Jositsch ist der grösste Zürcher SP-Abweichler

Sozialhilfe, Mindestlohn oder Frauenquote: Hier hat die SP eine klare Meinung – und Ständeratskandidat Daniel Jositsch eine andere. Er ist nicht der einzige abseits der Parteilinie.

Politisiert nicht streng auf Parteilinie: SP-Ständeratskandidat Daniel Jositsch.

Politisiert nicht streng auf Parteilinie: SP-Ständeratskandidat Daniel Jositsch. Bild: Dominique Meienberg

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Soll Grossfamilien und jungen Erwachsenen die Sozialhilfe gekürzt werden? Soll der Umwandlungssatz für die 2. Säule gesenkt werden? Zu diesen Fragen haben die Nationalratskandidaten der SP eine klare Meinung: Nein. Das geht aus der Smartvote-Umfrage hervor, an der sich 33 der 35 SP-Kandidierenden beteiligt haben.

Eine ebenso klare Haltung hat die SP-Mehrheit zur Frauenquote in den Leitungsgremien der börsenkotierten Unternehmen und zum Mindestlohn von 4000 Franken: Ja. Der Star der Partei aber, Nationalrat und Ständeratskandidat Daniel Jositsch, weicht in all diesen Fragen ab von der Parteimeinung. Jositsch hatte bereits für Irritationen gesorgt, weil er sich an einem Wahlpodium kritisch zur AHV-Rentenerhöhung um 70 Franken geäussert hatte. Insgesamt weicht Jositsch in 11 von 65 Fragen ab. Keiner der 35 Kandidierenden auf der SP-Liste tut dies öfter als Jositsch. Er spricht sich auch für Spitalschliessungen aus und dafür, dass Zürich weniger in den Topf des nationalen Finanzausgleichs (NFA) einzahlen muss.

Durchschnittlich divergieren die SP-Kandidierenden nur 5,6-mal von der Mehrheitsmeinung. Die sozialdemokratische ist damit die geschlossenste der acht Zürcher Parteien im Nationalrat, was Jositschs Abweichungen umso bemerkenswerter macht.

SVP weniger geschlossen als SP

Eine klar höhere Abweichquote hat erstaunlicherweise die andere Polpartei. Bei der SVP unterscheiden sich die Antworten der Kandidierenden durchschnittlich 8,2-mal von der Mehrheitsmeinung. Ständeratskandidat Hans-Ueli Vogt (8) liegt genau in diesem Durchschnitt. Er ist etwa in gesellschaftlichen Fragen anderer Meinung als die Parteimehrheit. So ist Vogt für die Cannabislegalisierung und die Kinderadoption durch gleichgeschlechtliche Paare.

Mit 6,8 Abweichungen liegen die Grünen zwischen der geschlossenen SP und der SVP. Bastien Girod ist mit 5 abweichenden Meinungen gar linientreuer als der Durchschnitt. Bemerkenswert ist, dass Girod wie Jositsch bei den Spitalschliessungen und in der NFA-Frage in eine andere Richtung geht und ebenfalls entgegen der grünen Parteimeinung die vollständige Strommarktliberalisierung befürwortet.

Grosse Streuung in der Mitte

Mehr abweichende Antworten verzeichnen die Parteien, die weniger polarisieren. Die Meinungen der Kandidierenden sind stärker eingemittet, die Mehrheiten labil. Das erzeugt mehr Abweichungen. So zählt man bei den Freisinnigen im Durchschnitt 11,1 Abweichungen. Ruedi Noser kommt gar auf 12, wobei er – anders als der FDP-Durchschnitt – die Erhöhung des Rentenalters sowie die Adoption durch Gleichgeschlechtliche ablehnt und eine CO2-Abgabe auf Benzin und Diesel bejaht.

Bei der CVP kommen die Kandidierenden durchschnittlich auf 14,3 divergierende Stellungnahmen bei 65 Fragen. Barbara Schmid-Federer schafft es gar auf 17. Bei der EVP weicht Maja Ingold 11-mal von der Parteibasis ab. Das ist unter dem EVP-Durchschnittswert von 16,1. Die höchste durchschnittliche Abweichung hat die BDP mit 17,5.

Dass es in der politischen Mitte auch geschlossener geht, zeigen die Grünliberalen. Deren Kandidierende weichen nur 7-mal vom Parteimainstream ab. Martin Bäumle als Personifizierung der GLP ist gar nur 4-mal nicht derselben Meinung wie die Mehrheit seiner Schäfchen. So ist er gegen einen mehrwöchigen Vaterschaftsurlaub und das Ausländerstimmrecht auf Gemeindeebene.

Falls Sie den Kandidierenden für den Ständerat auf den Puls fühlen möchten: Heute Abend um 19.30 Uhr findet das grosse TA-Podium im Miller’s Studio an der Seefeldstrasse 225 in Zürich statt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2015, 16:20 Uhr

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