«Ich kann den Entscheid von Neerach nicht nachvollziehen»

Im reichen Neerach müssen Eltern plötzlich 8000 Franken im Monat für ihr behindertes Kind zahlen. SVP-Politikerin Ursula Fehr kennt das Problem – und hält nicht mit Kritik zurück.

«Es kann doch nicht sein, dass wir betroffenen Eltern ein schlechtes Gewissen machen, indem wir ihnen als Gemeinde auf Franken und Rappen vorrechnen, wie viele Steuerprozent ihr Kind kostet»: Ursula Fehr, SVP-Gemeindepräsidentin von Eglisau.

«Es kann doch nicht sein, dass wir betroffenen Eltern ein schlechtes Gewissen machen, indem wir ihnen als Gemeinde auf Franken und Rappen vorrechnen, wie viele Steuerprozent ihr Kind kostet»: Ursula Fehr, SVP-Gemeindepräsidentin von Eglisau. Bild: David Baer

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Frau Fehr, als Gemeindepräsidentin von Eglisau und als Mutter eines psychisch kranken, auf Hilfe angewiesenen Kindes kennen Sie beide Seiten, wenn es um den Umgang einer Gemeinde mit schwierigen Familiensituationen geht. Wie sehen Sie den Entscheid der Gemeinde Neerach, den Eltern eines schwerst behinderten Kindes Heimkosten von über 8000 Franken pro Monat zu verrechnen?
Das sind immer sehr schwierige Entscheide. Um so wichtiger ist es, mit den Betroffenen eine gute Lösung zu finden. Auch wenn die Eltern gut verdienen: Den Entscheid der Gemeinde Neerach kann ich nicht nachvollziehen. Familien, die ein solches Schicksal trifft, haben genügend Probleme, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Da sollten nicht auch noch Geldsorgen dazukommen. Man hat in solchen Fällen ohnehin höhere Kosten als andere Familien. Hinzu kommt, dass man gern etwas auf die Seite legen würde für später, wenn man nicht mehr für sein Kind da sein kann.

Die Gemeinde Neerach sagt, sie halte sich an das vom Kantonsrat beschlossene und ab Januar geltende Recht.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die überwiegende Mehrheit im Kantonsrat ihren Beschluss so interpretiert haben möchte, dass am Schluss dann doch wieder die einzelnen Familien für den Beitrag, den die Gemeinde leisten sollte, zur Kasse gebeten werden. Dieser Beschluss ist ja auch eine Übergangslösung, bis das neue Gesetz in Kraft tritt, und dieses ist klar: Die Gemeinden tragen die Heimkosten solidarisch, die Eltern zahlen nur noch einen Beitrag an die Nebenkosten für Verpflegung und Kleidung.

Gerade Ihre Partei argumentiert ja gern mit einem haushälterischen Umgang mit den Steuergeldern. Wie sehen Sie das?
Das ist grundsätzlich richtig. Aber wenn man denn sparen muss, gibt es andere Möglichkeiten. Eine Gemeinde hat auch für das Wohl ihrer Einwohner zu sorgen. Und das gilt nicht nur für hilfsbedürftige Kinder, sondern auch für deren Familien. Es ist nicht der Sinn einer Gemeinschaft, gerade solche Menschen aus der Solidarität auszusperren. Nochmals: Man darf nicht vergessen, dass die Belastung für die Eltern riesig ist. Nicht wenige Ehen zerbrechen an einem solchen Schicksal. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

«Es kann nicht sein, dass wir den Eltern ein schlechtes Gewissen machen, indem wir ihnen auf Franken und Rappen vorrechnen, wie viele Steuerprozent ihr Kind kostet.»

Dann sind ja da auch noch Geschwister. Das Paar in Neerach hat auch eine Tochter. Auch Sie hatten neben dem kranken Sohn eine gesunde Tochter.
Das kommt dazu: Gesunde Geschwister drohen unter die Räder zu kommen. Was viele Menschen unterschätzen: Es geht nicht nur darum, dass die Bedürfnisse der gesunden Kinder zu wenig Beachtung finden, sondern auch darum, dass die Kinder die Verbindung zueinander nicht verlieren. Das ist eine grosse Herausforderung.


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Kommen wir auf das neue Heimgesetz zu reden, das 2021 in Kraft tritt. Die SVP hat es abgelehnt, Sie aber befürworten es.
Ja, ich bin wirklich sehr froh darum, dass die Gemeinden die Heimkosten künftig solidarisch tragen. Auch wenn das zur Folge hat, dass sich dann auch Gemeinden beteiligen müssen, die selbst keine Heimkinder haben. Aber mit dem neuen System werden die Kosten für alle kalkulierbar, und es kann nicht mehr passieren, dass die Finanzen einer Gemeinde wegen Heimplatzierungen aus dem Ruder laufen – so wie in Hagenbuch. Aus meiner Sicht kommt aber noch etwas dazu: Es kann doch nicht sein, dass wir betroffenen Eltern ein schlechtes Gewissen machen, indem wir ihnen als Gemeinde auf Franken und Rappen vorrechnen, wie viele Steuerprozent ihr Kind kostet. Ein schlechtes Gewissen hat man als Eltern - obwohl in den meisten Fällen grundlos - in dieser Lage sowieso schon genug.


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Erstellt: 18.12.2017, 11:34 Uhr

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