«Wenn ich in einigen Jahren sterbe, wie geht es weiter?»

Der verstorbene Winterthurer Milliardär Bruno Stefanini schrieb alles auf, was ihn beschäftigte. Ihn trieb ein grosses Vorhaben um, an dem er scheiterte.

Einer der seltenen Auftritte von Bruno Stefanini: 2009 an einem Fest in Winterthur. Foto: Stefan Schaufelberger

Einer der seltenen Auftritte von Bruno Stefanini: 2009 an einem Fest in Winterthur. Foto: Stefan Schaufelberger

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«Momentan bin ich so schlecht dran, wie wohl noch fast nie! (...) Gute Nacht, kann kaum mehr atmen! 20h 57»

Diese Worte mit – wie immer – genauer Zeitangabe schrieb Bruno Stefanini, 87-jährig, im April 2012 auf einen Schreibblock. Der Milliardär, Kunstsammler und Immobilienbesitzer aus Winterthur schrieb Tagebuch, seitenweise, stapelweise. Sätze voller Erlebnisse, Ausrufezeichen, Befehle an sich selbst.

Neben seinem Bett lag ein Block, damit er im Schein der Nachttischlampe ein paar Gedanken zum Tag kritzeln konnte. In kleiner, schwungvoller Schrift. Wichtige Stellen sind unterstrichen, einzelne Wörter eingekreist. Die Notizen waren Stefaninis Art, zu verarbeiten, was ihn beschäftigte. Der TA konnte Dutzende Seiten einsehen, die wenige Jahre vor seinem Tod entstanden sind, als er noch nicht dement war.

Bevor Stefanini im vergangenen Dezember 94-jährig verstarb, tobte ein Kampf um die Nachfolge in seinem Immobilien- und Kunstimperium. Die Tagebucheinträge sind Teil der Gerichtsakten geworden. Sie zeigen, wie sehr Stefanini seine Erbfolge selbst regeln wollte. Doch er scheiterte.

«Wie geht es weiter?»

Die Notizen zeichnen auch ein Bild eines einsamen, rastlosen Mannes, der sogar enge Vertraute siezte. 2011, als er noch nicht an Demenz litt, trieb ihn vor allem eine Frage um: «Wenn ich in einigen Tagen, Wochen, Jahren – sterbe wie geht es weiter? Wer ist /sind meine Nachfolger? Das muss ich auch regeln!», notierte Stefanini Ende Dezember 2011.

Der Patron spürte, dass seine Zeit knapp wurde und vieles ungeklärt war. 2012 schrieb er: «Ein Leben lang gearbeitet, gesammelt aus Freude (‹Jäger und Sammler›) (...) Ich muss ja doch sehr bald ‹alles abgeben›, warum also mit dem Ordnung machen und Nachfolge organisieren, delegieren etc. nicht jetzt beginnen? Ich will, ich muss!»

Wollte alles selbst in der Hand haben: Bruno Stefanini bei der Besichtigung einer seiner Immobilien.

Die Wunschnachfolgerin war seine Tochter Bettina Stefanini. Über Monate hinweg erwähnte er Treffen und Gespräche mit ihr zum Thema Erbfolge. In schlaflosen Nächten notierte er, wie gerne er Bettina Führungsaufgaben übergeben möchte. Er schrieb: «Morgen kommt Tochter Bettina ab 10 Uhr! Erbfrage!»

Doch sie lebte zu jener Zeit in Irland und wollte nicht in die Schweiz zurückkehren. Enttäuscht hielt Stefanini im November 2011 fest: «Ich habe ‹soeben› mit Bettina, meiner Tochter, ‹verhandelt›, sie will in Irland bleiben und nicht in die Schweiz kommen.» Die Zeit seiner Notiz: 3.47 Uhr.

Fast 24 Stunden später folgte ein weiterer Eintrag: «Gut, hatte ich die Sitzung mit Bettina. Sie hat entschieden, dass sie in Irland bleibt und meine ‹Nachfolge› nicht will.» Für ihn ist klar: «Ich muss jetzt disponieren ohne sie als ‹Erbin›.»

Häuser, Schlösser und Kunst

Stefanini war nach dem Zweiten Weltkrieg mit Immobilien reich geworden. Seine Firma startete klein, wurde immer grösser, was er selbst nie gedacht hätte. Geld und Leidenschaft steckte er in seine Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG). Experten bezeichnen sie als eine der bedeutendsten Sammlungen der Schweiz. Sie soll etwa 30'000 Objekte umfassen, darunter wertvolle Kunstwerke von Anker oder Giacometti, aber auch wertlose Gegenstände, die Stefanini auf dem Winterthurer Flohmarkt entdeckt hatte.

