«Ich unterstütze Mobility-Pricing»

Thomas Vogel will den FDP-Sitz des abtretenden Gesundheitsdirektors Thomas Heiniger verteidigen. Der Verkehrszunahme will er mit innovativen Rezepten begegnen.

«Stadt-Zürich-Bashing finde ich dumm»: FDP-Kandidat Thomas Vogel. Foto: Samuel Schalch

«Stadt-Zürich-Bashing finde ich dumm»: FDP-Kandidat Thomas Vogel. Foto: Samuel Schalch

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Herr Vogel, sind Sie eine Windfahne?
Nette Einstiegsfrage. Warum?

Lange hörte man von Ihnen nichts zur Umwelt, im Gegenteil: Sie kürzten bei den Naturschutzbudgets. Jetzt ist sie eines Ihrer Wahlkampfthemen.
Da muss ich widersprechen. Ihre Zeitung hat vor vielen Jahren für die FDP den Ausdruck «grünes Mänteli» erfunden. Wir thematisieren die Umwelt also schon lange. Zudem haben wir jüngst mitgeholfen, die Einlage in den Naturschutzfonds zu erhöhen. Aber wir sind nicht die Grünen. Als Teil der regierenden Mehrheit können wir nicht wie die linke Opposition unfinanzierbare Forderungen stellen. Von uns werden Lösungen erwartet.

Haben Sie Beispiele?
Die S-Bahn kommt aus der freisinnigen Küche oder die ökologische Verkehrsabgabe für Autos. Unzählige Freisinnige leisten Erhebliches zugunsten der Umwelt auf kommunaler Stufe oder in der Wirtschaft. Mich beeindruckt das mehr als das Schreiben von Vorstössen im Kantonsrat.

Der Smartspider auf Ihrer Website zeigt bei der Umwelt aber kümmerliche 20 Prozent.
Zeigen Sie mal. Das ist das Profil von 2015. Neu sind es 35 Prozent. Die Fragen sind teils tendenziös und zielen oft auf starken Ausbau und Verbote – das sind nicht unsere Rezepte. Wir möchten Anreizsysteme. Wenn Ökonomie und Ökologie zusammenfallen, kommt es gut.

Als ACS-Vorstand und Porsche-Fahrer geben Sie auch kaum einen Grünen ab.
Will ich auch nicht. Und übrigens: Ich fahre ein Plug-in-Hybrid-Modell. Ausserdem ist der ACS Zürich fortschrittlich.

Wie das?
Wir propagieren Mobility-Pricing, ich unterstützte das.

Sie wollen Autopendler in der Rushhour zur Kasse bitten?
Es geht um verursachergerechte Tarife für Strasse und Schiene.

Das wäre die Abschaffung des Generalabonnements.
Vielleicht in der heutigen Form. Vielerorts besteht nur zu Spitzenzeiten volle Auslastung. Daher ist es nur teilweise sinnvoll, weiter auszubauen. Es braucht andere Lösungen, gerade in Hinsicht auf die wachsende Bevölkerung.

Das ist Ihr zweites Wahlkampfthema, für das Sie sogar Lob von der SVP erhalten haben.
Stopp! Ich rede vom prognostizierten Zuwachs, nicht nur von der Zuwanderung aus dem Ausland. Wir werden auch wegen der höheren Lebenserwartung, mehr Geburten und der Binnenzuwanderung zahlreicher. Das bietet grosse Chancen, muss aber bewältigt werden. Ich setze grosse Hoffnungen in selbst­fahrende Sharing-Autos in den Städten.

Umwelt, Strassenbau: Sie wollen Baudirektor werden.
Das ist eine interessante Direktion. Ich habe als Stiftungsrat des Kinderspitals und der Zürcher Reha-Zentren auch eine Affinität zu Gesundheitsthemen.

Wollen Sie wie Ihr Parteikollege Thomas Heiniger bei den Prämienverbilligungen kürzen?
Nein, die FDP will hier nicht kürzen. Wir tragen den kürzlich präsentierten Kompromiss mit.

