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«Ich will, dass Jegge hinsteht und alles zugibt»

Markus Zangger hat ein Buch über seine traumatische Jugend verfasst: Darin erhebt er schwere Vorwürfe gegen den Pädagogen Jürg Jegge. Was treibt den Mann an?

«Jegge war wütend und ermahnte uns Buben, nicht schlecht über die Schule zu sprechen», sagt Markus Zangger. Foto: Christoph Kaminski
«Jegge war wütend und ermahnte uns Buben, nicht schlecht über die Schule zu sprechen», sagt Markus Zangger. Foto: Christoph Kaminski

In seinen Augen liegt ein eigentümliches Funkeln – eine Mischung aus Wut und Entschlossenheit. Wenn Markus Zangger wütend wird, unterstreicht er es mit einem ausgestreckten Zeigefinger, wenn er sehr wütend wird, mit zwei. Seine Entschlossenheit wird offensichtlich, wenn er sie beide vor der Brust überkreuzt und auseinanderfahren lässt: «Schluss, aus, Ende, fertig.»

28 Jahre alt musste Zangger werden, um seinem ehemaligen Lehrer zu sagen, er solle ihn nicht mehr anfassen. 58 musste er werden, um genug Kraft zu finden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Das Gefühl, das jetzt bleibt? «Erleichterung», sagt Zangger und schlägt mit der flachen Hand auf den edlen Holztisch im Sitzungszimmer des Wörterseh-Verlags in Gockhausen.

«Wenn es auf dieser Welt auch nur ein bisschen Gerechtigkeit gibt, muss ich darum kämpfen.»

Markus Zangger

Vor zehn Minuten ist er hier direkt von einem Fernsehauftritt ­hinein­spa­ziert, hat die Mitarbeiterinnen vertraut begrüsst. Klar sei er müde, aber «schiessen Sie los». Dieser Mann hat eine Mission: «Wenn es auf dieser Welt auch nur ein bisschen Gerechtigkeit gibt, muss ich darum kämpfen», habe er sich nach dem Tod seiner Frau gesagt und begonnen, seine Geschichte aufzuarbeiten.

Ein Buch belastet den Musterpädagogen: Jürg Jegge soll Schüler psychisch und physisch missbraucht haben.

Der Medienwirbel um sein am Dienstag veröffentlichtes Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» hat ihm kaum zugesetzt. Die Fragen, die es aufgeworfen hatte, da der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Pädagoge Jürg Jegge (74) sich in dem Buch nicht zu den Vorwürfen äussern konnte, wischt er vom Tisch: «Das war genau das richtige Vorgehen.» Genauso die grosse Inszenierung, die er und sein Co-Autor Hugo Stamm mit dem Wörterseh-Verlag zur Lancierung des Buches veranstaltet hatten: «Absolut angemessen für die Art, wie Jegge sich selber inszenierte.» Zangger hatte genug.

Er sei ein folgsamer Junge gewesen, ­erzählt Zangger, als jüngstes von fünf Kindern in Embrach auf dem Hof seiner Eltern aufgewachsen. Zanggers betrieben eine Champignonzucht, die Eltern hätten viel gearbeitet. Er sei weder ein besonders guter noch ein besonders schlechter Schüler gewesen – jedoch «­sicher kein Fall für die Sonderklasse». Als Jürg Jegge Zanggers Eltern davon überzeugte, dass es für ihr Kind das Beste sei, ihn auf den Hof im Betzental zu ­holen, sei er enttäuscht gewesen.

«Die Leute aus dem Dorf haben die Schulpflege mehrmals aufgefordert, beim Jegge genauer hinzuschauen.»