Zeitlebens erweiterte er seinen Besitz um Häuser, Schlösser und Kunst. Inzwischen leitet seine Tochter Bettina Stefanini zwar die Stiftung. Sie und ihr Bruder Vital Stefanini erkämpften sich den Einsitz im Stiftungsrat jedoch hart vor Gericht. Als ihr Vater seine Tagebucheinträge verfasste, ahnte er nichts vom Streit, den sein Unternehmen dereinst erfassen würde.

Die Familienverhältnisse waren schwierig.

Bettina Stefaninis Engagement lag zum Zeitpunkt der Notizen in weiter Ferne. Sie war schon früh von Winterthur nach Dublin ausgewandert, wo sie später als Naturwissenschaftlerin promovierte. Die Familienverhältnisse waren schwierig. Bettinas Mutter war mit den drei kleinen Kindern nach Bern gezogen, nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Der Vater habe nur sein Geschäft im Blick gehabt, sagt Bettina Stefanini heute.

Erhebt Vorwürfe gegen ihren Vater: Bettina Stefanini bei einer Kunstausstellung in Bern.

Sie wollte nie zurück nach Winterthur zum Vater, der ihr kaum Raum zum Atmen gelassen hat, wie sie erzählt. «Er versprach mir zwar, die Stiftung zu übergeben, aber ich glaubte nicht daran.» Ihr Vater habe oft Versprechen gemacht, die er nicht einhielt. Zudem lehnte er ihre Bedingung ab, unter der sie in die Stiftung gekommen wäre. Sie verlangte, dass nebst ihr eine unabhängige Person in den Stiftungsrat einziehen solle. Aber ihr Vater wollte nur seine Kinder und die engsten Vertrauten aufnehmen.

Neuer Nachfolger erwähnt

Nach der Absage seiner Tochter begann Stefanini in den Notizen, einen anderen möglichen Nachfolger zu erwähnen: Markus Brunner, der 2008 zu seiner Immobilienfirma stiess und bis Anfang dieser Woche Geschäftsleiter war. Im Frühling 2012 schrieb er: «Markus Brunner ist wohl mein fähiger Nachfolger (46 jährig?) muss ihn ernennen und entsprechend bezahlen!»

So weit sollte es jedoch nie kommen. Nach einer Operation 2013 verschlechterte sich Stefaninis Gesundheit. Seine Familie stritt mit der einstigen Geschäftsleitung um seine Stiftung, sein Vermögen und die rund 3000 Wohnungen.

Die Tagebücher enden nach heutigem Kenntnisstand 2013.

Gewonnen haben den Machtkampf schliesslich Stefaninis Kinder 2018. Brunner sagt, er akzeptiere das. Er bedauere aber, dass er nicht die Nachfolge von Bruno Stefanini habe antreten können: «Herr Stefanini war mein Patron, ich habe ihm zehn Jahre lang gedient, und er sah mich als seinen Nachfolger.» Es gehe ihm nicht um ihn selbst, sagt Brunner. «Es geht mir um den Willen von Herrn Stefanini.»

Ob und wie Bruno Stefanini den Streit um sein Erbe mitbekommen hat und was er darüber dachte, ist nicht überliefert. Seine Tagebücher enden nach heutigem Kenntnisstand 2013. Stefanini war zu jener Zeit bereits dement und vermutlich nicht mehr fähig, seine Notizen weiterzuführen. Aber der Streit um sein Vermächtnis begann dann erst.

Erstellt: 29.03.2019, 06:44 Uhr

Kampf um das Milliarden-Erbe

Wer soll die Nachfolge von Bruno Stefanini übernehmen? Über diese Frage stritten sich Stefaninis Kinder Bettina und Vital mit den Verwaltungsräten seiner Immobilienfirma, Markus Brunner und Umit Stamm, sowie mit Stefaninis engster Vertrauter Dora Bösiger. Die drei versuchten 2013, die Macht in der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) zu übernehmen, in deren Stiftungsrat sie sassen.

Stefanini hielt im Testament fest, sein ganzer Besitz solle an die SKKG übergehen. Die Stiftungsurkunde berechtigt die Kinder nach seinem Tod, Stiftungsräte zu ernennen.

Deshalb wollten Brunner, Stamm und Bösiger die Urkunde abändern und sich selber konstituieren. Im Sommer 2018 entschied das Bundesgericht: Eine Änderung der Urkunde ist nicht möglich. Inzwischen haben die Kinder die Kontrolle übernommen. Obwohl der Rechtsstreit um die Stiftung abgeschlossen ist, laufen noch zwei Strafverfahren.

Brunner hat Bettina Stefanini wegen Nötigung angezeigt. Er und Stamm müssen sich noch in diesem Jahr vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat wegen Urkundenfälschung Anklage erhoben. (zac)

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