Jacqueline Fehrs Islam-Streit auf Facebook

Die Zürcher Regierungsrätin greift auf Facebook den marokkanischen Atheisten Kacem El Ghazzali an. Der fühlt sich unverstanden.

Jacqueline Fehr entschuldigt sich, nimmt die Kritik aber nicht zurück. Bild: «Tages-Anzeiger»/Urs Jaudas

Jacqueline Fehr entschuldigt sich, nimmt die Kritik aber nicht zurück. Bild: «Tages-Anzeiger»/Urs Jaudas

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Der Streit entfachte sich am Sonntag. Der marokkanische Autor und Flüchtling Kacem El Ghazzali äusserte sich in einem Interview mit dem «Bund» kritisch gegenüber der Schweizer Linken sowie der Autonomen Schule und verurteilte die «Toleranz gegenüber der Intoleranz». Der 27-Jährige ist anerkannter Flüchtling in der Schweiz und erklärter Atheist. Er wurde in Marokko wegen seiner öffentlichen Religionskritik als Blogger verfolgt. Schweizer, gerade solche, die im Integrationskontext arbeiten, dürften sich nicht scheuen, Kritik am Islam zu üben, sagte er im Interview. Der «linke Kulturrelativismus», wie El Ghazzali es nennt, müsse zurückgebunden werden. Linke Kreise hätten die Tendenz, kulturelle Herausforderungen mit Muslimen nicht thematisieren zu wollen, was Integration verhindere.

SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr, gerade auf Studienreise in Berlin, stösst das Interview offensichtlich sauer auf. «Reicht es heute einfach, als Muslim gegen den Islam zu wettern, um als Experte zu gelten?», verschafft sie auf Facebook ihrem Ärger Luft und holt auch zum Schlag gegen die Medien aus: «Wieso überprüfen Journalistinnen und Journalisten die aufgestellten Behauptungen (zum Beispiel über das Verhalten der Autonomen Schule) nicht?»

Als «Gottloser» vergrault?

El Ghazzali hatte im Interview einen Vorfall geschildert, der sich in seiner Anfangszeit in der Schweiz bei einem Sprachkurs an der Autonomen Schule Zürich zugetragen haben soll. Zwei Mitschüler hätten sich beschwert, sie könnten nicht mit einem «Gottlosen» in einer Klasse sitzen, worauf die Schule gemäss El Ghazzali nicht adäquat beziehungsweise gar nicht reagiert habe.

Ebenfalls auf Facebook schlägt El Ghazzali zurück: «1. Möchten Sie mit Ihren Bemerkungen implizieren, dass meine Aussage über die Autonome Schule Zürich nicht der Wahrheit entspricht?», fragt er Justiz- und Polizeidirektorin Fehr öffentlich und: «2. Weshalb nennen Sie mich Muslim?»

«Inhaltsleere Behauptungen»

Auf Nachfrage gibt sich El Ghazzali enttäuscht, Frau Fehr nehme ihn als «Muslim» in einem ethnisierten Sinne wahr, und das sei «typisch für regressive Linke, Rechtspopulisten und Islamisten». «Für diese Leute bleibt ein als Muslim geborener Mensch immer ein Muslim, auch wenn er Atheist wird», sagt El Ghazzali.

«Dafür möchte ich mich entschuldigen.»Jacqueline Fehr

Diesen Vorwurf weist Jacqueline Fehr auf Anfrage weit von sich. «Ich nehme die Religionszugehörigkeit eben gerade nicht als einziges bestimmendes Identitätsmerkmal eines Menschen wahr», sagt sie. Dass sie El Ghazzali Muslim genannt habe, sei aber ein Fehler gewesen: «Dafür möchte ich mich entschuldigen. Mir ging es auch nicht um Herrn El Ghazzali als Person, sondern um die Berichterstattung generell», sagt sie. Den Facebook-Post hat sie entsprechend angepasst.

Für Fehr zielt aber die Kritik ins Leere: «Hier wird einseitig ein Tabu hochbeschworen, das überhaupt keines ist», sagt sie. «Islamkritik findet statt, Integration wird eingefordert, es gelten für alle die gleichen Regeln, und es gibt schlicht keinen Schonraum für Muslime in der Schweiz», sagt Fehr: «Diese Behauptung ist inhaltsleer, pauschal und soll bloss Aufmerksamkeit erregen.»

«Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir haben ein Problem mit Extremismus im Kleid des Salafismus und nicht ein Problem mit Muslimen.»

Jacqueline Fehr

Positive Meldungen wie die aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung, wonach die Integration der Muslime in der Schweiz eben sehr gut und erfolgreicher funktioniere als in den Nachbarländern, fänden in den Medien im Gegensatz dazu sehr wenig Platz, kritisiert Fehr. «Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir haben ein Problem mit Extremismus im Kleid des Salafismus und nicht ein Problem mit Muslimen. Dem sollten auch die Medien Rechnung tragen.»

Vorfall liegt zu weit zurück

Die SP-Justizministerin findet es zudem nicht gerecht, dass die freiwillige Leistung, die die Autonome Schule täglich erbringe, im Interview völlig unter den Teppich gekehrt werde: «Die Schule hat immerhin schon etlichen Menschen gratis Deutsch beigebracht», sagt Fehr.

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Die Autonome Schule Zürich (ASZ) distanziert sich von jeglicher Form von Diskriminierung: «Die ASZ setzt sich gegen jegliche Diskriminierung aufgrund von Glauben oder Nichtglauben ein und geht dabei schwierigen Diskussionen nicht aus dem Weg», sagt Michael Schmitz von der ASZ.

«Falls sich der Vorfall, den Herr Ghazzali im Interview beschreibt, tatsächlich so zugetragen hat, entspricht dies weder den Grundsätzen noch der üblichen Praxis.» Eine seriöse Beurteilung des Vorfalls sei aber nicht möglich, da er zu weit zurückliege und nicht mehr rekonstruierbar sei. «Insbesondere müssten die damaligen Moderierenden und Sekretariatsmitglieder, die Herr Ghazzali anspricht, ihre Sichtweise darlegen können», sagt Schmitz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 14:15 Uhr

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