«Für Silvia Steiner gäbe es noch eine knappe 4»

Lilo Lätzsch gibt das Präsidium des Lehrerverbandes ab. Zum Abschied spricht sie über Ansprüche von Eltern – und verteilt den Regierungsräten Noten.

«Die Lehrer sind von der Kanzel gestiegen – ich finde das gut so», sagt Lilo Lätzsch über den Wandel in ihrem Beruf. Foto: Raisa Durandi

«Die Lehrer sind von der Kanzel gestiegen – ich finde das gut so», sagt Lilo Lätzsch über den Wandel in ihrem Beruf. Foto: Raisa Durandi

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Sie kommen gerade vom Hüten Ihrer Grosskinder. Wird das Ihre neue Haupttätigkeit?
Sicher nicht, aber ich mache es gern.

Sie haben Ihr Leben praktisch im Schulzimmer verbracht. Wie hat sich der Lehrerberuf in all den Jahren verändert?
Bildlich gesprochen ist der Lehrer von der Kanzel gestiegen. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht mehr die unangefochtenen Autoritätspersonen. Ich finde das gut, denn auch Lehrerinnen und Lehrer sind Suchende. Ich weiss zum Beispiel bis heute nicht, wie man perfekt unterrichtet. Ich bin überzeugt, dass es das berühmte Patentrezept nicht gibt.

Dennoch: Was braucht es, um im Lehrerberuf erfolgreich zu sein?
Man muss Kinder begeistern können, sollte neugierig sein und interessiert, was in der Welt passiert.Ich bin Sekundarlehrerin und finde es spannend, welche Entwicklungsschritte die Jungen ­machen. Die Pubertät ist keine einfache Zeit. Ich freue mich aber sehr, wenn ehemalige Schüler zum Beispiel zu mir kommen und von früher erzählen. Das empfinde ich als echte Wertschätzung.

Gibt es Tricks, wie man Jugendliche für den Schulstoff begeistert?
Wichtig ist, dass man einen Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen herstellt. Wir nehmen derzeit das Thema Leasing durch. Da kommt demnächst ein Betreibungsbeamter und sagt, was geschieht, wenn man den Konsumkredit überzieht. Das interessiert die Schülerinnen und Schüler. Wenn sie den ganzen Tag nur mich sehen, ist das ein bisschen langweilig. Ich frage häufig Ehemalige, ob sie aus der Lehre berichten. Mein Trick ist, die Welt ins Schulzimmer zu holen.

Als Sie vor 40 Jahren Lehrerin wurden, waren Sie eine Exotin.
Als ich am ersten Tag an der Lehrerzimmertür geklopft habe, hat mich der Lehrer für eine Schülerin gehalten und mich vor der Tür warten lassen. Damals waren Hierarchien noch sichtbar, die Sekundarlehrer trugen Krawatte und Jackett, die Reallehrer Arbeiter-Schürzen.

Ich wollte sagen, Sie seien als Frau eine Exotin gewesen.
Das auch. Allerdings durften Frauen 1977 schon ins Lehrerzimmer, und sie durften sich auch an Sitzungen zu Wort melden. Aber man schätzte es nicht sehr, wenn die Frauen etwas gesagt haben – kein Hinderungsgrund für mich!

Die Frauen waren nur geduldet?
Ja. Einige Jahre vor meiner Zeit gab es im Schulhaus Hofacker noch ein separates Zimmer für Lehrerinnen.

Unterdessen sind die Männer in den Lehrerzimmern die Exoten.
Bei uns gibt es auch nur noch einen Mann – ein Exot unter sechs Frauen.

In den Lehrerverbänden ist das anders: Es gibt noch sehr viele Männer in führenden Positionen.
Das wundert mich. Ich werde an der Spitze des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes voraussichtlich auch von einem Mann abgelöst. Frauen haben oft einen sogenannten Karriereknick, wenn sie Kinder haben. Frauen expo­nieren sich wohl auch weniger gern.

Aber Mädchen werden heute doch zu mehr Selbstbewusstsein erzogen?
Ich finde nicht, dass sich die Geschlechterrollen im Unterricht in den letzten 40 Jahren gross geändert haben. Das hängt wohl auch mit den Lehrpersonen zusammen. Ich lasse mich im Unterricht regelmässig beobachten. Dabei ist he­rausgekommen, dass ich eher Knaben aufrufe, auch wenn ich das nicht will.

