«Es ist kein Problem, an Handys oder Drogen zu kommen»

Insassen schmuggeln immer wieder verbotene Gegenstände ins Gefängnis. Die Anstalt Pöschwies will jetzt eine Handy-Alarmanlage.

Mittels einer Detektionsanlage will man künftig verbotene Handys in der Pöschwies orten. Foto: Thomas Egli

Mittels einer Detektionsanlage will man künftig verbotene Handys in der Pöschwies orten. Foto: Thomas Egli

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Mobiltelefone gehören neben Drogen in Gefängnissen zu den beliebtesten Gütern. Sie sind nicht nur in der Untersuchungshaft, sondern auch im Vollzug verboten, weil man damit etwa die Flucht planen oder illegale Kinderpornografie konsumieren könnte. Viele Insassen wollen ­allerdings lediglich im Internet surfen oder uneingeschränkt Kontakt zu Angehörigen pflegen.

Entsprechend viel unternehmen sie, um an die begehrten Geräte ranzukommen. So wurden Mobiltelefone nachts über die Gefängnismauern geworfen, mit Drohnen darübergeflogen oder an Tauben geschnallt. Auch Angehörige oder Anwälte haben sie schon ins Gefängnis mitgebracht. Die allermeisten Telefone würden jedoch von Mitarbeitern in die Strafanstalten geschmuggelt, ist Sascha Campi überzeugt. Er sass fast sieben Jahre im Gefängnis und sagt, für ein Handy würde man bis zu 1000 Franken bezahlen. Ein anderer Mann, der momentan in der Strafanstalt Pöschwies sitzt, sagt: «Es ist überhaupt kein Problem, an Handys oder Drogen zu kommen.»

Korrupte Werkmeister

Campi berichtet in seinem Buch «Vom Fuchs zum Wolf. Eine ­Milieu-Halbweltgeschichte» vom Werkmeister der Wäscherei in der Pöschwies, der mit Handys und Drogen dealte, oder vom ­Sanitär, der gleich mit «einer ­Tasche voll unerlaubtem Zeug» erwischt wurde. «Es sind seltener Aufseher, die Dinge reinschmuggeln. Oft sind es korrupte Werkmeister, weil diese im Gegensatz zu Besuchern kaum kontrolliert werden», sagt Campi.

Überprüfen lassen sich diese Informationen kaum. Das Amt für Justizvollzug (JUV) kann diese Darstellung nicht bestätigen. Sprecherin Susanne Loacker sagt aber, Angestellte würden nur bei Verdacht genauer kontrolliert: «Routinemässige Kontrollen wären nicht verhältnismässig.»

Zudem weist sie darauf hin, dass man Mitarbeitende sorgfältig aussuche und Sicherheitschecks durchführe. Wie oft Handys gefunden werden, kann Loacker nicht sagen: «Wir führen darüber keine Statistik.» Das JUV sieht den Gebrauch von Mobiltelefonen in der Pöschwies aber seit längerer Zeit als Problem. Zwar werden regelmässig Zellen durchsucht oder mobile Detektoren eingesetzt, um Handys zu erkennen, doch das reicht nicht aus. «Seit Jahren wollten wir eine Mobile-/WLAN-Detektionsanlage einbauen. Nun ist es finanziell möglich, sie umzusetzen», sagt Loacker. Diese Anlage soll in jedem Zellenbereich Mobilgeräte entdecken. Dafür budgetiert das JUV rund 2,8 Millionen Franken. Im Frühling oder Sommer 2020 soll sie in Betrieb genommen werden. Momentan läuft noch die Ausschreibung für das Projekt. Eine solche Detektions­anlage zu installieren, ist relativ aufwendig. Mehrere Antennen müssen so im Gefängnis verteilt sein, dass sie Insassen nicht beschädigen können.

Zur Video-Überwachung soll nun eine Handy-Detektionsanlage kommen: Aufnahme aus Pöschwies. Foto: Keystone

Die Detektionsanlage, wie sie das Amt für Justizvollzug anschaffen will, entspricht dem modernsten Standard. Der ­Kanton Zürich betreibt zwölf Gefängnisse, deren Aufgaben­bereiche sich unterscheiden. Die Pöschwies bietet 400 Insassen Platz, die ­längere Strafen absitzen müssen. Da lohnt sich eine solche Detektionsanlage. In anderen Zürcher Gefängnissen kommen weiterhin mobile Detektionsgeräte zum Einsatz. Das neue Gefängnis im Polizei- und Justizzentrum wird auch mit einer entsprechenden Anlage ausgerüstet.

Aargau ist schon weiter

Die Justizvollzugsanstalt im aargauischen Lenzburg – von der Grösse her mit Pöschwies vergleichbar – installierte schon vor acht Jahren fast überall Sensoren, die bei einem eingeschalteten Handy Alarm auslösen. «Damit haben wir bisher ausgezeichnete Erfahrungen gemacht», sagt der Direktor Marcel Ruf. Die Anlage in Lenzburg kostete bisher rund 600'000 Franken.

