15 Zentimeter pro Minute: So rasant wurde das Haus verschoben

Spektakuläre Züglete in Kilchberg: Die 1800-Tonnen-Villa Blumenthal wurde 23 Meter Richtung Zürich geschoben.

Zeitzraffer: Die Villa hat ihr altes «Bett» verlassen und ist innert gut drei Stunden am Ziel angekommen. Video: Webcam/Tamedia

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2,5 bis 3 Meter pro Stunde: So schnell sollte es gehen. Doch weil alles gut vorbereitet war, ein Test am Montag positiv verlief und heute Mittwochmorgen keine Probleme auftauchten, bewegte sich das Gebäude auf seinem 23 Meter langen Weg bald mit deutlich höherem Tempo. «Wir wollen die Hydraulik nicht künstlich bremsen, wenns gut läuft», sagte vor Ort Kurt Brülhart, Geschäftsleiter der Iten AG, welche die Verschiebung durchführt.

Um 9.15 Uhr war der Startschuss (oder -stoss) für die mehrgeschossige Villa Blumenthal in Kilchberg gewesen (hier gehts zur Webcam). Und um 12.30 Uhr kam das Haus am Bestimmungsort an – oder fast. Die letzten zwei Meter wurden nach einer Pause am späteren Nachmittag im Beisein von Gästen absolviert. Die Geschwindigkeit betrug also durchschnittlich rund 9 Meter in der Stunde oder gut 15 Zentimeter in der Minute.

Das 1800 Tonnen schwere Gebäude wurde auf sieben Vorschubbahnen in Richtung Zürcher Stadtgrenze bewegt und erhält eine neue Hausnummer: Seestrasse 160 statt 162.

Bilder der Villa Blumenthal und des neuen Nachbarhauses:

Die Kraft kam von zwei grossen Pressen, welche je einen Druck von 300 Bar schaffen. Anders ausgedrückt: Sie könnten das Wasser eines Springbrunnens 3 Kilometer hoch in die Luft befördern. Die Pressen sind an einem sogenannten Flattermax angemacht. Dieser wird immer wieder auf den Schienen verschoben, damit die Presse mit ihrer Hydraulik von Neuem drücken kann.

Flattermax und Hydraulikpresse schieben das Haus seeabwärts. Foto: Pascal Unternährer

Gemäss Spezialist Brülhart ist das grösste Risiko jeweils die Stabilität des Hauses. Sie muss gewährleistet und muss daher genauestens im Auge behalten werden. Die grösste Herausforderung war in diesem Fall der Transport des schönen Gewölbekellers. Die Stützen der Rundbögen wurden abgesägt und hingen während der Verschiebung wie Kerzen nach unten. Nach der Ankunft werden die Stützen wieder verlängert und neu verputzt, so dass am Ende keine Spuren übrig bleiben.

Die Verschiebungsaktion war der Höhepunkt eines grösseren Unternehmens: In den letzten sieben Monaten ist zuerst das Untergeschoss mit einem horizontalen Schnitt freigelegt worden. «Wir haben es abgefräst und auf Stelzen gestellt», sagte Brülhart. Darauf wurden die tragenden Aussenwände abgebrochen und durch sogenannte Stahlabfangungen ersetzt. Das sind Stahlrohre, welche das Haus wie ein Geschenkband umfassen und leicht zusammendrücken.

Dann wurden die Vorschubbahnen unter das Gebäude verlegt und Letzteres angehoben. Für die Firma Iten ist eine Hausverschiebung Routine: Die Firma hat bereits 500 ähnliche Aktionen hinter sich, allesamt in der Schweiz, davon aber nur sechs im Kanton Zürich.

Nun können die Instandsetzungsarbeiten begonnen werden. In der 1837 erstellten Villa Blumenthal – vormals Haus Blumenthal – entstehen drei Wohnungen und auf zwei Etagen Gewerberäume. Dabei sollen Elemente des Biedermeiers wieder freigelegt werden.

Villa sollte abgebrochen werden

Die Verschiebung ist das Resultat eines Kompromisses nach zähen Auseinandersetzungen. Ursprünglich wollte die Land- und Hauseigentümerin, die Firma Osterwalder, die denkmalgeschützte Villa abbrechen und durch ein Mehrfamilienhaus ersetzen. Doch wehrten sich Anwohner und der Zürcher Heimatschutz gegen den Abbruch.

Es brauchte mehrere Gerichtsentscheide, bis man zur heutigen Lösung fand. «Wir haben das Projekt völlig neu denken müssen», erzählt Michael Doswald von der Osterwalder Immobilien AG. Denn die Villa stand zwischen zwei Häusern, deren Grundstücke zu klein waren, um sie durch ein grösseres Gebäude zu ersetzen. Es kam nur eine Verschiebung in Frage. «Jetzt freuen wir uns, dass alles wunderbar geklappt hat», sagte Doswald nach der Mammutaktion.

Die Villa Blumenthal wird nach Norden verschoben, das auf dem Satellitenbild noch stehende Haus wurde bereits abgerissen.

Die Garage und das Haus an den beiden Flanken der Villa sind inzwischen ebenso abgebrochen worden wie die Avia-Tankstelle, welche die Villa jahrelang verstellte. Durch die Verschiebung, die allein 900'000 Franken kostet, entsteht nun der Platz für einen Neubau mit sieben Wohnungen, den Fischer Architekten aus Zürich verantworten. Das Mehrfamilienhaus, das sich architektonisch an die Villa anlehnt und im Herbst 2020 bezugsbereit sein sollte, wird die alte Adresse der Villa übernehmen.

Insgesamt investiert die Osterwalder AG 10,4 Millionen Franken ins Projekt. Davon entfallen 5,3 Millionen auf den Neubau und 2,8 Millionen auf die Sanierung der alten Villa. Die Vermietung der Villa beginnt im Dezember 2019, die Wohnungen werden laut Doswald zwischen 3100 und 4500 Franken im Monat kosten.

Die Villa des Löwen-Wirts

Architekt Timo Allemann blickte kurz zurück in der Geschichte des Gebäudes. Es bildet zusammen mit dem Gasthaus Löwen, das sich quer auf der anderen Seite der Seestrasse befindet, den eigentlichen Kern Kilchbergs. Dieser Ortsteil, Bendlikon mit Namen, ist gar älter als das Dorf. Er wurde 1153 erstmals erwähnt, 100 Jahre vor Kilchberg. Gebaut hat die Villa 1837/38 Heinrich Scheller, Wirt des Löwen und Gemeindepräsident Kilchbergs. Damals gab es noch keine Seestrasse. Und als sie zwischen Gasthaus und Villa gebaut wurde, erhoffte sich Scheller noch mehr Gäste in seinem Lokal.

Das Haus im klassizistischen Stil bezeichnete Allemann als «auch für die damalige Zeit pompös». Weil es nun näher zum «Löwen» geschoben wurde, gehe das Gebäude gewissermassen zurück zu den Wurzeln.

Wie damals in Oerlikon

Die heutige Verschiebungsaktion in Kilchberg erinnert an die Verschiebung des MFO-Gebäudes in Zürich-Oerlikon. 2012 wurde das ehemalige ABB-Haus – ebenfalls von der Firma Iten – um 60 Meter verschoben, um einem Gleis am Bahnhof Oerlikon Platz zu machen.

Zeitraffer der Verschiebung des MFO-Gebäudes in Zürich-Oerlikon im Jahr 2012.

Erstellt: 21.08.2019, 09:29 Uhr

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