Integrierte Schule – und dann?

Kindern, die integrativ geschult wurden, fällt die Lehrstellensuche oft besonders schwer. Viele bekommen zu spät Unterstützung. Das müsste nicht sein.

Carole Widmer bei der Arbeit in der Küche im Alterszentrum Limmat. Foto: Sabina Bobst

Carole Widmer bei der Arbeit in der Küche im Alterszentrum Limmat. Foto: Sabina Bobst

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Carole Widmer steht in der Küche im Alterszentrum Limmat und schaut interessiert Küchenchef Beat Schläppi zu. Der zeigt ihr, wie man Fenchel rüstet – und fragt sie nebenbei: «Weisst du, wie Fenchel wächst? Was denkst du: über oder unter dem Boden?» Carole weiss es nicht, Schläppi erklärt. Dann darf die Fünfzehnjährige tun, was sie am liebsten tut: anpacken. Innert kürzester Zeit hat sie eine Kiste Fenchel gerüstet. Später zeigt sie der Journalistin stolz einen Ordner, in dem sie fein säuberlich für jeden Arbeitstag beschreibt, was sie gemacht und gelernt hat. «Heute habe ich Birchermüesli gemacht», steht da, oder «ich durfte die Zutaten in die Suppe geben und rühren». Carole strahlt. Sie hat ihren Traumberuf gefunden.

«Carole ist super», schwärmt der Küchenchef. «Kürzlich habe ich zwei Stunden lang Pralinés mit ihr gemacht, das hält kein Lehrling durch, aber sie war bis zum Schluss dabei.» Carole ist erst in der zweiten Sek; in Beat Schläppis Küche arbeitet sie seit März einen halben Tag pro Woche. Es ist ein spezielles Arrangement, das ihr den Start ins Berufsleben erleichtern soll. Ab Sommer darf sie auf einen Tag pro Woche aufstocken. Ziel ist es, dass sie im Sommer 2018 eine Attestlehre bei Schläppi beginnen kann. Der sagt: «Sie kann das packen.»

Carole ist ein einfacher Start ins Berufsleben nicht in die Wiege gelegt worden. Die Primarschule schaffte sie gerade so dank integrativen Fördermassnahmen. «Ich habe gelernt und gelernt, aber es hat nie für gute Noten gereicht», sagt sie. Die Sek absolviert sie an der Freien Oberstufenschule Zürich, einer Privatschule, die Kinder mit Beeinträchtigungen aufnimmt – in der Regelschule gilt sie als «nicht mehr beschulbar». Carole ist ein fröhliches Mädchen, aber beim Lernen beeinträchtigt.

«Wir sind immer zu spät»

Kinder wie Carole gibt es in der Volksschule Hunderte. Sie haben kognitive Einschränkungen, körperliche Handi­caps, sind psychisch labil oder in ihrer Entwicklung verzögert. Seit mehr als zehn Jahren besuchen solche Kinder, falls irgend möglich, die Regelschule. Aktuell werden im Kanton Zürich allein auf der Sekundarstufe über 700 Kinder integrativ geschult – Tendenz steigend.

«Die Zahl jener, die bei der Lehrstellensuche aus dem einen oder  anderen Grund betreut werden müssen, steigt.»Dani Kachel, Präsident Sek ZH

Erklärtes politisches Ziel ist es, dass diese Kinder ihr Leben später möglichst selbstständig meistern können, ohne von einer IV-Rente abhängig zu werden. Dazu gehört auch, dass sie einen Beruf erlernen können. Dennoch stehen viele dieser Kinder vor einer fast unlösbaren Aufgabe, wenn sich ihre Schulzeit dem Ende zuneigt. «So schön die integrative Förderung ist, der Übergang ins Berufsleben ist zu wenig durchdacht und klappt oft nicht auf Anhieb», sagt Nicole Bussmann Cal. «Der Fokus liegt zu sehr auf Zusatzschleifen wie dem zehnten Schuljahr, einem Motivationssemester, einer Vorlehre oder einem Praktikum.»

Nicole Bussmann Cal redet aus Erfahrung. Sie ist Gründerin und Beraterin der Berufsbildneria, einer Firma, die unter anderem im Auftrag der IV Berufseinsteiger unterstützt. Seit Jahren begleitet die ausgebildete Lehrerin Jugendliche «mit besonderem Bedarf», wie es in der Fachsprache heisst, ins Berufsleben. Carole ist eine dieser Jugendlichen.

Bei ihrer Arbeit trifft Bussmann Cal immer wieder auf dasselbe Problem: «Wir kommen zu spät mit den Betroffenen in Kontakt.» Nichts gegen Brückenangebote, sagt sie, diese hätten durchaus ihren Sinn – für Jugendliche, die spezifische Schuldefizite, etwa im Deutsch, aufzuarbeiten hätten oder die noch überhaupt nicht bereit seien für eine Berufswahl. «Aber wenn jemand so wie Carole genau weiss, was sie oder er will, dann ist ein Zwischenjahr unnötig.» Hinzu komme, dass gerade kognitiv schwachen und schulmüden Jugendlichen ein weiteres Schuljahr oft wenig bringe: «Sie lernen kaum etwas dazu.» Dennoch gibt es immer wieder Jugend­liche, die nicht nur eines, sondern gar zwei weitere Schuljahre absolvieren, bevor sie eine Lehrstelle finden. Das ist teuer: Ein zusätzliches Schuljahr kostet schnell 25'000 Franken und mehr.

Bussmann Cal ist überzeugt: Es wäre vielen dieser Mädchen und Buben besser gedient, sie könnten schon in der Oberstufe erste Schritte ins Berufsleben machen und erste Erfahrungen sammeln. Zwar gibt es ein Projekt namens Lift, das genau dies vorsieht – aber dieses ist freiwillig, im Kanton Zürich machen erst gut 50 Schulen mit.

