«In Zürich steigt die Motivation für den Militärdienst»

Die Weltlage spiele der Armee in die Hände, sagt der Kommandant am Rekrutierungszentrum in Rüti ZH. Trotzdem ärgern ihn gewisse junge Männer.

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Wie schätzen Sie die Motivation der heutigen Stellungspflichtigen ein?
Sehr hoch. Die meisten Jungen wollen Militärdienst leisten. Viele sehen einen Sinn in der Armee und wollen ihren Beitrag dazu leisten. Ich würde sogar sagen, dass die Motivation derzeit ansteigt.

Worauf führen Sie das zurück? Auf die Weltlage. Terroranschläge sind ein Thema. Die Zukunftsaussichten sind für viele Jugendliche unklar, auch wenn sie einen Beruf erlernt haben. Die Jobs sind auch in der Schweiz unsicherer geworden, die AHV ist in Gefahr. Dies wird auch im neusten sicherheitspolitischen Bericht bestätigt. Demnach finden über 70 Prozent der Jungen die Armee sinnvoll.

Gibt es Berufsgruppen, wo die Skepsis gegenüber der Armee besonders gross ist?
Das würde ich nicht sagen.

Gibt es Unterschiede zwischen Lehrlingen und Maturanden?
Ich spüre keinen Unterschied. Unterschiede gibts eher bei den Einteilungswünschen. Handwerker aus dem Thurgau möchten zum Beispiel eher Lastwagenfahrer werden als Schüler aus Zürich. Es gibt eine Studie der Uni Zürich, die überprüft hat, ob die Diensttauglichkeit mit der politischen Einstellung etwas zu tun hat. Es gibt zwar kleine Unterschiede, doch mehr ins Gewicht fällt der Zeitpunkt der Rekrutierung. Je später dieser ist, desto eher ist der Kandidat dienstuntauglich.

«Wenn sich einer als Bettnässer ausgibt, können wir ihm im Rekrutierungszentrum Plastikeinlagen anbieten.»Oberst Andreas Münchbach

Wie schaffen Sie es, Männer in die Armee zu bringen, die vor allem auf ihre zivile Ausbildung setzen?
Seit Anfang Jahr bieten wir zum Beispiel angehenden höheren Unteroffizieren und Offizieren Ausbildungsgutschriften von rund 10'000 Franken, die wir auf ein virtuelles Konto zahlen. Dieses Geld können sie nach dem Militärdienst für ihre weitere Ausbildung brauchen. Es gibt auch Universitäten, wie jene in St. Gallen, in Luzern oder teilweise auch die ETH, die ihren Studenten ECTS-Punkte gutschreiben, wenn sie in der Armee eine Führungsausbildung machen.

Welche Strategien haben jene Stellungspflichtigen, die keinen Militärdienst machen wollen?
Es gibt viel mehr Stellungspflichtige, die frustriert sind, weil sie untauglich sind, als umgekehrt. Aber natürlich gibt es auch Männer, die sich drücken wollen. Doch unser Chefpsychologe Felix Hof hat viel Erfahrung und lässt sich nicht so leicht täuschen.

Und was ist mit den vermeintlichen Bettnässern und Schlafwandlern?
Wenn sich einer als Bettnässer ausgibt, können wir ihm im Rekrutierungszentrum Plastikeinlagen anbieten. Bei Schlafwandlern hat schon ein Anruf zu Hause genügt, um den Schwindel zu lüften. Bei solchen Ausreden gibt es Trends, die gehäuft auftreten und ebenso schnell wieder verschwinden. Offensichtlich spricht es sich in den Berufsschulen herum, dass sie in Rüti wenig bringen.

Die militärische Führung klagt, man könne nicht genug Personal rekrutieren. Weshalb gelingt dies trotz Halbierung der Armee nicht?
Wir rekrutieren genügend Soldaten. Das Problem ist, dass wir zu wenige von ihnen bis zum Ende ihrer Dienstzeit halten können. Die einen bekommen medizinische Probleme, die anderen leisten lieber Zivildienst als Militär, andere wandern aus.

Und der Zivildienst ist das grösste Problem?
Eindeutig. Dieser Dienst wurde geschaffen für Männer, die aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten können. Doch heute wechseln sehr viele Soldaten nicht aus Gewissensgründen in den Zivildienst, sondern aus Bequemlichkeit. Sie wollen zum Beispiel zu Hause schlafen, den Zeitpunkt ihres Dienstes selber festlegen oder während des Dienstes in die Ferien gehen.

Vielleicht vertragen sie einfach den Kasernenton schlecht?
Da wird von den Vätern häufig ein veraltetes Bild der Armee überliefert. Dies ist heute viel besser als früher.

Könnte man die Armee nicht attraktiver machen?
Es ist grundsätzlich nicht attraktiv, bei minus 20 Grad Nachtwache zu schieben. Aber wir versuchen uns zu verbessern. Seit kurzem mit dem Projekt Progress, mit dem wir den Rekruten den Einstieg ins militärische Leben erleichtern wollen. Man muss ja mit ihnen nicht als Erstes einen Marsch in den Kampfstiefeln durchführen. Ein Rekrut muss seine volle Leistung erst nach 18 Wochen bringen und nicht schon am ersten Tag. Im Progress-Leitfaden wird der Trainingsaufbau beschrieben. Es gibt Anweisungen zum Umgangston, zu den Pausenregelungen.

«Ich würde es sehr begrüssen, wenn wir in der Armee mehr Frauen hätten.»Oberst Andreas Münchbach

Die Schweizer Armee wird von 220'000 auf 100'000 Mann verkleinert. Was bedeutet das in Rüti für Sie als Rekrutierungsoffizier?
Für mich ändert sich kaum etwas. Da der einzelne Soldat weniger Diensttage leisten muss und somit weniger lang in der Armee ist, braucht es am Ende in etwa gleich viele Männer, die Militärdienst leisten.

Wie viele Soldaten müssen Sie in Rüti für den Militärdienst liefern, damit der Bestand der Armee erreicht wird?
Ich kann ihnen keine Zahl nennen, da der Entscheid über die Tauglichkeit von unseren Ärzten gefällt wird. Aber erfahrungsgemäss sind rund 70 Prozent der Stellungspflichtigen militärdiensttauglich.

Früher brauchte die Armee vor allem kräftige Infanteristen. Wie sieht es heute aus?
Die Infanterie ist immer noch der grösste Teil der Armee. Aber heute brauchen wir mehr Personal für unterstützende Dienste. Logistik, Kommunikation und vor allem auch Sanität. Sie ist wegen ziviler Rettungseinsätze, wie jener nach dem Bergsturz in Bondo, wichtiger geworden. Dazu kommen in Katastrophenfällen auch Schutz vor Plünderungen. Dafür eignen sich dann wieder die kräftigen Infanteristen am besten.


Video: Armee schaufelt Häuser frei

Aufnahmen während der Aufräumarbeiten im Bergsturzgebiet rund um Bondo im Oktober 2017. Video: Tamedia


Gibt es Stellungspflichtige, die Sie in der Armee nicht brauchen können, zum Beispiel unsportliche Männer?
Wir können auch die Unsportlichen brauchen. Sie versuchen wir in Bereiche der Armee zu bringen, wo sie ihre beruflichen Fähigkeiten ausspielen können. Wir haben 250 verschiedene Chargen, die wir unseren Stellungspflichtigen anbieten können. Das ist ein Vorteil der Schweizer Milizarmee, unsere Soldaten treten ausgebildet bei uns ein. Ausländische Berufsarmeen müssen ihr Personal zuerst ausbilden oder teuer einkaufen. Ich war im Armeeeinsatz an der Euro 08 und hatte den Informatikchef der Swisscom in meinem Stabsteil. Der hat mir das gesamte elektronische Sicherheitskonzept gemacht. Das könnte man kaum zahlen, wenn man so etwas kaufen müsste.

Könnten die Frauen helfen, den vollen Armeebestand zu erreichen?
Kaum. Das würde höchstens ändern, wenn die Dienstpflicht auf die Frauen ausgedehnt würde.

Was halten sie persönlich von einer allgemeinen Wehrpflicht für Frauen?
Das ist politisch kaum durchsetzbar. Bevor es in der zivilen Gesellschaft keine Lohngleichheit gibt, sind Frauen nicht dazu bereit. Aber ich würde es sehr begrüssen, wenn wir in der Armee mehr Frauen hätten. Aus eigener Erfahrung weiss ich, mit Frauen verbessert sich der Umgangston unter den Männern. Zudem geraten Männer unter Druck, weil Frauen in der Regel überdurchschnittlichen Einsatz zeigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2018, 11:58 Uhr

Andreas Münchbach

Oberst und Kommandant am Rekrutierungszentrum in Rüti Zürich.

Die Rekrutierung in Rüti ZH

In Rüti begutachtete die Armee jährlich zwischen 8000 und 9000 Männer. Dazu kommen etwa 2000 Spezialfälle, Nachrekrutierungen, Zurückgestellte aus medizinischen Gründen und Kader, die beurteilt werden.

Es gibt Gebrechen, die automatisch zur Untauglichkeit führen. Die sind alle in einem Katalog aufgeführt. Ausschlaggebend sind versicherungstechnische Gründe. Wenn bei der Rekrutierung ein Mann mit Rückenbeschwerden in die Infanterie eingeteilt würde, riskierte die Armee, dass am Ende keine Versicherung bezahlt, wenn sich der Soldat im Einsatz einen Rückenschaden zuzieht. (sch)

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