Sie kippten wie die SVP und die GLP. Bis 2018 wollte die FDP 40 Millionen kürzen. Als Gesundheitsdirektor müssten Sie vielleicht Spitäler schliessen.
Ja, das ist nicht lustig, aber es gibt zu viele Akutspitäler. Es macht keinen Sinn, auf kleinem Raum mehrere Spitäler mit dem vollen Programm zu unterhalten. Die Regionalspitäler müssen fokussieren und Kooperationen mit anderen Anbietern eingehen.

Ist das Hirslanden auf Ihrer Spitalliste drauf?
Privatspitäler sind wertvolle Ergänzungen, ich habe nichts gegen ihre Geschäftsmodelle. Mir ist aber klar, dass der politische Druck, mehr Grundversicherte in die Privatspitäler zu lenken, gross und richtig ist.

Sie wissen bestimmt, dass über Ihre Figur getratscht wird.
(lacht) Mir ist klar, dass das Bild von mir neben Marathonläufer Heiniger kurlig ist. Das spräche für die Baudirektion.

Sie haben sich stark für ein freies Kasernenareal eingesetzt. Kürzlich haben Sie mit dem Nein zur Vereinbarung des Kantons mit der Stadt mitgeholfen, die Planung zu stoppen – für viele unverständlich.
Die Reaktionen waren allzu melodramatisch. Wir fanden die Vereinbarung aus finanziellen Gründen schlecht. Es braucht einen besseren Vertrag. Dieser wird zustande kommen, da alle Beteiligten eine Lösung möchten. Übrigens gibt es auch beim Rosengartentunnel einen Deal Stadt-Kanton. Und der wird von Rot-Grün torpediert.

«Keine zweite Rote Fabrik» lautete der Slogan Ihrer Fraktion. Damit bewirtschaftet sie den Anti-Zürich-Reflex.
Das waren nicht meine Worte. Ich bin keiner, der den – tatsächlich vorhandenen – Reflex bedient. Stadt-Zürich-Bashing finde ich dumm. Die grossen Herausforderungen bewältigen wir nur ­zusammen mit der Stadt.

Sie wollen der Stadt Kompetenzen beim Verkehr wegnehmen.
Zur Zusammenarbeit gehört, dass die Stadt als Zentrum auch die Bedürfnisse der Autofahrer von ausserhalb anerkennt. Das ist zurzeit nicht immer der Fall. Immerhin hat sich das Stimmvolk gegen die Verminderung der Leistungsfähigkeit auf den Strassen ausgesprochen.

Noch eine Forderung von Ihnen: mehr Polizisten.
Die Bevölkerung wächst und hat daher künftig ein grösseres ­Sicherheitsbedürfnis. Durch ein engeres Zusammenleben entsteht Reibungsfläche. Auch die Cyberkriminalität nimmt zu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2019, 22:01 Uhr

Der Freisinnige im Dienst des Staats

Illnau-Effretikon muss speziell sein. Hier wählten sie schweizweit erstmals einen grünen Stadtpräsidenten: 1998 wars, er hiess Martin Graf und wurde später Regierungsrat. Und bei den Wahlen 2010 schnitten die kleinen Jungliberalen besser ab als die grosse FDP. Was das mit Thomas Vogel zu tun hat? Auch er kommt aus Illnau-Effretikon. Auch er will Regierungsrat werden, und die dortigen Jungliberalen sind sein Baby. Als 19-Jähriger hat er sie mitbegründet und danach mitgeholfen, sie flügge zu machen.

Vogel hatte sich früh für Politik interessiert. Als 10-Jähriger verfolgte er Bundestagsdebatten am Deutschen Fernsehen und studierte die Rhetorik von Helmut Schmidt. Kaum 22-jährig wurde er ins Lokalparlament gewählt, mit 29 Jahren war er als Präsident des Grossen Gemeinderats der ranghöchste Illnau-Effretiker. Und es ging stetig weiter: Kantonsrat, Fraktionspräsident und nach dem 24. März am liebsten Mitglied der Kantonsregierung. 47-jährig ist Thomas Vogel inzwischen.

