In der Sulzer-Sauna

Der Kantonsrat feierte in Winterthur 100 Jahre Proporzwahlrecht. Die erste Sitzung ausserhalb von Zürich fand unter erschwerten Bedingungen statt.

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Die kantonsrätliche Visite in Winterthur war ein Spektakel der vielen Premieren. Es war zum Beispiel für die aus Winterthur stammende SP-Justiz­direktorin Jacqueline Fehr das erste und vermutlich letzte Mal, dass sie mit dem Velo zur Parlamentssitzung fahren konnte. Eine Premiere war auch der Anlass als Ganzes: Zum ersten Mal trat der Kantonsrat ausserhalb Zürichs zusammen. Sie freue sich sehr über den Besuch in Winterthur, sagte Fehr. Das Proporzwahlrecht, das gestern mit einer kantonsrätlichen Spezialsitzung gefeiert wurde, sei von Bauern und Arbeitern erstritten worden – da passe es, wenn das Jubiläum in einem Monument der Arbeitergeschichte begangen werde: in einer alten Sulzer-Halle.

Auch Winterthurs Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) freute sich über das Fest in «seiner» Stadt – dass er selbst per Majorzwahl gewählt worden sei, hindere ihn nicht am Proporzfeiern, erklärte er. Der Besuch der kantonalen Politik in Winterthur, so Künzle, erinnere ihn an die alljährliche Schulreise des Bundesrats. Jene stösst immer auf grosses Publikumsinteresse. In Winterthur war es durchzogen, was Künzle dem Wetter zuschrieb.

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Das Wetter beziehungsweise das Klima war Thema Nummer eins im Saal. Kein Wunder: Es herrschte eher Sauna- als Parlamentsklima – am Ende wurden in der Halle fast 36 Grad gemessen. Wer einen Fächer hatte – zum Beispiel Justizdirektorin Fehr oder FDP-Kantonsrätin Linda Camenisch –, gehörte zu den Privilegierten. Die anderen behalfen sich, indem sie sich mit den Akten Luft zufächelten. Dass sich das Parlament tenümässig etwas eigenwillig präsentierte, lässt sich vor diesem Hintergrund entschuldigen. Es gab Kantonsräte mit Shorts und andere mit durchgeschwitzten Hemden. Umso mehr fiel der freisinnige Alex Gantner auf: Er behielt standhaft das Jackett an.

Ratspräsidentin Karin Egli (SVP) dankte zum Schluss für das «Ausharren in der Hitze». Das müssen auch die Tiere von Landwirt und EDU-Kantonsrat Michael Welz. In seinem Stall sei es ähnlich heiss wie in der Sulzer-Halle. Es gebe Landwirte, die würden Sprinkleranlagen in die Ställe bauen, erzählte er. Für das Parlament hält er eine solche Anlage für ungeeignet. Und überhaupt: In den Winterthurer Industrieanlagen hätten früher ohnehin ganz andere Temperaturen geherrscht. Trotzdem hätten die Arbeiter ausharren müssen. Es schade nicht, wenn auch die Parlamentarier einmal ein bisschen heiss hätten, fand Welz. «Sonst sitzen sie ja immer im klimatisierten Büro und erzählen nachher grünes Zeugs.»

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Nach der Sitzung wurde es staats­tragend. Wobei Regierungspräsident Markus Kägi (SVP) für seine Grussbotschaft zum Proporzfest einen populären Einstieg wählte – er zitierte ABBA: «The Winner Takes It All» – für Kägi sozusagen die Majorzhymne. Es gebe aber auch den Song «I Have A Dream». Es sei der Traum der kleinen Parteien, in den Parlamenten angemessen vertreten zu sein. Und diesen Traum erfülle das Proporzwahlrecht. Kägi hielt ein ebenso besonnenes Plädoyer für die Demokratie. Und er schloss mit ABBA: «Thank You for the Music.»

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Es war ein harmonischer Feiertag – da wollte FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch nicht ausscheren. Dabei hätte er Grund dazu gehabt: Für die Liberalen hatte die Einführung des Proporzwahlrechts zur Folge, dass sie die Hälfte ihrer Parlamentssitze verloren. Trauert er dem Majorz nach? Er lacht. «Nein. Der Proporz ist eine gute Sache. Wir kämpfen nun um Sitze in diesem System. Nostalgie gibt es keine.»

Erstellt: 07.07.2017, 22:02 Uhr

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