«Jetzt hört man jeden Mückenschiss»

Nachtclubbetreiber Pierluigi «Luigi» Lionzo sagt, das einst berüchtigte Nachtleben im Niederdorf habe stark gelitten. Er bekomme den Eindruck, als wolle man es bewusst abwürgen.

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Herr Lionzo, das Niederdorf war lange Zeit ein Synonym für verruchte Schuppen wie Ihren. Wie läuft das Geschäft heute?
Danke für den «Schuppen» – das verruchte Dörfli ist passé. Seit drei, vier Jahren kommen vor allem nachts nur noch sehr wenige Leute. Weniger Passanten bedeuten weniger Gäste. Insgesamt ist es ein trauriges Bild.

Was ist passiert?
Schuld ist die Barriere, die die Stadt gegen die nächtlichen Autokolonnen der Freier errichtet hat, die sich wegen der Prostituierten in der Zähringerstrasse bildeten. Ein Problem, das die Stadt sich selbst einbrockte, indem sie den Strassenstrich als Fussgängerstrich ins Niederdorf verlagerte. Die Barriere hat die ganze Ausgangsszene destabilisiert. Wer heute mit dem Auto spontan hierherkommen will, muss wegen der Barriere weit weg nach einem Parkplatz suchen. Viele Gäste ab 35, einst die Stammkundschaft des Dörflis, lassen es deshalb bleiben und gehen direkt in den Kreis 4, wo sie dieses Problem kaum haben.

Wer in den Ausgang will, lässt das Auto vielleicht sowieso besser zu Hause.
Das Calypso ist bis um vier, fünf Uhr morgens geöffnet. Mit dem ÖV kommt man unter der Woche nur bis Mitternacht wieder nach Hause. Da wird es schwierig, gerade für Auswärtige, die den Tänzerinnen nachreisen. Übrigens kommen auch nicht alle hierher, um sich zu betrinken. Wer bei uns mit einer Tänzerin plaudern will, tut das nicht.

Könnte es nicht an Ihrem Geschäft liegen, dass die Leute wegbleiben?
Wenn es nur an unserem Geschäftsmodell liegen würde, wären die anderen Bars ja voll. Aber das ist nicht so. Alle Bars mit Nachtcafé-Bewilligung haben das gleiche Problem. Die machen jetzt zum Teil um Mitternacht oder früher zu. Der Akt zum Beispiel, das N-68, die Cana-Bar oder der Johanniter, der früher immer bis um zwei oder vier Uhr morgens geöffnet war.

Braucht das Niederdorf dieses Publikum überhaupt, das nach Mitternacht noch um die Häuser zieht?
Ich bin jetzt seit über dreissig Jahren hier – das Niederdorf ist nun mal ein Ausgangs- und Rotlichtquartier. Das bekräftigte auch der Stadtrat erst kürzlich wieder: Er schrieb, Zürich habe genug Ausgangsquartiere, und erwähnte explizit Langstrasse und Niederdorf.

Ist das Niederdorf wirklich noch ein Rotlichtquartier? Der 2013 überarbeitete Strichplan beschränkt die Prostitution auf die Zähringer- und die Häringstrasse.
Es ist immer noch eine Strichzone. Ich habe mich vor einem halben Jahr bei der Sittenpolizei erkundigt, weil immer wieder Prostituierte bei uns vor dem Lokal Kundschaft suchten und jeden ansprachen – «Schatzi, Schatzi». Das hat mich aufgeregt, weil es sonst irgendwann heisst: Prostitution vor dem Calypso. Aber man sagte mir, ich könne nichts machen, zwischen Mühlegasse und Central sei alles Strichzone.

Entschuldigen Sie, inwiefern ist Ihr Geschäft sauberer?
Wir bieten Unterhaltung und Erotikshows mit Tänzerinnen an, keine gewerbliche Prostitution – das ist ein Unterschied. Sicher ist das nicht der Traumjob einer Frau. Aber wenn eine Tänzerin wie bei uns im Normalfall 6000 bis 8000 Franken brutto verdient, dann muss sie sich nicht prostituieren. Ich will damit nicht sagen, dass sich keine zur Gelegenheitsprostitution überreden lässt, aber niemand ist dazu gezwungen.

Könnte dieses etwas angejahrt wirkende Geschäftsmodell ein Grund sein, weshalb andere Stripschuppen inzwischen aus dem Niederdorf verschwunden sind?
Das ist sicher ein Grund: Gäste, die nur Sex suchen, kommen nicht mehr zu uns, sondern besuchen eines der Grossbordelle rund um Zürich, die sogenannten Wellness-Püffer. Ein anderer Grund ist, dass die Striplokale nicht mehr rentierten wie früher und die Hauseigentümer zahlungskräftigere Mieter fanden.

Hat bei Ihnen noch nie jemand angeklopft?
Doch, aber der Hauseigentümer, der frühere Betreiber des Calypso, hat abgelehnt, aus Sorge ums Dörfli. Es geht jemand um, der die Liegenschaften abklopft – den Namen habe ich vergessen. Er macht grosszügige Offerten, weil er Boutiquen und grosse Firmen hier platzieren will. Das Renditedenken hat zugenommen, wir werden je länger, je mehr zu einer braven Einkaufs- und Flaniermeile.