Im Lauf der nächsten Monate schalte man neben den bisherigen GSM- und 4G-Frequenzen auch die 5G-Frequenzen auf. Der Schmuggel und der illegale Gebrauch von Handys sei in Lenzburg kein Thema mehr, sagt Ruf. Der Alltag habe sich entsprechend beruhigt. Zudem hätten die Kollegen in Bern Interesse an einer entsprechenden Anlage angemeldet. Im Januar berichtete die «Berner Zeitung» von den Plänen in der Justizvollzugsanstalt Thorberg. Dies werde aktuell geprüft, sagt die Berner Polizei- und Militärdirektion. Die Anlage könnte frühestens 2021 in Betrieb genommen werden.

Festnetztelefon für Insassen

Einen anderen Weg ging im vergangenen Jahr das Pariser Justizministerium. Es entschied, in fast allen Gefängniszellen ein Festnetztelefon zu installieren. So wollten die Behörden dem Handyschmuggel entgegenwirken. Insassen sollten Kontakt zu ihren Angehörigen pflegen und vier zuvor registrierte Nummern jederzeit anrufen können.

Eine ähnliche Forderung stellte im Sommer 2016 der Genfer Anwalt Nicola Meier: «Wenn Gefangene freien Zugang zu Handys hätten, was ihr gutes Recht ist, würde das die Gefahr von Korruption deutlich verringern», zitierte ihn «Le Matin Dimanche». Studien zeigten sogar, dass Insassen ein Handy sehr selten für kriminelle Zwecke missbrauchen würden.

Diese Forderung hat es in der Schweiz bisher allerdings schwer, wie nun auch das Aufrüsten in der Pöschwies zeigt.


TV, Spielkonsolen und PC sind eingeschränkt erlaubt

Was man in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies darf und was nicht, regelt unter anderem die Hausordnung. Beim Eintritt ins Gefängnis wird einem Insassen alles abgenommen, was nicht zum persönlichen Gebrauch gehört, wie etwa Schmuck, Schreibzeug oder kleinere Andenken. Er wird ärztlich untersucht und erhält Anstaltskleider sowie eine Notfallapotheke. Bargeld, das er beim Eintritt bei sich trägt, wird je zur Hälfte auf einem Sperr- und auf einem Freikonto gutgeschrieben.

Ein Insasse ist per Gesetz zur Arbeit verpflichtet. Bei entsprechender Eignung kann er auch eine Lehre absolvieren. Für die Arbeit erhält er zwischen 9 und 31 Franken pro Tag, AHV-Beiträge werden abgezogen. Es wird Schulunterricht angeboten, und weiterbilden kann sich ein Gefangener mit Büchern aus der Gefängnisbibliothek. Zur Unterhaltung kann er Musik-, TV-Geräte sowie die Spielkonsole PS2 mieten – ohne Games mit der Bezeichnung 18+. Zudem kann er für einen Zugang zum internen Mediennetz bezahlen. Es besteht aus Hard- und Software, welche die Direktion bestimmt, sowie einem persönlichen Speicherplatz von vier Gigabytes. Benutzerdaten und Dateien des Insassen sind persönlich und deshalb vor Zugriffen Unberechtigter passwortgeschützt. Private Computer sind verboten.

Ein Insasse darf mit einem Festnetztelefon für höchstens 160 Minuten oder 120 Franken pro Monat telefonieren. Besuch kann er einmal pro Woche für eine Stunde empfangen. Die Besucherinnen und Besucher müssen auf einer Liste mit maximal zwölf Personen erfasst sein. Pro Besuch sind mehr als vier Personen verboten. Besucher werden vorabgeklärt und vor Ort wie beim Sicherheitscheck am Flughafen kontrolliert. Drittpersonen können den Gefangenen Geld­beträge zukommen lassen, sofern sie Zweck und Herkunft plausibel nachweisen. Maximal 50 Franken pro Gabe werden auf das Freikonto gutgeschrieben. Höhere Beträge werden je zur Hälfte auf das Sperr- und das Freikonto bezahlt. Die Hausordnung untersagt den Insassen, sich gegenseitig Dinge abzu­kaufen, zu schenken, auszuleihen oder zu tauschen. Sie dürfen sich auch nicht gegenseitig Geld geben oder ausleihen.

Tritt jemand aus der Strafanstalt Pöschwies aus, werden dessen Zelle und das Mobiliar kontrolliert. Für allfällige Schäden kommt der ehemalige Insasse auf. Zudem muss er die Kleider wieder zurückgeben und erhält alles wieder zurück, was er beim Eintritt abgegeben hat. (zac)

Erstellt: 27.06.2019, 23:10 Uhr

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