In der Wagenburg der Zürcher Wohnbau-Profiteure

Wie sich Menschen am Friesenberg, im Seefeld und anderswo in Zürich in ihrer staatlich geförderten Wagenburg verschanzen.

Der Garten ist grün, der Mietzins ist tief: Ein Haus in der Familienheim-Genossenschaft Zürich im Friesenberg. (Foto: Keystone)

Der Garten ist grün, der Mietzins ist tief: Ein Haus in der Familienheim-Genossenschaft Zürich im Friesenberg. (Foto: Keystone)

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Wer wollte nicht so wohnen? Schön zentral in der Stadt, und doch ist der eigene Vorgarten üppig grün und der Mietzins gemeinnützig tief. Die Vermieterin, die Familienheim-Genossenschaft, verzichtet auf eine übliche Rendite für ihr Kapital. Wer so lebt, ist privilegiert und hat sich im System der Zürcher Wohnbaupolitik bequem eingerichtet.

Aber es droht: Verdichtung. Die Stadt will zusammen mit der Genossenschaft Teile der Siedlung am Friesenberg ersetzen und so Platz für bis zu 700 neue Wohnungen schaffen. Das ist ganz im Sinn des Volksauftrags, in Zürich für mehr gemeinnützige Wohnungen zu sorgen. Zwar ist der Weg dahin noch weit. Gestaltungs- und Denkmalschutzfragen sind nicht geklärt. Aber der Widerstand unter den Genossenschaftern ist gross. Ein Abwehr-, Blockade- und Verhinderungsverein ist schon gegründet, gut organisiert und lässt sich lautstark vernehmen.

Das Ziel: Friesenberger first! Wir bleiben unter uns und wohnen billig.

Im Seefeld wird schon gebaut

Auf der anderen Seite der Stadt, im Seefeld, ist Zürich schon am Bauen. 2021 gehen in der Siedlung Hornbach 125 Wohnungen an neue Mieter. Auch in dieser mild verdichteten Überbauung werden die Mietzinsen gemeinnützig tief sein. Das weckt Begehrlichkeiten: Der Quartierverein fordert eine Quote für die angestammte Quartierbevölkerung. Wer nicht schon hier wohnt, soll bei der Vergabe der günstigen Wohnungen hintanstehen.

Das Ziel: Seefelder first! Wir bleiben unter uns und wohnen billig.

Nichts gegen die lange, stolze und demokratisch vielfach legitimierte Zürcher Tradition des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Aber wenn sich dessen bisherige Profiteure gegen die Ausweitung auf neue Bevölkerungsgruppen oder eine vernünftige Verdichtung zur Wehr setzen, bringen ausgerechnet sie diese Wohnbaupolitik in Misskredit.

Der Ruf «Bezahlbare Wohnungen für alle!» tönt nur noch schal und hohl, wenn sich Menschen am Friesenberg, im Seefeld und anderswo in Zürich in ihrer staatlich geförderten Wagenburg verschanzen. «Bezahlbare Wohnungen allein für uns, die wir es uns schon so gemütlich eingerichtet haben!» wäre da ehrlicher.

Erstellt: 20.06.2019, 21:02 Uhr

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