Wie hat sich das Niederdorf sonst verändert?
Unter den Gastrobetreibern war es früher familiärer. Man hielt zusammen, zum Wohl des ganzen Dörflis. Bei den Restaurants ist das Angebot sicher grösser geworden, und das zieht auch viel Kundschaft an. Aber diese Leute gehen nach Hause , wenn sie fertig gegessen haben. Danach kommt keine zweite Welle mehr und auch keine dritte, wie wir sie früher hatten – ausser ein paar Polterabenden am Wochenende und ein paar Nostalgikern, die den verblassenden Mythos des Dörflis suchen.

Was könnte der Grund sein – abgesehen von den fehlenden Parkplätzen?
Escher Wyss, der Kreis 4 und Oerlikon haben aufgerüstet, was das Nachtleben anbelangt, und die haben nicht so harte Lärmauflagen wie wir. Wenn hier eine Bar nach zehn Uhr die Fenster noch geöffnet hat oder die Passanten mal ein wenig lauter sind, gibt es sofort Beschwerden. Im Kreis 4 dagegen dröhnt es morgens um vier noch aus jedem Schuppen. Da wird mit ungleichen Ellen gemessen. Es macht den Anschein, als wolle man den nächtlichen Ausgang hier abwürgen.

Was macht Sie so sicher?
Nehmen Sie unseren Wurststand nebenan: Diesen Silvester musste er anders als früher um Mitternacht schliessen – wegen Lärmemissionen. Das muss man sich mal vorstellen: Lärmemissionen an Silvester!

Wie erklären Sie sich das?
Die Leute tun heute viel empfindlicher, dadurch ist es ruhiger geworden, und jetzt hört man jeden Mückenschiss – und regt sich darüber auf. Früher waren die Nachbarn oft selbst dabei, wenn die Dörfli-Besucher nach Polizeistunde draussen weitertranken.

Hat sich das verändert, weil andere Leute zugezogen sind?
Ich glaube nicht. Als kürzlich bekannt wurde, dass gleich gegenüber ein 24-Stunden-Shop aufgehen soll, schrieb eine anonyme Anwohnerin, es gebe hier viele Familien mit Kindern. Das ist doch Blödsinn. Wer zieht schon mit Kindern ins Rotlichtquartier? Ich habe an der Niederdorfstrasse noch keine gesehen. Die Leute sind einfach heikler geworden und wollen ihre Ruhe, obwohl sie vielleicht schon in den Siebzigern hierherzogen, weil es damals hip war.

Wie war das damals im Niederdorf?
Ich habe jene Jahre nur noch gestreift, als Rocker und Zuhälter hier wilde Auftritte hatten – in der legendären Cintra-Bar, wo heute das Tre Cucine ist, in der Dörfli-Bar oder dem Wellenburg. Damals gab es schwere Jungs hier und Dörfli-Originale. Es wurde öfter die Sau rausgelassen, und manchmal klöpfte es, wenn es Unstimmigkeiten gab. Trotzdem war immer Respekt vorhanden, die Szene kontrollierte sich selbst. Als ich hierherkam, war das Nachtleben sehr intensiv, ganz anders als an der Langstrasse.

An der Langstrasse war es ruhiger?
Als ich dort Anfang der Achtziger in einem Lokal ausgeholfen habe, trat ich um Mitternacht mal vor die Tür. Ich schaute nach links und rechts, aber da war weder ein Fussgänger noch ein Auto. Als schliesslich doch zwei Männer auftauchten, sagten sie: «Stadtpolizei – können Sie sich ausweisen?» Vor dem Calypso hingegen warteten die Leute schon um fünf Uhr nachmittags darauf, dass wir öffneten. Es gab damals nicht viele solche Lokale, und alle wollten das sehen. Auch Rueche und Junge – die ganze Palette.

Prominente?
Vor allem Sportler. Wir haben im Calypso eine Fotowand mit Olympiasiegern und Weltmeistern, nicht nur aus der Schweiz. Noch 2000 und 2001 haben die Eishockeyspieler des ZSC hier spontan ihren Meistertitel gefeiert. Damals war das Niederdorf noch ein Ausgangsviertel. Beim letzten Titelgewinn kam dann keiner mehr – obwohl wir alles dekoriert hatten.

Gibt es einen Grund, trotzdem noch im Dörfli auszugehen?
Fragen Sie mich als Geschäftsmann? Da wäre sicher mal das Calypso... Zudem ist das Niederdorf weniger hektisch als die Langstrasse. Hätten zwei, drei zusätzliche Bars nach Mitternacht geöffnet, würde wieder Leben einkehren. Aber erst muss diese Freier-Barriere weg.

Was sagen Sie als Privatmann?
Wenn ich nicht hier arbeiten würde, würde ich sagen: nein. Das Angebot ist zu klein für einen erlebnisreichen Ausgang. Nach Mitternacht haben an der Niederdorfstrasse nur noch vier Lokale offen und zwei Kebabstände. Hinzu kommen ein paar Prostituierte, die jedem Verirrten nachrennen. Das reicht nicht.

Erstellt: 18.02.2015, 15:40 Uhr

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Zur Person

Pierluigi Lionzo, genannt Luigi, arbeitet seit über dreissig Jahren im Nachtclub Calypso an der Niederdorfstrasse. Ins Geschäft reingerutscht ist er nach einer KV-Lehre über Aushilfsjobs. 1986 wurde er dann fest angestellt. In diesem Januar hat er den Betrieb übernommen. Lionzo wuchs als Sohn italienischer Einwanderer in Zollikon auf. Der 59-Jährige hat sich während 17 Jahren als alleinerziehender Vater um seine heute volljährigen Kinder gekümmert. (hub)

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