Auch Carole hätte wohl ein weiteres Schuljahr anhängen müssen, hätte ihr nicht der Zufall geholfen. Die Schule schickte das Mädchen und ihre Mutter schon früh in der zweiten Sek zur IV für eine Abklärung. Die Berufsberaterin dort ging versehentlich davon aus, dass Carole bereits in diesem Sommer aus der Schule käme, und gab Bussmann Cal den Auftrag, für Carole eine Lehrstelle zu suchen. Die packte die Gelegenheit: «Carole war die ideale Kandidatin, um auszuprobieren, was mir schon lang vorschwebt: ein früher, schrittweiser Einstieg ins Berufsleben.»

Mit dem Segen der IV

Dazu musste nicht nur die Schule ihren Segen geben, sondern auch die IV. Und die unterstützte die Idee gern. Was Jobcoach Bussmann Cal beobachtet, das sorge auch die IV, sagt Sprecherin Daniela Aloisi: «Es ist uns ein grosses Anliegen, möglichst vielen Schulabgängern mit gesundheitlichen Einschränkungen eine möglichst reibungslose Integration ins Berufsleben zu ermöglichen. Aber wir müssten die betroffenen Jugendlichen früher identifizieren können.»

Warum klappt das nicht? Aloisi und Bussmann Cal sehen mehrere Gründe. Zum einen fehlen der IV schlicht die Ressourcen, um selbst an den Schulen aktiv zu werden. Auf der anderen Seite fehlt jenen, die die betroffenen Kinder anmelden könnten, oft das Wissen. Auch dafür ist Carole ein gutes Beispiel. Ihre Eltern sind gut gebildet, der ältere Bruder fand problemlos eine Lehrstelle. «Aber bei Carole wussten wir nicht, wo anfangen und was für Möglichkeiten es für sie gibt», sagt ihre Mutter Melanie Gut. «Als uns die Schule empfahl, uns an die IV zu wenden, waren wir erst ziemlich entgeistert. Eine IV-Rente ist nicht das, was einem für sein Kind vorschwebt.»

Diese Reaktion kennen Bussmann Cal und Aloisi gut. Dass die IV immer mehr dafür da ist, Menschen die Integration ins Berufsleben zu ermöglichen – sei es eine Umschulung nach einer Erkrankung, sei es als Unterstützung bei der Erstausbildung –, das sei den wenigsten klar, sagt Daniela Aloisi. Und das, obwohl die IV mittlerweile jedes Jahr rund 1700 Jugendliche bei der Berufsbildung unterstützt. Und es werden Jahr für Jahr mehr. Noch 2009 waren es erst 900.

Lehrer haben kaum Kapazität

Es sind keineswegs nur Menschen wie Caroles Mutter Melanie Gut, die kaum Kenntnisse haben. Selbst Seklehrer und Heilpädagoginnen an den Oberstufen wissen wenig über Angebote wie das Jobcoaching. «Das hat ein laufendes ­Pilotprojekt in Sekundarschulen in der Stadt Zürich gezeigt», sagt Daniela Aloisi. Anders als in den Sonderschulen sind die Abläufe noch nicht eingespielt, vielen Lehrpersonen ist nicht klar, welche Jugendlichen bei der Berufsausbildung Anrecht auf Unterstützung durch einen IV-Jobcoach haben.

Dani Kachel, Präsident von Sek ZH, dem Verein Sekundarlehrkräfte des Kantons Zürich, sieht eine weitere Schwierigkeit: «Die Heterogenität in den Sekklassen nimmt extrem zu, die Zahl der Jugendlichen steigt, die bei der Lehrstellensuche aus dem einen oder anderen Grund intensiv betreut werden müssen. Die Gefahr ist gross, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen zwischen Stuhl und Bank fallen.» Zumal bei integrativ geförderten Kindern oft mehrere Fachleute wie Heilpädagogen, Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen involviert seien: Das brauche aufwendige Absprachen. Zudem seien die Zuständigkeiten oft unklar: Kümmert sich nun die Heilpädagogin um die Lehrstellensuche oder der Lehrer? Er fände deshalb eine frühzeitige Information und Begleitung durch die IV sinnvoll.

Für die Bildungsdirektion unter der politischen Führung von CVP-Regierungsrätin Silvia Steiner besteht kein Handlungsbedarf. Letztes Jahr habe sich für alle integriert geschulten Kinder nach der Sek eine Lösung gefunden, sagt Yvonne Kind, Leiterin der Stabsstelle Volksschulamt. Grundsätzlich verlaufe die Berufswahl dieser Mädchen und Buben gleich wie bei allen anderen. Sie verweist im Übrigen auf eine Broschüre des Amts mit dem Titel «Unterwegs ins Arbeitsleben. Berufswahl von Jugend­lichen mit besonderen Bedürfnissen».

Für Nicole Bussmann Cal ist es damit nicht getan. «Die Broschüre beschreibt einen idealtypischen Ablauf. Aber auf die Möglichkeiten eines IV-finanzierten Jobcoaching geht sie viel zu wenig ein. Wenn sich ein Lehrer daran hält, sind wir genau bei dem Problem, das wir immer wieder haben: Die IV wird erst Mitte dritter Sek involviert, oft erst dann, wenn das betroffene Kind keine Stelle findet. Dann bleibt nur ein Zwischenjahr, das oft nicht nötig wäre.»

Noch ist Carole ein Einzelfall. Bussmann Cal hofft, dass ihr Beispiel zum Modell wird für einen möglichen Weg, wie beeinträchtigte Buben und Mädchen eine Lehrstelle finden können.

Erstellt: 23.06.2017, 19:59 Uhr

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