«Ich hatte das Gefühl, es braucht etwas Drastisches»

In einem offenen Brief fordert eine Maturandin Bildungsdirektorin Silvia Steiner zum Rücktritt auf. Was sie zu diesem Schritt bewogen hat.

Sie wehrt sich gegen die Sparmassnahmen von Bildungsdirektorin Silvia Steiner: Die 18-jährige Gymnasiastin Anna Püntener verschickte einen offenen Brief.

Sie wehrt sich gegen die Sparmassnahmen von Bildungsdirektorin Silvia Steiner: Die 18-jährige Gymnasiastin Anna Püntener verschickte einen offenen Brief. Bild: Peter Püntener

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Die Zürcher Gymnasiastin Anna Püntener griff zu einer ungewöhnlichen Massnahme, um gegen die Kürzungen des Kantons im Bildungsbereich zu protestieren: Sie verfasste einen offenen Protestbrief an Bildungsdirektorin Silvia Steiner und forderte sie zum Rücktritt auf, bevor sie «noch mehr Schaden anrichte». Den offenen Brief mailte die Gymnasiastin an alle Zürcher Zeitungen.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich hatte den Eindruck, dass nach der Ankündigung der Sparmassnahmen ausser den Demonstrationen nicht genug passierte. Ich wollte aber alles probieren, was möglich ist, um das Sparpaket zu stoppen. Wir haben an der Schule über die Sparmassnahmen diskutiert, aber niemand hatte eine gute Idee, was man dagegen unternehmen könnte. Ein Deutschlehrer ist dann auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich nicht einen Brief schreiben will. Der Brief bringt meine persönliche Sicht zum Ausdruck. Er ist mit niemand abgesprochen.

Hat die Bildungsdirektorin auf Ihren Brief schon reagiert?
Nein, bis jetzt habe ich noch nichts gehört. Aber ich habe den Brief auch erst gestern an Frau Steiner gemailt.

Am Anfang Ihres Briefes machen Sie die heutigen Erwachsenen für eine Reihe von Fehlentwicklungen wie den Klimawandel verantwortlich.
Der Brief ist keine Anklage an die heute herrschende Generation. Jede Generation begeht Fehler. Auch meine Generation wird Fehler begehen. Aber meine Generation braucht die Ausrüstung und die Instrumente, um die Fehler zu korrigieren, die heute begangen werden. Eine gute Bildung ist dafür der entscheidende Schlüssel.

Wie haben die anderen Schüler und Schülerinnen auf Ihre Aktion reagiert?
Alle fanden es cool, dass ich den Mut habe, mich so zu exponieren. Falls es jemand nicht gut fand, hat er es mir nicht gesagt.

Wollten Sie sich mit der Aktion profilieren und für einen politischen Posten – zum Beispiel bei den Juso – in Position bringen?
Ich bin in der Schülerorganisation des Realgymnasiums Rämibühl, aber sonst in keiner politischen Organisation aktiv. Dafür habe ich neben der Schule gar keine Zeit. Es geht mir nicht darum, mich zu profilieren, sondern um die Sache. Die Sparmassnahmen von Frau Steiner schaden der Qualität der Bildung. Wenn sie uns Schülerinnen als «Kostentreiber» bezeichnet, fühle ich mich als Sache betrachtet. Und wenn sie sagt, sie friere nur das Sackgeld ein, behandelt sie uns wie kleine Kinder. Ich finde es daneben, dass Frau Steiner die Schulen und die Betroffenen überhaupt nicht einbezieht.

Es heisst oft, die Jugendlichen heute seien apolitisch und kümmern sich nur um ihr eigenes Leben. Wie sehen Sie das?
Sicher gibt es viele Jugendliche, die politisch nicht aktiv sind. Aber man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Ich kenne sehr viele Junge, die aktiv sind und viel über Politik diskutieren. Am Tag der Bildung haben sich viele beteiligt. Es müssen nicht alle unglaublich aktiv sein. Auch über politische Themen zu diskutieren, ist eine wichtige Voraussetzung, um sich zum Beispiel an Abstimmungen zu beteiligen.

Wie ist zurzeit die Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern?
Nach der Ankündigung der Sparmassnahmen haben sich viele an der Vorbereitung der Proteste beteiligt. Als der «Tag der Bildung» im Januar dann abgesagt wurde, war die Enttäuschung gross. Viele sind immer noch wütend, haben aber aufgegeben, weil sie das Gefühl haben, sie können sowieso nichts mehr ändern.

Finden Sie nicht, dass es andere Menschen gibt, die unter Sparmassnahmen stärker leiden als die Schüler?
Wenn bei der Gesundheit oder im Sozialwesen gespart wird, finde ich das genauso falsch. Das Problem ist, dass die Steuern für Unternehmen immer weiter gesenkt werden und der Kanton dann die Budgets zusammenstreicht.

Was werden Sie nach dem offenen Brief an Frau Steiner als Nächstes machen?
Ich werde sicher aktiv bleiben und mich weiter für die Bildung engagieren. Das ist der Bereich, der mich persönlich betrifft und zu dem ich etwas zu sagen habe. Ich finde es wichtig, dass auch die Sicht der Betroffenen zur Sprache kommt und nicht nur Politiker und andere Erwachsene entscheiden. Auch wenn ich später studiere, betreffen mich bildungspolitische Entscheidungen weiterhin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2016, 15:07 Uhr

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