«Ich halte wenig vom Lernen in Jahrgangsklassen»

Der Kinderarzt Oskar Jenni begrüsst das neue Schülerstudium an der Uni Zürich. Unter einer Voraussetzung.

Das neue Schülerstudium komme dem individualisierten Lernen  entgegen, sagt der Kinderarzt.

Das neue Schülerstudium komme dem individualisierten Lernen entgegen, sagt der Kinderarzt. Bild: Urs Jaudas

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Ab Herbst können hochbegabte Gymischüler an der Universität Zürich schon vor der Matur mit dem Studium beginnen. Was halten Sie davon?
Ich finde das eine gute Sache. Es ist ein weiterer Schritt zur Individualisierung und Flexibilisierung der Bildung von Kindern und Jugendlichen.

Warum befürworten Sie diese Entwicklung?
Der Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen gleichen Alters ist enorm unterschiedlich. Jeder junge Mensch entwickelt zu einem anderen Zeitpunkt Neugierde und Interesse für gewisse Themen. Die Variabilität in der Entwicklung nimmt mit zunehmendem Alter sogar noch zu. Das Bildungssystem muss sich deshalb dem individuellen Lernstand von Kindern und Jugendlichen anpassen.

Weg vom Prinzip Jahrgangsklasse?
Ich halte wenig vom Lernen in Jahrgangsklassen, vielmehr befürworte ich eine Altersdurchmischung. Kinder und Jugendliche zeigen nun mal unterschiedliche Fähigkeiten und Lernfortschritte. Es sollte deshalb Angebote geben, die dem individuellen Entwicklungsstand der Schüler entsprechen, im oberen, aber auch im unteren Bereich. Das chronologische Alter sagt nichts über die Fähigkeiten von Kindern aus. Wenn nun einige wenige, intellektuell sehr starke und leistungsfähige Schüler bereits im Gymnasium Interesse an gewissen Themen haben, die an der Universität gelehrt werden, dann sollen sie diesen nachgehen und vom Angebot der Universität profitieren dürfen.

Das Wort «hochbegabt» verwenden Sie nie.
Nein. Dieser Begriff wirft in der Gesellschaft hohe Wellen und löst Vorurteile aus. Ausserdem gibt es in der Fachwelt unterschiedliche Definitionen. Übrigens finde ich auch die Schlagzeile «Uni ködert die klügsten Gymi-Schüler» verfehlt. Es ist kein Ködern, sondern ein sinnvolles Angebot für geistig sehr leistungsstarke Schüler. Natürlich muss man in jedem Fall abwägen, ob ein solches zusätzliches Studium für einen Jugendlichen machbar ist.

«Eltern können die geistige Leistungsfähigkeit ihres Kindes im Vergleich zu anderen Schülern weniger gut einschätzen als Lehrer.»Oskar Jenni

Sie sprechen die persönliche Reife an.
Die Jugendlichen müssen von sich aus wollen, müssen lernen und leisten wollen. Ich habe mit der Betreuung von einigen sehr jungen Masterstudierenden die Erfahrung gemacht, dass diese sehr grossen Lernwillen haben. Man spürte allerdings auch, dass sie noch jünger waren.

Inwiefern?
Sie hatten einen unbeschwerteren und frischeren Zugang zu Themen als ältere Studenten und gingen mit der Bildungshierarchie sehr unverkrampft um. Das tut der Universität gut, macht sie lebendiger und flexibler.

Der Lehrer trifft die Entscheidung, ob ein Schüler für das Schülerstudium geeignet ist. Ist das richtig?
Ja. Lehrpersonen sollten aber zusammen mit dem Schüler und nach Rücksprache mit den Eltern entscheiden. Eltern können die geistige Leistungsfähigkeit ihres Kindes im Vergleich zu anderen Schülern weniger gut einschätzen als Lehrer, kennen aber Persönlichkeit, Motivation und Lernwillen ihres Kindes.

Und trotzdem hat man den Eindruck, die Leistungsmaximierung beginne immer früher.
Ich glaube nicht, dass dieses Angebot den Bildungswettbewerb – den es beim Gymi-Eintritt zweifelsohne gibt – noch mehr anheizt. Das Angebot ist ja auf 70 Plätze beschränkt.

Kritiker sagen, die Schüler sollten ihre freie Zeit lieber in musische oder sportliche Aktivitäten investieren, statt bereits zu studieren.
Das wäre wieder ein Eingriff in die Selbstbestimmung der Jugendlichen. Sie sollen selber darüber entscheiden können, wie sie ihre Zeit verbringen.

Besteht nicht die Gefahr, dass diese Individuen sozial abfallen?
Viele gehen davon aus, dass sehr intelligente Menschen sozial unbeholfen sind. Diese Ansicht ist nachweislich falsch. Soziale Fähigkeiten entwickeln sich unabhängig von der geistigen Leistungsfähigkeit eines Individuums.

Hat ein solch früher Studienbeginn sonst einen Einfluss auf diese kognitiv enorm leistungsstarken Jugendlichen?
Dazu gibt es keine Untersuchungen. Negative Einflüsse sind aber unwahrscheinlich. Im Gegenteil, Selbstvertrauen und realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten werden weiterwachsen.


Video: Sind die Studenten der Uni Zürich denkfaul?

«Für die Punkte muss man sich anpassen»: Studenten der Universität Zürich wurden mit dem Vorwurf, sie seien denkfaul, konfrontiert. Sie sehen den Grund ihrer angepassten Art im Bologna-System. (September 2014) Video: TA (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 19:10 Uhr

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Oskar Jenni

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Der Kinderarzt Oskar Jenni (51) leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals Zürich. Er ist Titularprofessor für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich und Vater von vier schulpflichtigen Kindern. (Bild: Reto Oeschger )

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