuellen Lebensumständen und zur Identität der Beschuldigten darf nichts geschrieben werden. Weil die Geschwister während ihres Aufenthalts im IS-Gebiet minderjährig waren, kommt für sie das ­Jugendstrafrecht zur Anwendung. Und schon nach wenigen Minuten ist klar: Viele Antworten sind von den Beschuldigten im dreitägigen Prozess nicht zu erwarten. Sie verweigern fast gänzlich die Aussage. Während der eineinhalbstündigen Befragung zur Sache – nur hierzu sind die Journalisten zugelassen – sagen Esra und Vedad meistens: «Ich sage nichts.» Oder: «Ich sage nichts dazu.» Manchmal schütteln sie auch nur den Kopf.

Gerichtspräsident Andreas Oehler stellt Fragen. Wie kamen Sie auf die Idee, nach Syrien zu reisen? Wie haben Sie die Flüge nach Istanbul finanziert? Wer hat Sie an den Flughafen gefahren? Woher wussten Sie, welchen Bus Sie an die Grenze nehmen müssen? Wohin wollten Sie genau? Haben Sie den IS unterstützt? Wie lange wollten Sie in Syrien bleiben? Wozu überhaupt? Was haben Sie den ganzen Tag gemacht? Wie fanden Sie Ihre Wohnung in der Stadt Raqqa? Wer bezahlte sie? Trugen Sie Waffen? Mit wem hatten Sie Kontakt?

Esra, beiger Blazer, schwarze Handtasche, Perlenohrringe, antwortet nicht. Mal zieht sie den Pferdeschwanz ihrer langen, glatten Haare enger, mal blickt sie zum Fenster hinaus oder ­lächelt in Richtung ihres Verteidigers. Ihre Stimme ist klar und selbstbewusst, von Zögern keine Spur. Auch ihr Bruder Vedad beantwortet die Fragen fast nie, und wenn, dann nur kurz und allgemein. «Vieles, was bisher gesagt wurde, stimmt nicht», korrigiert er den Gerichtspräsidenten einmal. Konkret werden will er dann aber doch nicht. Angesprochen auf ein Foto, auf dem er zusammen mit dem später in Syrien getöteten zweifachen Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi zu sehen ist, im Hintergrund eine Flagge des IS, sagt er: «Das ist ein Symbol des Islam, das vom IS missbraucht wird.» Es sei eigentlich ein Glaubensbekenntnis, er selbst habe es in seinem Zimmer aufgehängt gehabt. An anderer Stelle äussert sich Vedad zu den Muslimen: Sie würden «seit Jahren» unterdrückt. «Auf Terror folgt Terror», sagt er. Die Flüchtlinge, ergänzt er später, seien nicht nur vom IS terrorisiert worden, sondern auch von Deutschland, Frankreich, den USA und Russland. Es sei gefährlich gewesen in Syrien. Doch er habe den Menschen geholfen: «Ich habe mich in dem, was ich tat, sehr gut gefühlt. Ich habe Süsse verspürt, das war schön.»

In Raqqa Kinder gehütet

Auch Vedad sieht aus wie ein ganz normaler junger Erwachsener: Er trägt einen kurz geschnittenen Vollbart und weisse Converse-Turnschuhe, seine dunklen Haare hat er zu einem Knoten zusammengebunden. Kampfhandlungen oder Gräueltaten werden weder ihm noch seiner Schwester vorgeworfen. Er soll den IS laut Anklage aber logistisch unterstützt haben – mit Transporten und der Verteilung von Hilfsgütern auf dem Herrschaftsgebiet der Terrororganisation. Zudem besuchte er eine Koranschule.

Esra soll Kinder gehütet und ihnen Englisch beigebracht haben. Die Jugendanwaltschaft wirft den Geschwistern zudem vor, Propaganda für den IS betrieben zu haben, indem sie Familienangehörige und befreundete Salafisten aufforderten, ebenfalls ins Kalifat zu kommen. Gelebt haben Esra und Vedad laut Anklage unter anderem in den Städten Menbij und Raqqa.

«Papi, hol uns!»

Auch zur Rückreise der beiden in die Schweiz werden vor Gericht Details bekannt: Bereits vier Monate nach der Ankunft in Syrien, im April 2015, wollten die Geschwister wieder nach Hause. «Papi, hol uns», lautete der Hilferuf des damals 17-jährigen ­Vedad. Im September 2015 reiste die Mutter den beiden ins IS-Gebiet nach. Ein erster Fluchtversuch im Oktober scheiterte, ein zweiter klappte. Ende Dezember 2015 kehrten die drei körperlich unversehrt in die Schweiz zurück. Wie genau ihnen die Ausreise gelang, bleibt unklar. Die Geschwister verweigern auch hierzu die Aussage.

Ob die Schweizer mit kosovarischen Wurzeln noch radikal oder gar gefährlich sind, lässt sich anhand des ersten Prozessmorgens nicht beurteilen. Sie haben mit ihrer Aussageverweigerung nicht zur Klärung wichtiger Fragen beigetragen. Aufschluss könnte die weitere Verhandlung bieten, bei der es wohl auch um eine allfällige Deradikalisierung gehen wird. Allerdings sind Journalisten von diesem Teil der Verhandlung ausgeschlossen.

Das Jugendgericht hat sein Urteil für Januar angekündigt. Es wird schweizweit das erste gegen Jihad-Reisende sein, die es bis ins IS-Gebiet und wieder zurück in die Schweiz schafften.

Erstellt: 03.12.2018, 22:27 Uhr

Ein Programm für jugendliche Jihad-Begeisterte

Wie sieht es im Innern von Esra und Vedad aus? Das ist die grosse Frage im Fall um die Geschwister, die vor vier Jahren nach Syrien verschwanden. Klar ist: Nach ihrer Rückkehr wurden sie zur Teilnahme an einem Programm für Jihad-Begeisterte verpflichtet. Konkret handelt es sich um «RadIP», ein Radikalisierungs-Interventionsprogramm des Zentrums für Kinder- und Jugendforensik an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Die Kurztherapien werden bei Jugendlichen durchgeführt, die sich auf der Vorstufe zur handfesten Radikalisierung befinden. Je nach Radikalisierungsgrad und persönlicher Geschichte finden Einzel- und Gruppengespräche statt, insgesamt 11 Sitzungen à 2 Stunden.

Ins Programm kommen nur Jugendliche, die in einem Strafverfahren stehen oder bereits verurteilt worden sind. Unterschieden wird zwischen drei Radikalisierungsstufen: gelb, orange, rot. Für bereits fortgeschritten radikalisierte Jugendliche der roten Gruppe eigne sich RadIP nur als Grundlage oder ergänzend zu anderen Massnahmen, sagte der Leitende Psychologe Leonardo Vertone bei dessen Einführung vor zwei Jahren. Da seien weit mehr als 11 Therapiesitzungen nötig. Chefärztin Cornelia Bessler sprach von einem «längerfristigen Deradikalisierungs- oder Exit-Programm mit dem Ziel einer vertieften Auseinandersetzung mit den extremistischen Inhalten».

Wie erfolgreich die Geschwister RadIP absolvierten, ist nicht bekannt. Das Zentrum bestätigt deren Teilnahme nicht. Bekannt ist aber, dass Chefärztin Bessler zum Programmende jeweils eine Empfehlung zuhanden der Jugendanwaltschaft abgibt. Diese entscheidet, ob weitere Massnahmen nötig sind. Ebendies tat die Jugendanwaltschaft bei Esra: Im Mai 2016 ordnete sie vorsorglich eine ambulante Therapie an. Die junge Frau rekurrierte bis vor Bundesgericht und unterlag. (sir)

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