Im Drogenrausch getötet

28 Verletzungen und eine schreckliche Tat: Der Galerist, der 2014 in Küsnacht einen Engländer tötete, könnte bestraft werden – obwohl er schuldunfähig ist.

Die Küsnachter Galeristenvilla nach dem Tötungsdelikt im Dezember 2014. Bild: Stefan Hohler

Die Küsnachter Galeristenvilla nach dem Tötungsdelikt im Dezember 2014. Bild: Stefan Hohler

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Man mag sich nicht vorstellen, was sich am Morgen des 30. Dezembers 2014, zwischen fünf Uhr und sieben Uhr, in einer Villa in Küsnacht zugetragen hat. Die Anklageschrift, die das Bezirksgericht Meilen am Montag veröffentlichte, listet 28 Verletzungen auf.

Ketamin und Kokain

Der 29-jährige Galerist und Kunsthändler hatte auf den 23-jährigen Engländer mit einem sechs Kilogramm schweren Kerzenständer, mit einer 1,9 Kilogramm schweren goldenen Skulptur und einer 500 Gramm schweren antiken Dekorationsfigur eingeschlagen und ihm schwere Verletzungen zugefügt. Schliesslich rammte er dem noch lebenden Opfer eine Kerze in den Rachen und erwürgte ihn.

Warum es zu dieser blutigen Auseinandersetzung kam, ist ungeklärt. Fest steht, dass der 29-Jährige vor der Tat, aber auch in den Tagen vor der Tat, wiederholt grössere Mengen des in der Anästhesie verwendeten Schmerzmittels Ketamin sowie erhöhte Mengen Kokain konsumiert hatte.

Angehörige als Hexen wahrgenommen

Die Wirkung der Drogen ist verheerend. Und der Galerist wusste um die gefährliche Folgen des Konsums. Mehrfach hatte er nach dem Konsum der Drogen Psychosen mit paranoiden Wahnvorstellungen erlitten. Im Februar 2011 beispielsweise attackierte er seinen Vater mit einem Gehstock. Er glaubte, seine Angehörigen seien Hexen.

Im Sommer 2014 kam es auf Ibiza zu einer Reihe von Vorfällen. So glaubte er, alle Anwesenden einer Party seien Geister. Seine Begleiterin entscheide, ob er dem Fegefeuer geopfert werde, damit alle anderen in den Himmel kommen. Zur gleichen Zeit versuchte er, seine Begleiterin aus einem mit 80 km/h fahrenden Taxi zu stossen.

Vergewaltigung und Tötungsversuch bestritten

Der deutsche Staatsbürger wird sich in der letzten Märzwoche vor dem Bezirksgericht Meilen auch noch wegen weiterer Delikte verantworten müssen. Der Versuch, seine Begleiterin aus dem Taxi zu stossen, ist als Tötungsversuch angeklagt. Zudem wird ihm vorgeworfen, seine Begleiterin im Herbst 2014 in einem Hotel in London in Todesangst versetzt und anschliessend vergewaltigt zu haben. Zuvor und danach soll er sich der sexuellen Nötigung schuldig gemacht haben.

Die Verteidiger des 29-Jährigen gehen davon aus, dass die Tötung des Engländers im Drogenrausch und deshalb im Zustand der vollen Unzurechnungsfähigkeit begangen wurde. Sowohl die Sexualdelikte und der Tötungsversuch gegenüber der 31-jährigen Begleiterin werden vollumfänglich bestritten.

Was ist eine «actio libera in causa»?

Der Fall ist juristisch äusserst anspruchsvoll. Laut Strafgesetzbuch kann ein Täter nicht bestraft werden, wenn er zur Zeit der Tat nicht fähig war, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln. Eine vollständig aufgehobene Einsichts- und Steuerungsfähigkeit ist regelmässig bei Personen anzutreffen, die im Rahmen von paranoiden Wahnvorstellungen straffällig werden. Anstelle einer Strafe wird in solchen Fällen in der Regel eine stationäre oder ambulante Massnahme angeordnet.

Im Fall des 29-Jährigen beantragt der Staatsanwalt aber neben einer ambulanten Behandlung auch eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Warum? Die Strafbefreiung bei Schuldunfähigkeit gilt nicht absolut. Ein Beispiel: Versetzt sich ein grundsätzlich zurechnungsfähiger Täter absichtlich in einen Zustand der Schuldunfähigkeit, um dann eine Straftat zu begehen, kann er sich nicht unter Berufung auf Schuldunfähigkeit der Bestrafung entziehen. Juristen sprechen von «actio libera in causa».

Acht oder dreizehn Jahre

Genau davon geht der Staatsanwalt aus. Aufgrund der verschiedenen Vorfälle sei sich der Galerist bewusst gewesen, dass er unter dem Einfluss der Drogen andere Personen ernstlich an Leib und Leben gefährden, verletzen oder gar töten könne. Falls das Gericht auch zum Schluss kommt, dass der 29-Jährige das, was in jener Nacht in Küsnacht passierte, in Kauf genommen hat, beantragt der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von dreizehn Jahren.

In einem Eventualstandpunkt ist der Staatsanwalt der Meinung, die Folgen jener Nacht seien für den Beschuldigten aufgrund seiner Erfahrungen voraussehbar gewesen. Dass er in diesem Zustand Menschen töten könnte, habe er aus pflichtwidriger Unvorsicht nicht bedacht, also fahrlässig gehandelt. In diesem Fall sei der Mann zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren zu verurteilen.

Teilweise unter Ausschluss

Der Prozess in Meilen dauert eine Woche. Die Verhandlung wird für die Öffentlichkeit in andere Gerichtssäle übertragen. Werden aber die Sexualdelikte verhandelt, wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2017, 12:00 Uhr

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