Überall beliebt

«Gewitzt, gewieft, jovial»: So beschreibt ihn GLP-Fraktionspräsident Benno Scherrer. «Und irgendwie überall dabei.» Dass Vogel im Wahlkampf den Umweltschutz thematisiert, findet Scherrer unglaubwürdig: «Das ist nicht sein Thema.» Ähnlich äussert sich Esther Guyer, Fraktionspräsidentin der Grünen: «Das wirkt künstlich.» Da ist natürlich Wahlkampf drin: Der Grüne Martin Neukom und der Grünliberale Jörg Mäder sind Vogels grösste Konkurrenten.

Trotzdem mag Guyer Vogel: «Er ist ein sehr angenehmer und liebenswürdiger Mensch.» Sinnigerweise kommt der Umweltschwenker auch bei den politischen Freunden nicht gut an: Dass die FDP im Budget plötzlich mehr Geld forderte, missfiel der SVP, sagt Martin Hübscher, auch er Fraktionspräsident. Ansonsten klappe die Zusammenarbeit aber recht gut. Vogel sei kompetent, pragmatisch und könne verständlich argumentieren, lobt Hübscher. Der Pulverdampf aus der Zeit, als Christoph Blocher die Freisinnigen als Weichsinnige titulierte, hat sich längst verzogen.

Es waren keine guten Zeiten für die FDP. Daran hat Nationalrat Beat Walti erinnert, als er sich an der Nominationsversammlung im Herbst für Vogel einsetzte. Dieser habe ihm als Parteipräsident geholfen und Verantwortung übernommen, als Wahl um Wahl verloren ging und alle auf der Führung herumhackten. Der Lohn für das Duo liess lange auf sich warten und kam erst mit den Wahlen vor vier Jahren.

Alphatier-Rudel im Griff

Thomas Vogel ist eine treue Seele. Seit 1999 arbeitet der verheiratete und kinderlose Jurist am Bezirksgericht Zürich. Zuerst war er Auditor und Gerichtsschreiber. Schon nach zwei Jahren wurde der 29-Jährige in die Geschäftsleitung des Gerichts berufen. Diese steht 370 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern administrativ vor, unter ihnen natürlich etliche Richterinnen und Richter. Im sechsköpfigen Gremium hat Vogel gelernt, was er auch in der FDP-Kantonsratsfraktion gut anwenden konnte: das sanfte, aber bestimmte Führen. In beiden Fällen hat er es zum Teil mit eitlen Alphatieren zu tun, die aufgrund ihrer Wahl durchs Volk auf ihre Eigenständigkeit pochen dürfen. Trotzdem ist sich Grünen-Politikerin Guyer nicht sicher, ob Vogel den «Switch vom Moderator zum regierungsrätlichen Gestalter und Oberbefehlshaber» schafft.

Dass Vogel nur den Staatsdienst kennt, wurde innerhalb der FDP kritisch angemerkt, obwohl er immer auf Parteilinie ist. Man bevorzugt eben Unternehmer, Macher. Trotzdem hat Vogel die Nomination mit Bravour geschafft – gegen zwei Unternehmer. Das zeigt seine Popularität in der Partei. Eine Rolle spielte wohl auch, dass Vogel vier Jahre zuvor parteiintern nur knapp gegen die jetzige Regierungsrätin Carmen Walker Späh unterlag. Und dass ihm alle den Job zutrauen, diesem Mann aus dem speziellen Illnau-Effretikon.

Wer soll Zürich regieren? (7)

Am 24. März wählen die Zürcherinnen und Zürcher ihre Regierungsräte. In einer TA-Serie bilanzieren wir das Wirken der fünf Wiederkandidierenden. Und wir wollen wissen, wie die Neukandidierenden denken – wobei wir es bei den Vertretern der vier grössten Parteien etwas ausführlicher wissen wollen. Die bereits publizierten Porträts finden Sie unter: regierungsrat.tagesanzeiger.ch

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