Zum Hauptinhalt springen

Erb-Villa hat nach Pannen-Versteigerung neuen Besitzer

Im Winterthurer Casinotheater endete das Erb-Imperium mit einer Zwangsversteigerung. Es lief nicht alles reibungslos.

Um dieses Objekt geht es: Die Erb-Villa Wolfensberg in Winterthur. Foto: Andrea Zahler
Um dieses Objekt geht es: Die Erb-Villa Wolfensberg in Winterthur. Foto: Andrea Zahler

Plötzlich herrschte kollektive Verwirrung im Casinotheater Winterthur. Seit einer halben Stunde boten mehrere Interessierte für die Villa Wolfensberg, den ehemaligen Sitz der Familie Erb, der gestern zwangsversteigert wurde (zu den Hintergründen). Über 30 Gebote waren eingetroffen. Bei 2,6 Millionen Franken gab der Notar den Zuschlag der Leemann + Bretscher Gruppe, einer grossen Winterthurer Immobilienfirma. Aber zu früh: Er erteilte ihn, bevor er «zum Dritten» gerufen hatte. Eine Bieterin konnte ihr Gebot nicht mehr platzieren.

Das Publikum hatte gar keine Freude, es kam zu lauten Zwischenrufen und Pfiffen. Das grelle Licht der Bühne schien dem Notar ziemlich unangenehm zu werden. Zuschlag erteilen oder weiterbieten? Man wollte lieber nicht mit ihm tauschen.

Der Chef musste eingreifen. Nach kurzer Rücksprache einigte man sich, doch mit dem Bieten weiterzumachen. «Aber diesmal deutsch und deutlich bitte!», kam es aus dem Publikum. Die Villa ging schliesslich trotzdem an die Immobilienfirma – nach 50 Geboten und für einen etwas höheren Kaufpreis von 2,9 Millionen Franken. Die konkursamtliche Schätzung der Villa lag mit 2,2 Millionen deutlich tiefer.

«Kauf diesen Mist bloss nicht!»

Robert Hofer, seit 1982 Inhaber der Immobilienfirma und neuer Besitzer der Villa, weiss noch nicht, was er mit dem Grundstück machen will. Er wolle jetzt zuerst einmal schauen, in welchem Zustand das Haus sei. Seine Frau habe ihm noch davon abgeraten, die Villa zu erwerben. «Sie sagte: ‹Kauf diesen Mist bloss nicht!›»

Er tat es trotzdem. Wieso? «Für Winterthur», sagte Hofer. Das Haus gehöre zur Stadt und sollte deshalb auch in deren Besitz bleiben. Wie der «Blick» schreibt, sind die früheren Besitzer keine Unbekannten für Hofer: Er hat mit den Söhnen von Hugo Erb die Schule besucht und war mit der Familie befreundet. Hofer selbst wohnt im Kanton Zug und plant auch nicht, nach Winterthur zu ziehen.

Vor der Zwangsversteigerung hatte man fast zwei Jahre vergeblich nach einem Käufer für die 1937 erbaute Villa mit 13 Zimmern, Pool und 6000 Quadratmeter Land gesucht. Auf dem Immobilienportal Homegate war sie für 2,95 Millionen Franken ausgeschrieben, also ziemlich genau den Kaufpreis, den Hofers Firma nun bezahlt hat.

Schlange vor dem Casinotheater

Das Interesse an der Versteigerung war riesig: Bereits eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn um 14 Uhr hatte sich im Casinotheater eine Schlange gebildet. Zwei Sicherheitsmänner hielten Wache, damit sich keine Schaulustigen vor der Saalöffnung reinschlichen. Das Konkursamt Winterthur-Wülflingen hatte extra den grossen Festsaal reserviert. Kapazität: 300 Plätze. Er war bis fast auf den letzten Platz besetzt – vor allem ältere Herren sassen im Publikum.

Die Anwesenden mussten sich eineinhalb Stunden gedulden, bis das «Filetstück», wie es der Notar nannte, versteigert wurde. Zuerst kamen ein Stück Wiese und ein Stück Wald unter den Hammer. Die 3000 Quadratmeter grosse Wiese an Hanglage ging an die Stadt Winterthur, die dafür 8000 Franken bezahlt. Der Schätzwert lag mit 9000 Franken nur wenig höher.

Die 14'000 Quadratmeter Wald waren sehr begehrt. Förster, Wolffreunde, Privatpersonen und die Stadt Winterthur überboten sich fleissig, fast 40 Gebote trafen ein.

Haldengut-Spross kauft Waldstück

Am Schluss übertrumpfte Andreas Schoellhorn mit 72'000 Franken alle anderen – er zahlte mehr als das Fünffache des Schätzwerts. Als er das Gebot platzierte, ging ein Raunen durch den Raum. Der Familie Schoellhorn gehörte lange Zeit die Haldengut-Brauerei, die Winterthur prägte. Für ihre Angestellten liess sie nahe der Badi Wolfensberg Chalets bauen, die noch heute sehr beliebt sind.

Heute abbruchreif: Früher war die Villa über viele Jahre der Sitz der Unternehmerfamilie Erb.
Heute abbruchreif: Früher war die Villa über viele Jahre der Sitz der Unternehmerfamilie Erb.

Die Villa Wolfensberg war 1934 ursprünglich von Kurt Schoellhorn erbaut worden. Andreas Schoellhorns Grossonkel nutzte sie vor allem als Sommerhaus. Der 65-jährige Andreas Schoellhorn hat vor einigen Jahren eine kleine Brauerei für Gourmetbiere im Kloster Fischingen gegründet. Den Wald habe er erworben, weil ihm der Erhalt der Biodiversität wichtig sei, er sehe seinen Kauf als «erweitertes Naturschutzprojekt». Auf die Villa bot er nicht.

Die gestrige Zwangsversteigerung war der letzte Akt im Konkursverfahren der Familie Erb. Die Erbs stiegen mit dem Autoboom in den 50er-Jahren zu einer der reichsten Unternehmerfamilien auf. Mit dem Tod des Firmenpatrons Hugo Erb 2003 fiel das Imperium aber wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Gruppe hinterliess mehrere Milliarden Franken Schulden. Es ist nach dem Swissair-Absturz die zweitgrösste Firmenpleite der Schweiz.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch