«Es stört mich, dass gleich die Nazi-Keule geschwungen wird»

Kabarettist Lorenz Keiser nimmt Stellung zum umstrittenen SVP-Plakat – und sagt, welche Kampagne die witzigste ist.

«Ich getraue mich alles. Es gibt keine Tabus», sagt Lorenz Keiser über seinen Humor. Foto: Andrea Zahler

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Herr Keiser, im Oktober wählen wir unsere National- und Ständeräte. Solche Wahlkämpfe sind die hohe Zeit der ­Selbstinszenierung – sind sie damit auch das Paradies der satirischen Inspiration?
Natürlich sind Wahlkämpfe lustig. Gleichzeitig ist es so, dass ich das aktuell zum ungefähr vierzigsten Mal erlebe. Mir kommt das berühmte Experiment mit den Börsenhändlern in den Sinn. Man liess diese ein Portfolio bewirtschaften und mass ihre Performance. Danach setzte man Schimpansen vor die Computer, liess diese wild auf den Tasten herumdrücken und mass ebenfalls die Performance. Sie war etwa gleich. So frage ich mich mit Blick auf meine vierzig Wahlkämpfe: Wenn man nun Schimpansen die Wahlzettel einwerfen liesse, würde es dann so viel anders herauskommen?

Die Wählerinnen und Wähler, von Ihnen zu Affen gemacht, werden Ihnen entgegnen: Nicht wir sind die Schimpansen, die Politiker sind es!
Die Politiker sind Schimpansen? Da tut man den Schimpansen unrecht. Im Ernst: Ich will damit bloss sagen, dass sich politisch vergleichsweise wenig verändert hat. Natürlich: Wir haben heute nicht mehr einen 100-prozentigen FDP-Bundesrat wie vor 150 Jahren. Das persönliche Erleben von Politik findet jedoch in kürzeren Zeiträumen statt. Und da geht es in der Regel um eine halbe Schraubendrehung vor- oder rückwärts.

Weshalb gibt es in der Schweiz kaum politische Satire? Sind die Kabarettisten so schlecht, oder ist unsere Politik so langweilig?
Im Konkordanzsystem ist nie jemand schuld, alle sind so nett, alle sind ein bisschen dafür und auch ein bisschen dagegen. Das sind schwierige Voraussetzungen für politische Satire. In einem parlamentarischen System mit klarem Verantwortungsträger – Boris Johnson, Angela Merkel – sind die Bedingungen entschieden besser.

Als Kabarettist wissen Sie, wie man das Publikum unterhält und für sich einnimmt. Wie ausgeprägt ist dieses ­Know-how bei Parteien und Politwerbern?
Ich finde den laufenden Wahlkampf bemerkenswert. Es gibt einerseits die unfreiwillige Komik. Und dann gibt es – und das erlebe ich in diesem Wahlkampf zum ersten Mal – ein paar ganz wenige Fälle mit beabsichtigter, funktionierender, guter Komik. Das gefällt mir.

Reden wir von der ­unfreiwilligen Komik.
Da ist die SVP die Spezialistin. Als Satiriker mag ich die SVP sehr. Nehmen wir ihr «Extrablatt», das an alle Haushaltungen ging. Da hat es grossartige Sätze drin. Ich zitiere: «Für einen starken Mittelstand, der tagtäglich zur Arbeit fährt und seine Kinder selber erzieht.»

Grossartig weil?
Da gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten. In der einen sehe ich den Familienvater, der im Skoda Octavia zur Arbeit fährt und gleichzeitig seine Kinder auf dem Rücksitz erzieht: «Sitz aufrecht!», «Mach das Fenster zu!», «Zeig der Polizei nicht den Mittelfinger!». Die andere Interpretation ist simpel. Sie heisst: «Frau an Herd.» Der Mann fährt zur Arbeit, die Frau bleibt daheim. Wenn das die Botschaft ist, dann soll die SVP doch bitte mit den islamistischen Fundamentalisten fusionieren. Die haben das exakt gleiche Weltbild.

«Ich habe noch nie im Leben CVP g­ewählt, aber wäre ich Aargauer, würde ich ihr meine Stimme geben.»

Und wo gibt es beabsichtigte Komik?
Ich finde es super, dass es in der Politik Leute gibt, die komisch sein wollen und das auch können. Zum Beispiel Andrea Knellwolf, CVP-Kandidatin aus Basel. Sie zeigt auf dem Plakat ihren Mann, und zwar blutt. Das finde ich lustig – auch und gerade, weil das Umgekehrte unter keinen Umständen gehen würde: ein CVP-Kandidat, der seine Frau nackt auf dem Plakat zeigt. Noch besser ist der Spruch der Aargauer CVP-Kandidatin Christina Bachmann: «Bald kommen meine Tage.» Das ist erstklassig: Es ist selbstironisch, und es zielt auf ihr Thema, die Familienpolitik.

«Wäre ich Aargauer, würde ich ihr meine Stimme geben»: Keiser findet das Bachmann-Plakat «selbstironisch». Foto: PD

Hätten diese Sprüche auch bei Ihnen als Wähler Erfolg?
Ich habe noch nie im Leben CVP gewählt, aber wäre ich Aargauer, würde ich ihr meine Stimme geben. Schliesslich ist das prämenstruelle Syndrom auf ewig ja auch nicht das Gelbe vom Ei, um hier mal im Bild zu bleiben.

Gibt es Parallelen zwischen einem Partei- und einem ­Kabarettprogramm?
Ich sehe keine. Ein Parteiprogramm formuliert, woran man in dieser Partei glaubt und wie man diesen Glauben in die Realität übersetzen will. Es ist dogmatisch. Ein Kabarettprogramm sollte das Gegenteil sein. Antidogmatisch, analytisch.

Aber beide, Politiker und ­Kabarettist, wollen ihr Weltbild vermitteln.
Wenn man ganz jung ist, will man die Welt verändern. Ich wollte das auch. Die Distanz zu jenem Früh-Ich wird aber logischerweise immer grösser, je älter ich werde. Gleichzeitig werden meine Ansprüche kleiner, weil ich mich, meine Position und meine Möglichkeiten richtiger einschätze. Was aber nach wie vor gilt: Was ich sagen will, das sage ich. Und wenn der eine oder die andere im Publikum mit einem halben Gedanken mehr rausgeht, als er oder sie reingekommen ist, dann gefällt mir das. Aber dann ist schon fertig.

Auftritt von Lorenz Keiser bei Comedy aus dem Labor. Video: Youtube

Wie unterscheiden sich ­Kabarettist Keiser und Mensch Keiser?
Das sind zwei komplett verschiedene Figuren. Das ist nicht bei allen Kolleginnen und Kollegen so. Es gibt solche, die sind eine Einheit. Ich bin es nicht, was nicht alle Leute verstehen. Man fragt mich in der Badi: «So, sind Sie am Ideensuchen?» Ich bleibe nett, auch wenn ich gern schreien würde: «Nein! Ich bin am ­Baden!»

Dass Sie als Kabarettist die SVP mögen, heisst also nicht, dass Sie sie auch wählen.
Es ist wie beim Arzt: In seiner beruflichen Tätigkeit findet der Arzt die Masern super, weil er dank ihnen zu tun hat und Geld verdient. Als Mensch denkt er: Warum zum Teufel ist der nicht geimpft?

Darf man als Partei mit einem Apfel werben, aus dem Würmer kriechen?
Ja, man darf. Und es stört mich, dass dann immer gleich die Nazi-Keule geschwungen wird. Ich finde das Sujet nicht besonders einfallsreich – es ist aber auch nicht besonders dramatisch.

Das SVP-Plakat sorgte für Kritik – auch in der Partei selber. Foto: PD

Gibt es Gags, die zu machen Sie sich nicht getrauen?
Nein. Ich getraue mich alles. Es gibt keine Tabus.

Wer oder was inspiriert Sie für die politischen Nummern?
Ich stehe gerade ganz am Anfang eines neuen Programms. Das ist der schwierigste Moment. Man braucht etwas, das aktuell und interessant bleibt. Premiere ist in einem Jahr – und dann gehe ich ein Jahr auf Tournee. So lange muss das Thema halten. Da sitze ich dann am Tisch und ­denke und denke und denke. Das Klimathema zum Beispiel funktioniert nicht. Das hält nicht zwei Jahre, nicht einmal eines. Aktuell gibt es eine intensive Betroffenheitsbewirtschaftung durch die Medien. Das ist gut, weil das Thema so ins Bewusstsein dringt. Aber gerade die schweren Themen, die uns schmerzen, ertragen die Leute nicht unendlich lange. In einem Jahr werden alle gähnen, wenn sie «Greta Thunberg» hören – obwohl die Situation keinen Deut besser ist.

Was macht die gute Pointe aus?
Wissen Sie, ich bin kein Purist. Ich finde, man darf auch mal einen Gratis-Joke machen, einen Witz um des Witzes willen. Aber grundsätzlich gilt schon: Mich interessieren jene Themen, die den Leuten nicht egal sind. Themen, bei denen es wirklich um etwas geht. Diese ganz privaten Comedy-Nummern, von denen es immer mehr gibt – à la: Heute Morgen bin ich in die Badi gegangen, da trug eine so ein komisches Bikini… –, das ist einfach nicht interessant. Es hat null Bedeutung. Ich wünsche mir, dass das Publikum findet: Was der auf der Bühne erzählt, das hat etwas mit mir, mit meinem Leben, mit der Gesellschaft zu tun.

Wie gehen Sie beim Wählen vor?
Ich reisse das Couvert auf und schmeisse erst einmal 80 Prozent des Inhalts weg. Wo es Personenwahlen sind, beim Ständerat, ist es einfacher. Wobei ich auch da überrascht bin, wer sich alles aufstellen lässt. Da hat es Kandidierende, von denen ich noch nie gehört habe. Schlechte Ausgangslage. Insgesamt kann man bei Personenwahlen doch leichter ein Urteil fällen: Dieser ist okay, diese ist mehr okay, dieser weniger.

Ist «Mehr okay» das Maximum auf Ihrer Politikerskala?
Um von einem Politiker, einer Politikerin begeistert sein zu können, müsste man ihn oder sie richtig gut kennen. Ich halte mich aber lieber auf Distanz. Je näher ich jemandem stehe, umso grösser werden meine Hemmungen, dieser Person ans Bein zu pinkeln. Es gibt vermutlich schon solche, die echt gut sind, aber ich fühle mich nicht in der Lage, dies zu beurteilen. Darum halte ich mich an den Okay-Massstab. Ich bin aber zum Beispiel der Meinung, dass wir zwei gute Ständeräte haben. Die sind sehr okay. Die soll man wählen. Es gibt keinen Grund, jemand anders reinzumorcheln.

Wie oft klopft jemand bei Ihnen an und wünscht, dass Sie in ein Komitee eintreten?
Oft. Und ich sage immer Nein. Aus Prinzip. Da geht es um meine Unabhängigkeit.

Welche Eigenschaft schätzen Sie an Politikern?
Humor ist eine gute Ausgangslage. Humor haben kann nur, wer eine gewisse Distanz zu sich selber hat. Und wer Distanz zu sich selber einnehmen kann, der schaut die Dinge anders, entspannter an. Auf die Gefahr hin, etwas abgegriffen zu klingen: Die Fähigkeit zum Dialog dünkt mich ganz wichtig. Also dass man bereit ist, sich anzuhören, was jene denken, die die Welt anders sehen. Dass man bereit ist, über andere Ansichten nachzudenken, und die Souveränität besitzt, sich sogar gegebenenfalls überzeugen zu lassen.

Der 59-jährige Zürcher Kabarettist ist der Sohn von César Keiser und Margrit Läubli.

Erstellt: 26.09.2019, 13:42 Uhr

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