Dass der Unterricht auf einem abgelegenen Bauernhof stattfand, war auch für die damalige Zeit ungewöhnlich. Aber «Jegge war der perfekte ‹Schnurri›», sagt Zangger. Kritische Nachfragen habe er stets zerstreut. «Die Leute aus dem Dorf haben die Schulpflege mehrmals aufgefordert, beim Jegge genauer hinzuschauen.» Doch den Mut, die Schule zu schliessen, hätten sie nie aufgebracht. «Und spätestens als das Buch kam, hat den Dorfleuten niemand mehr zugehört», sagt Zangger. Er meint Jürg Jegges «Dummheit ist lernbar». Jegge verarbeitete auch einen von Zanggers Schüleraufsätzen darin. Das Buch wurde ein Bestseller, Jegge zum Pädagogik-Star.

Eine Weisung der Schulpflege

In der Primarschule Embrach ist die Lehrerschaft von vor 40 Jahren längst nicht mehr im Amt. Die Personal- und Schülerakten wurden nach zehn Jahren vernichtet, nur die Schulpflegeprotokolle werden länger aufbewahrt. Der aktuelle Embracher Primarschulpräsident Philipp Baumgartner, seit rund zwei Jahren im Amt, hat in seiner Schule schon angenehmere Situationen erlebt: Er wird in einem Sitzungsprotokoll vom 19. September 1973 fündig. Die damalige Schulpflege erliess Jürg Jegge eine Weisung. «Keine Verweisung, sondern eine Weisung», betont Baumgartner, «eine Weisung mit 12 Punkten».

Die Punkte 1, 3 und 4 lassen aufhorchen: «1. Sämtliche gemäss genehmigtem Stundenplan aufgeführten Schulstunden sind im zugewiesenen Schulzimmer im alten Sekundarschulhaus Dorf abzuhalten. (. . .) 3. In anderen Lokalen und speziell in der Wohnung Jegge Dorfstrasse dürfen sich während den Schulstunden keine Schüler aufhalten. 4. Autofahren mit oder ohne Schüler während der Schulzeit sind untersagt.»

Schüler Zangger erinnert sich an die Weisung. «Jegge war wütend und ermahnte uns Buben, nicht schlecht über die Schule zu sprechen, sie würde sonst geschlossen, und wir wären ohne ihn praktisch verloren», sagt Zangger. Der Junge glaubte dem Lehrer, eine Verklemmung zu haben, von der nur der Lehrer ihn befreien konnte. Zangger besuchte Jegge weiter regelmässig zu Hause.

Schulpräsident Baumgartner sagt: «Den zur Verfügung stehenden Akten kann ich kein Fehlverhalten der Schulpflege entnehmen.» Er stellt jedoch auch klar: «Es gibt keinen Grund, weshalb Lehrer mit Schülern Auto fahren müssten, es sei denn, es ist ein Notfall. Dasselbe gilt für Besuche zu Hause.» Den Sitzungsprotokollen sei aber auch zu entnehmen, dass die damalige Lehrerschaft froh war, einige schwierige Schüler in Jegges Sonderschule abgeben zu können. Zangger legt Wert darauf, nicht zu diesen Schülern gehört zu haben.

«Jegge weiss, was er getan hat.»

Markus Zangger

Handelte es sich also einfach um einen kreativen Lehrer, der schwierige Fälle, wenn auch mit ungewöhnlichen Methoden, auf die rechte Bahn zu bringen vermochte? War die Behandlungsmethode, Jegges «Durchatmen», inspiriert von Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich, doch effektiv?

Bei solchen Fragen zückt Zangger die Zeigefinger, «das ist einfach nur Scheiss», und er wird laut: «Natürlich haben Frauen und Männer in dieser Zeit begonnen, offener miteinander umzu­gehen. Aber das galt doch nicht für Kinder und Erwachsene. Das galt nie für Kinder. Ich war 13, ich hatte überhaupt noch gar keine Sexualität.» Und beinahe drohend sagt er: «Jegge weiss, was er getan hat.» Zangger geht es um die Wahrheit, und er will sie von seinem früheren Lehrer hören. «Ich will, dass er vor der ganzen Welt hinsteht und alles zugibt», sagt er. «Am besten in der ‹Tagesschau› soll er sagen, was er uns angetan hat.»

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