Welche Folgen hat die Feminisierung für den Lehrerberuf?
Ich hasse dieses Wort, weil es negativ ­besetzt ist. Der Lehrerberuf ist gleich spannend für Männer und Frauen.

Dass es in der Schule immer mehr Frauen gibt, ist aber eine Tatsache. Welche Folgen hat das?
Es ist schlecht für Kinder, wenn sie im Alltag kaum Männer erleben. Es hat auch standespolitische Folgen. Man weiss zum Beispiel, dass Frauen bei Arbeitszeituntersuchungen weniger aufschreiben als Männer. So verbessern sich auch die Arbeitsbedingungen nicht.

Braucht es Männerquoten?
Auf keinen Fall. Man muss den Männern einfach zeigen, dass Lehrer auch für sie ein attraktiver Beruf ist.

«Die Realität mit unmotivierten Jugendlichen ist für viele bitter.»

Immer wieder hört man Geschichten von ausgebrannten Lehrerinnen und Lehrern. Woran liegt es, dass so viele Junge den Beruf an den Nagel hängen?
Lehrer und Lehrerinnen werden nicht häufiger krank als andere Berufsleute. Aber es ist so, dass relativ viele Junge den Lehrerberuf rasch wieder aufgeben. Womöglich sehen sie ihren Beruf in der Ausbildung zu paradiesisch. Die Realität in den Schulzimmern mit unmotivierten Jugendlichen ist für viele bitter.

Haben die Jungen heute eine tiefere Frustrationstoleranz?
Vielleicht. Es könnte auch sein, dass die Herausforderung für junge Lehrerinnen und Lehrer heute grösser ist, etwa in der Elternarbeit. Wenn eine 24-jährige Junglehrerin anspruchsvollen 40-jährigen Eltern gegenübersitzt, ist das schwierig.

Früher gab es auch Elterngespräche.
Schon, aber viel weniger häufig und der Respekt war einiges grösser.

Sie haben 40 Jahre durchgehalten. Was ist Ihr Geheimnis?
Ich musste meine Arbeit am Anfang auch etwas anpassen. Ich habe Primarlehrerin gelernt, merkte aber, dass ich dafür ungeeignet bin. Ich bin zu ungeduldig für Kinderkram. Ich kann zwar viel Empathie für meine Enkelkinder aufbringen, aber nicht für meine kleinen Schülerinnen und Schüler. So habe ich mich zur Sekundarlehrerin weitergebildet. Hier kann ich auch mal einen Witz machen, den die Jugendlichen verstehen. Ich merkte auch, dass mich der Beruf nicht ganz ausfüllen kann. Deshalb mache ich Verbandsarbeit und bin Stiftungsrätin in der BVK-Pensionskasse.

Wie sehr leiden die Lehrer unter der Integration von schwierigen und schwachen Schülern?
Ich glaube, die Ansprüche sind heute zu hoch, insbesondere was die Individualisierung im Unterricht betrifft. Ich kann nicht für 25 Jugendliche ein separates Schulprogramm anbieten. Aber ich kann drei verschiedene Programme machen, auch wenn das anstrengend ist.

Und die schwierigen Schüler?
Ich bin für die Integration, aber es ist die grösste Herausforderung. Meine Strategie ist das Gespräch – mit dem Schüler und den Eltern. Bei mir gibt es auch Strafen. Wer Regeln übertritt, muss zum ­Beispiel eine Stunde früher kommen. Aber die Integration hat Grenzen.

Wo sind diese Grenzen?
Wenn ein Schüler oder eine Schülerin das Lernen der Klasse verunmöglicht und die Freude zerstört. Wenn das der Fall ist, muss es schnell zur Trennung kommen. Sie muss aber nicht für alle Unterrichtsstunden gelten. In gewissen ist der Jugendliche vielleicht tragbar.

In den Schulhäusern Bungertwies in Zürich und Brühlberg in Winterthur gibt es einen Lehrer-Exodus und Elternproteste gegen die Leitung. Sind das Einzelfälle, oder spiegeln sie ein grundsätzliches Problem?
Es könnte ein grundsätzliches Problem sein. Im Kanton Zürich wurden Schul­leitungen eingeführt. Auf einmal mussten fast 800 Schulleiter her. Es ist klar, dass es ungeeignete Leiterinnen und Leiter gibt. Darum gibt es viele Wechsel.

Wo liegt denn das Problem?
Schulleiter und Lehrer sind zwei unterschiedliche Jobs. Ein Lehrer sollte nicht einfach aus Karrieregründen Schulleiter werden. Der Leiter übernimmt die Verantwortung für eine Schule. Das ist etwas anderes als die pädagogische Verantwortung für eine Klasse. Gute Lehrer sollten einfach Lehrer bleiben.

Im Bungertwies und im Brühlberg gibt es Probleme mit Eltern. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit?
In 40 Jahren erlebte ich zwei Fälle, bei denen Eltern mit dem Anwalt drohten. Das ist zwar wenig, aber es war belastend. Trotzdem fördert eine gute Elternarbeit die Qualität der Schule. Eltern sollen ihre Kinder begleiten. Wenn sie das tun, merken sie, wenn etwas nicht so gut läuft. Eltern müssen aber nicht mich begleiten und sollten sich aus meiner Planung und dem Unterricht raushalten.

Welches ist Ihr grösster Erfolg als Verbandspräsidentin?
Eindeutig die Lohnrevision 2010. Mit ihr sind unsere Löhne interkantonal wieder konkurrenzfähig geworden, und sie garantiert uns regelmässig Lohnaufstiege.

Warum haben Sie dann kurz nach dieser Lohnrevision noch fünf Prozent mehr Lohn gefordert?
Dafür habe ich von der «Schweizer Illustrierten» einen Kaktus bekommen – wahrscheinlich zu Recht. (lacht) Trotzdem würde ich es womöglich wieder tun, als Verbandspräsidentin muss man hie und da einen Pflock einschlagen. Damals ist es dem Staat gut gegangen. Vielleicht habe ich unsere Position überschätzt. Die Folge war dann die Schlagzeile im «Tages-Anzeiger»: «Mehr ver­dienen, weniger arbeiten.»

Zum Schluss machen wir noch ein Zeugnis. Welche Note bekommen die Lehrpersonen für ihre Arbeit?
Eine 5.

Was fehlt für die 6?
Ein Teil der Lehrpersonen müsste offener und neugieriger werden.

Sie haben unter vier Bildungsdirektoren gearbeitet. Welche Noten erhalten diese?
Für Alfred Gilgen gibt es eine 4 bis 5. Er war beharrlich, aber auch stur. Ernst Buschor bekommt nur eine 4. Er hat sich durch sein Management by Heli­kopter ausgezeichnet. Er hat alles auf­gemischt und wenig erreicht. Regine Aeppli bekommt eine –5. Sie hatte eine schwierige Aufgabe. Sie musste umsetzen, was Buschor begonnen hatte. Zudem fehlten ihr die Mittel. Darum war es ein Knorz, den Aeppli nur bedingt selber verursacht hatte. Silvia Steiner hätte ich vor kurzem noch eine –6 gegeben. Sie hat mit uns sehr gut kommuniziert. In jüngster Zeit hat sie ihre gute Note aber mit komischen Entscheiden zu den Arbeitsbedingungen und in Lohnfragen verspielt. Jetzt gäbe es noch eine knappe 4, was unter dem Strich noch fast eine 5 ergäbe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 22:22 Uhr

Lilo Lätzsch

Kämpferin für die Lehrerschaft

Die 64-jährige Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen und Lehrerverbands (ZLV), Lilo Lätzsch, tritt auf Ende Jahr zurück. Sie führt den Verband seit 2006 und ist als dessen Präsidentin mit ihrem hartnäckigen Kampf für bessere Arbeitsbedingungen für die Lehrerschaft über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt geworden. Lätzsch ist Sekundar­lehrerin im Schulhaus Neumünster im städtischen Schulkreis Zürichberg und wird mit reduziertem Pensum über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Zudem kandidiert sie für eine weitere Amtszeit als Stiftungsrätin der Pensionskasse BVK. Derzeit ist sie Präsidentin des Gremiums. Lätzsch ist Mitglied der FDP und die Tochter des ehe­maligen FDP-Stadtrates Ernst Bieri. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern. (sch)

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