In den Sonnenaufgang musizieren

Nie erklingen so viele Alphörner wie am 1. August. Mit dabei in diesem Jahr war auch eine Sternenberger Truppe – zum Sonnenaufgang ganz oben auf dem Titlis.

Die Alphornbläser-Gruppe aus Sternenberg spielt zum 1. August auf dem Titlis.

Die Alphornbläser-Gruppe aus Sternenberg spielt zum 1. August auf dem Titlis. Bild: Raisa Durandi

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Wie es mit der Luft da oben gehen werde, war die Frage am Abend vor dem Auftritt. Alphorn spielen auf über 3200 Metern, um sechs Uhr morgens bei unter null grad und steifem Wind. Es werden garstige Verhältnisse sein für die siebenköpfige Gruppe aus Sternenberg. Doch es ist auch das Highlight des Jahres. Bei Sonnenaufgang aufspielen, auf der Bergspitze und dies erst noch am Nationalfiertag. Dutzende Zuschauer, die extra den Berg hoch kraxelten.

Beim Abendessen sortiert die Gruppe noch die Lieder. Engelberger Echo, Heilig oder Steipilz Blues? Insgesamt sind es zwölf, die sie am nächsten Morgen, sobald sich die Sonne am Firmament zeigt, anstimmen werden. «Ruhig bleiben», sagt Markus, der Chef der Gruppe noch bei der Probe am Vorabend des Auftritts. Die Umstände würden herausfordernd sein. Die Töne würden vom Wind verschluckt und eben, die Luft in dieser Höhe, sie ist knapp.

Doch Anita, Regi, Regula, Frances, Markus, Hans und Dominik sind nicht zum ersten Mal hier. Für einige von ihnen ist es der dritte 1. August auf dem Titlis. Die ortsansässige Gruppe Engelberg sei nach Santo Domingo geflogen, um dort in der Schweizer Botschaft zu spielen. Auch deshalb erhielten die Sternenberger noch einmal die Gelegenheit, am Tag der Tage für Gruppen wie sie aufzuspielen – so viele Alphörner wie am 1. August erklingen in der Schweiz nie.

Alle wollen die Ersten sein

Treffpunkt ist morgens um 4.30 im Berghotel in der Zwischenstation Trübsee, wo die Gruppe nächtigte. Der Aufstieg nach Ankunft in der Bergstation ist steil und eisig, die Temperaturen liegen unter null.

Rund hundert Leute wandern in einer Reihe den Grat hinauf, alle gut ausgerüstet, die meisten zügig. Auch Kinder und Hunde sind dabei. Sie alle wollen die Ersten sein, welche die Schweiz an diesem Morgen feiern. Die Zürcher Alphornbläser liefern den passenden Sound. Das gehört alles ins Package von Engelberg-Tourismus: Frühstücksbuffet im Restaurant der Bergstation zwei Stunden später inklusive.

Dann ist es ist kurz nach 6 Uhr. Der Himmel ist seit einigen Minuten ein unwahrscheinlicher Farbverlauf von Gelb über Dunkelrot-Grau bis Schwarzblau. Eine rote Sonne erscheint hinter den Bergsilhouetten. Unten im Tal das Nebelmeer. Die erste Strophe der Hymne als Live-Spektakel. Schon setzt die Musik ein, ein warmes Übereinander von tragenden Klängen, satt und angenehm behäbig. Manche kennen das nur vom Ankunftsgate am Flughafen, doch das hier ist echt.

Mit Gipfelschnaps zuprosten

Die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer setzen sich hin, manche in der Front Row, die Rücken den Alphörnern zugewandt, die Gesichter der Sonne. Dä Gschnäller isch dä Gschwinder. Kann es etwas geben, das sinnbildlicher wäre für die Schweizer Art, als sich über dieses Drängeln hier oben aufzuregen? Oder darüber, dass manche schwatzen, am Handy sind, eine Drohne steigen lassen, während die Alphörner meditativ klagen?

Wer will, kann sich an jene halten, die sich mit dem Gipfelschnaps zuprosten oder sich eine Pfeiffe anzünden. Die sich auf dieses für sich tragende Szenerio verlassen. So wie die Alphorngruppe, die konzentriert aufspielt. Während sie hornen, wechselt die Sonne die Farbe von rot zu gelb. Die Lieder der Gruppe branden in einen Applaus, den der kalte Wind manchmal davonträgt.

Dichtes Feiertagsprogramm

Es sei super gelaufen, sagt die Gruppe einhellig eine Stunde später beim Frühstücksbuffet in der Bergstation, nachdem sie ihre Hörner, nicht ganz ohne Mühen, wieder vom Gipfel herunter getragen haben. Allgemeine Zufriedenheit im Châlet artigen Restaurant. Doch Zeit zum Ausruhen ist es noch nicht.

Stäfa, Bubikon und Kilchberg sind weitere Stationen auf dem Sterneberger Feiertagsprogramm.

Ab morgen, werden die Alphörner wieder ganz normaler Teil ihres Alltags sein. Einmal pro Woche proben in der Kirche Bauma oder draussen im Garten eines Mitglieds, dann und wann Auftritte zu kleinen Gagen. Wenig Folklore, viel Leidenschaft, und vor allem: etwas mehr Luft.

Diese sei übrigens kein Problem gewesen, sagt Hans, der Bauer, der am Hörnli eine Alp betreibt. Hans handhabt sein Alphorn so: Bei schönem Wetter schickt er an den Abenden die Klänge übers Tal. So wie früher, als sich die weit verstreuten Bauern signalisierten, dass es ihnen gut geht. «Danach kann ich ruhig einschlafen.»

Erstellt: 01.08.2019, 18:10 Uhr

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